23:00 12 August 2020
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    Die Springer-Presse fährt bereits seit Wochen eine massive Kampagne gegen den Chef-Virologen der Berliner Charité, Christian Drosten. Um ihn zu denunzieren, greift die „Bild“ auch erneut in die Trickkiste der Fake-News und Falschbehauptungen. Ein Artikel von Montag entlarvt nun die Arbeitsweise der Redaktion und sorgt für eine enorme Protestwelle.

    Zum Hintergrund: Am 29. April veröffentlichte das Institut für Virologie an der Berliner Charité, das Christian Drosten leitet, einen Zwischenstand zu einer neuen Corona-Studie. Das Forscher-Team hatte untersucht, ob Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Das Ergebnis: Sie können es. Der Appell Drostens an die Politik lautete deshalb: Eine unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten sei in der gegenwärtigen Situation nicht zu empfehlen.

    Feindbild Drosten

    Bereits seit Wochen geht die Springer-Presse und ihr einstiges Flaggschiff „Bild“ hart gegen Drosten vor. Das Boulevardblatt versucht, den Virologen grob zu denunzieren und seine Ergebnisse durch andere Experten zu widerlegen. Warum vor allem Drosten im Fokus der Redaktion steht, ist unklar. Das kann mehrere Gründe haben: Unter anderem gab Drosten der „Bild“ in der Regel selten oder keine Interviews, man kann ihn dagegen in seinem wöchentlichen NDR-Podcast hören. Ansonsten hält sich Drosten aus den Medien heraus, in Talkshows sieht man ihn nicht. Auch zum ständigen Beraterstab der Bundesregierung gehört Drosten seit rund zwei Monaten nicht mehr.

    ​Nun hatte es die „Bild“ also auf die Kinder-Studie von Drosten abgesehen. Der Bild-Politikredakteur Filipp Piatov sammelte dazu anscheinend diverse Zitate von Medizinern, die das Zwischenergebnis der Studie anzweifeln. Dabei findet die Redaktion im Internet einzelne Kritikpunkte, unter anderem von Prof. Dominik Liebl von der Universität Bonn, Prof Jörg Stoye von der Cornell University im US-Staat New York, oder von Prof. Christoph Rothe von der Universität Mannheim. Außerdem telefonierte Piatov anscheinend mit einem Mitarbeiter Drostens, der an der Studie beteiligt ist. Soweit, so gut.

    Schritt für Schritt zu einem falschen Skandal

    Am vergangenen Montag um 15 Uhr schreibt Redakteur Piatov schließlich eine E-Mail an Christian Drosten, die Sputnik ebenfalls vorliegt. In dieser Mail sind bereits die Linie und die tendenziöse Berichterstattung des späteren Artikels erkennbar. Piatov schreibt an Drosten, dass die „Bild“ einen Artikel über die Experten-Kritik an seiner Studie verfasse. Dann listet der Redakteur einige Zitatfetzen der genannten Professoren auf. Darunter Fragen, die Drosten beantworten soll, wie:

    „Seit wann ist Ihnen bekannt, dass es ernstzunehmende Kritik an Ihrer Studie gibt?“ und „Stehen Sie weiterhin zu den Methoden und der Aussagekraft der Studie?“

    Zur Beantwortung der Email gibt Piatov eine Frist: Dier Stellungnahme Drostens solle bis 16 Uhr geschehen. Drosten lässt die E-Mail unbeantwortet, twittert aber einen Screenshot der Mail mit den Worten

    „Ich habe Besseres zu tun.“

    Etwas heikel: Drosten verbreitet den Screenshot der Email inklusive Telefonnummer und Emailadresse des Redakteurs. Als dem Virologen sein Fehler auffällt, löscht er den Tweet und ersetzt ihn durch einen Screenshot ohne die persönlichen Daten.

    ​Der Artikel erscheint dann auf der Homepage der „Bild“ am Montag um 16:34 Uhr, also nur rund eine halbe Stunde nach Ende der Frist. Um 18:32 Uhr erscheint der gleiche Artikel in einem weiteren Springer-Boulevardblatt, der „B.Z.“ aus Berlin. Es kann also durchaus angenommen werden, dass der Text bereits zum Zeitpunkt der Email-Anfrage an Drosten schon fertig war.

    Zwischen den Zeilen…

    Zum Inhalt: Piatov stellt die Frage, ob die deutsche Schulpolitik einer „falschen Studie“ zum Opfer fiel. Dabei wird dem Leser natürlich impliziert, dass die Studie tatsächlich bewiesenermaßen falsch sei, was so nicht stimmt. Es werden im Artikel dann die Zitat-Fetzen der kritischen Professoren genannt. Auch heißt es:

    „Brisant: Nach BILD-Informationen findet die Kritik auch Zustimmung in Drostens Forscherteam. Intern wurden die Fehler bereits eingestanden.“

    Dabei bezieht sich Piatov auf das Telefonat mit dem Drosten-Mitarbeiter. Belege dafür werden aber nicht genannt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Aus dem Umfeld der Charité wurde bekannt, dass Piatov mit einem englischsprachigen Mathematiker an der Charité telefoniert hatte, der gar keine Kritik an der Studie anbrachte. Stattdessen habe der Forscher versucht hatte zu erklären, dass die Studie nur ein Zwischenstand ist und natürlich weiter geforscht werde. Nicht, weil das Ergebnis falsch sei, sondern weil ein Update erstellt werde.

    „Bild“? Nein danke…

    Fast zeitgleich haben sich am Montagabend auch die im Artikel zitierten Professoren per Twitter und in Interviews zu Wort gemeldet. Prof. Stoye etwa schrieb, er wolle kein Teil einer Anti-Drosten-Kampagne sein:

    „Ich stand und stehe in keinerlei Kontakt zur BILD (sic!). Natürlich habe ich größten Respekt vor Christian Drosten. Deutschland kann froh sein, ihn und sein Team zu haben.“

    Auch Prof. Liebl aus Bonn äußerte sich direkt. Er schrieb auf Twitter, er habe nichts von der „Bild“-Anfrage an Drosten gewusst und er distanziere sich von dieser Art, Menschen unter Druck zu setzen, auf das Schärfste:

    „Wir können uns mehr als glücklich schätzen, Christian Drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben. They saved lifes!“

    Ähnlich klingt es bei dem im Artikel zitierten Prof. Rothe aus Mannheim: Niemand von der „Bild“ habe mit ihm gesprochen, auch er distanziere sich ausdrücklich von dieser Art der Berichterstattung.

    ​Piatov, der Autor des Artikels, sah sich danach anscheinend gezwungen, selbst auf Twitter zu reagieren. Er schreibt, dass sich die Professoren zwar von der „Bild“ distanzieren, aber an ihrer Kritik zur Studie festhalten würden. Diese öffentliche Kritik habe das Blatt lediglich zitiert. Auch „Bild“-Cheredakteur Julian Reichelt reagiert: Innerhalb von rund zwei Stunden teilt er auf Twitter 25 Reaktionen gegen Christian Drosten. Das ist ungewöhnlich und entlarvt ein weiteres Mal die nicht vorhandene Neutralität des Springer-Konzerns.

    Das Fazit:

    In dem Artikel wurde vom Redakteur eine der wichtigsten Aussagen der Drosten-Studie verändert: „Kinder können genauso ansteckend sein wie Erwachsene“, heißt es in B.Z. und „Bild“. Im Original der Studie hieß es jedoch „könnten genauso ansteckend sein“. Ein sehr wichtiger Unterschied. Außerdem wurden die Zitate der kritischen Professoren stark verkürzt und auch als Kritik an der Person Drostens dargestellt, was nicht stimmt. Ebenso ist die interne Kritik aus Drostens Team frei erfunden. Die Studie als grundsätzlich falsch darzustellen, ist tendenziös und widerspricht den bekannten Fakten, zumal es kein endgültiges Studienergebnis ist. Es wird weiter zu dem Thema geforscht und ausgewertet. Das interessiert die „Bild“ und Autor Filipp Piatov aber wenig. Ihm geht es um einen Skandal, der keiner ist.

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    Tags:
    Studie, Coronavirus, Fake-News, Christian Drosten, Springer-Verlag, Bild