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    Über 130 Tote und 91 Verwundete – das US-Verteidigungsministerium hat einen Bericht über die Zahl der zivilen Opfer bei Einsätzen amerikanischer Soldaten im vergangenen Jahr veröffentlicht. Das Pentagon gibt sich auffällig bescheiden, kommentiert die „New York Times“ die offizielle Darstellung: Die Jahre davor waren viel blutiger.

    Übertrieben oder nicht, aber ein ranghoher Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums verglich die Luftschläge der US Air Force gegen das syrische Rakka mit dem Bombardement von Dresden 1945. An Bomben und Raketen sparten die amerikanischen Kampfjets wahrlich nicht, als sie vom 6. Juni bis 17. Oktober 2017 Rakka bombardierten – bis die US-geführte Koalition offiziell erklärte, die syrische Stadt eingenommen zu haben.

    Wie intensiv und wahllos bombardiert wurde, kann man den Berichten russischer Reporter entnehmen, die es geschafft hatten, kurz vor der Befreiung Rakkas in die Stadt zu gelangen. Bomben explodierten inmitten der Wohnviertel. Die US-Amerikaner schreckten nicht einmal vor dem Einsatz von Weißphosphor zurück, der durch internationale Konventionen als Waffe verboten ist.

    Einwohner der syrischen Stadt Rakka vor seinem zerbombten Haus, Oktober 2018
    © AFP 2020 / DELIL SOULEIMAN
    Einwohner der syrischen Stadt Rakka vor seinem zerbombten Haus, Oktober 2018

    Nach monatelangen Luftangriffen war Rakka nichts als eine einzige Ruine. Der UN-Gesandte in Syrien, Jan Egeland, musste im April 2018 einräumen, dass die Zerstörungen dort weitaus schlimmer seien als in Aleppo und Homs, die von den syrischen Regierungstruppen mit Unterstützung der russischen Luftwaffe befreit wurden. 70 Prozent der Gebäude in Rakka wurden nach Angaben der UN-Mission stark beschädigt oder zerstört.

    Schlimmer wird die Lage dadurch, dass die Hilfsorganisationen in Rakka nicht ungehindert handeln können: Etliche Viertel sind Trümmerfelder, Straßenzüge sind vermint. Die genaue Opferzahl ist unter diesen Umständen nicht zu ermitteln. Im November 2018 erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, 8000 Leichen wären geborgen worden, nachdem man nur zwei Prozent der Trümmer abgetragen hatte. Insgesamt sind je nach Schätzung bis zu 13.000 tote Zivilisten zu erwarten.

    Bomben – ohne Wenn und Aber

    Noch härter als Rakka bombardierten die amerikanischen Streitkräfte das irakische Mossul. Über ein Jahr lang wurde die Stadt in Nordirak beschossen und umkämpft – vom 24. März 2016 bis zum 10. Juli 2017.

    Die irakische Armee hatte Mossul lange und erfolglos einzunehmen versucht, bevor die US Air Force die Luftschläge verstärkte.

    Dabei folgte die US-geführte Koalition – so sagen es Menschenrechtler im Westen – einer Taktik der totalen Vernichtung, das heißt: ohne Rücksicht auf die zivile Bevölkerung. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 15 von 54 Bezirken im Westen der Stadt bis auf die Grundmauern aufgerieben. Die allermeisten der 32.000 zerstörten Gebäude waren Wohnhäuser. Rund 80 Prozent der städtischen Gesundheitseinrichtungen wurden laut der irakischen Verwaltung dem Erdboden gleichgemacht.

    Die genauen Opferzahlen sind bis heute nicht zu ermitteln. Die Vereinten Nationen sprechen offiziell von 2463 Toten, doch laut Menschenrechtlern starben allein durch Luftangriffe nahezu 6000 Zivilisten. Regierungspolitiker Hoshyar Zebari, Mitglied im irakischen Ministerkabinett, erklärte im Juli 2017 unter Berufung auf kurdische Geheimdienste, beim Sturm auf Mossul seien über 40.000 friedliche Bürger ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen wurden Opfer der massiven Luftschläge der US-Koalition, deren Ausmaß sich an einem Beispiel benennen lässt: Am 17. März 2017 beschoss die US-Luftwaffe ein Gebäude im Stadtteil Al-Dschadid, auf dessen Dach sich Scharfschützen des Islamischen Staates positioniert hatten, in dessen Innerem sich aber Zivilisten aufhielten. Es gab 200 Tote.

    Drohnenterror

    Überdies waren tote Zivilisten ein Dauerskandal in den 19 Jahren des Afghanistan-Krieges der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten. Viel zu häufig kam es zu fehlgeleiteten Luftschlägen, was bis heute Fragen nach der moralischen Vertretbarkeit von Kampfdrohnen aufwirft. Gut, die USA zeigen sich jedes Mal von der höflichen Seite und entschuldigen sich bei den Hinterbliebenen der Opfer, aber weitere Konsequenzen haben die Vorfälle nicht.

    Im Mai 2009 hatten die US-Amerikaner zwei Dörfer in der Provinz Farah angegriffen: 150 Zivilisten kamen ums Leben. Washington „bedauert zutiefst, was passiert ist“, sagte Hillary Clinton, die damalige US-Außenministerin. Ihr Kollege im Beraterstab von Präsident Obama, der nationale Sicherheitsberater James Jones, erklärte stumpf, das Pentagon behalte sich auch dann das Recht auf Luftschläge gegen Terroristen in Afghanistan vor, wenn dies zu Opfern unter der Zivilbevölkerung führe. Nur vier Monate später, im September 2009, legte die US-Luftwaffe nach und beschoss eine Tankwagenkolonne, um die herum sich Dutzende Zivilisten versammelt hatten: Es gab 90 Tote.

    US-Kampfdrohne MQ-9 Reaper auf dem Militärflugplatz Kandahar in Afghanistan (Archivbild)
    US-Kampfdrohne MQ-9 Reaper auf dem Militärflugplatz Kandahar in Afghanistan (Archivbild)

    Die Fälle, wenn Kampfpiloten der US-Luftwaffe afghanische Hochzeiten für Terroristentrecks hielten, sollen hier gar nicht erst erwähnt werden. Es sind zu viele – allesamt „inakzeptabel“ und „besorgniserregend“, erklärte Hamid Karzai 2009. Nur wegen „der engen Allianz mit den USA, der Hoffnung des Volkes auf eine bessere Zukunft und auf die komplette Zerschlagung des Terrorismus“ dulde die Regierung in Kabul diese Fälle, sagte der damalige afghanische Präsident. Aber: „Je häufiger es zu solchen Vorfällen kommt, desto weniger Geduld haben wir.“

    Jedoch hat die afghanische Regierung offenbar auch noch elf Jahre nach dieser Erklärung genug Geduld mit den Amerikanern. Die USAF schießt jedenfalls weiterhin erratisch umher: Erst Ende Januar kam es in der afghanischen Provinz Kunduz zum „Friendly-Fire“ durch eine Kampfdrohne: Es starben fünf Zivilisten.

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    Tags:
    Drohnenangriff, Afghanistan, Zivilisten, Kriegsverbrechen, Syrien, Irak, Mossul, Rakka, US-Armee