00:05 10 Juli 2020
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    Forschende der Zürcher ETH haben mithilfe eines mathematischen Modells die Ausmaße einer zweiten Coronawelle in der Schweiz berechnet. Die Ergebnisse der Simulation besagen ein langsames Anrollen, doch eine deutlich höhere Todeszahl. Aufgrund längerer Vorbereitungszeit der Behörden rechnet die ETH nicht mit einer Überlastung des Gesundheitswesens.

    Mit einem mathematischen Modell der Eidgenössischen Technische Hochschule (ETH) haben Forschende das Ereignis einer möglichen zweiten Pandemiewelle errechnet. Die Entwickler dieses Modells sind der Professor für Numerische Materialmodellierung im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Dirk Mohr, sowie Fadoua Balabdaoui, Senior Scientist am Seminar für Statistik. Sie prognostizieren mit ihrem Modell, dass die zweite Welle der Coronavirus-Pandemie deutlich langsamer kommen würde als die erste. Falls und ob die zweite Welle kommt, sei jedoch immer noch eine Spekulation.

    Lernprozesse und versteckte Gefahren

    Die Begründung für diesen langsamen Anstieg der Fallzahlen finde sich vor allem im Lernprozess unserer Gesellschaft. Mit dem Wissen, das von der ersten Welle kommt, könnten Behörden besser reagieren. Mohr sagte auch, dass diese vergleichsweise mehr Zeit hätten, um die Maßnahmen laufend anzupassen. Auch das Ansteigen der Reproduktionszahl um höher als 1, bewirke mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen so hohen Anstieg wie in der ersten Infektionswelle Anfang März.

    Daraus lasse sich folgern, dass es bei einer zweiten Welle nicht zu einem Engpass im Gesundheitswesen führen werde. „Das ist einerseits eine gute Nachricht, andererseits aber auch trügerisch“, so Mohr. „Besonders heimtückisch wäre eine sehr langsam ansteigende zweite Welle mit einer Reproduktionszahl nur knapp über 1“. Die Gefahr dabei besteht in der Kooperation mit der Bevölkerung. Indem die Befürchtung vor einem Kapazitätenengpass nicht mehr vor Augen der Menschen gehalten wird, besteht die Bedrohung es nicht mehr ernst zu nehmen.

    Junge Superspreader

    Einen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess habe die Publikation Mohrs und Balabdaouis noch nicht absolviert. Doch die Daten beruhen auf Informationen der vergangenen Wochen. Für die Kalibrierung des Modells benutzten die Forscher offizielle Zahlen der Kantone. Was besonders ist bei diesem Modell, ist die Einbeziehung der Demografie und altersspezifischen Kontaktmustern. Die gesonderte Beobachtung für jede Altersgruppe ergab, dass vor allem 10- bis 20-Jährige sehr stark zur Virusverbreitung beitragen würden. Auch überdurchschnittlich hoch sei die Verbreitung durch 35- bis 45-Jährigen.

    Auf die Todeszahlen würden mehrere Faktoren ihren Einfluss nehmen. In einem Szenario gelte, dass jetzige Abstandsregeln gelten, 30 Prozent aller Arbeitskräfte im Homeoffice arbeiten und alle Schulen ohne Einschränkungen geöffnet seien. In solch einer Situation könne man laut der Simulation mit ungefähr 5000 Covid-19-Toten rechnen. Diese Verluste beziehen sich lediglich auf die zweite Welle. Die Todeszahl der ersten Welle beträgt im Moment fast 1650 (Stand 28.05.20) Personen. Ein Erreichen des maximalen Bedarfs von Intensivbetten würde jedoch nicht erreicht werden. Aufgrund der langen Dauer der zweiten Welle, würde dieser sogar weit unter dem der ersten Welle liegen.

    Dies sei jedoch eins der schlimmeren Szenarien: Mit der Einführung von infektionshindernden Maßnahmen würde auch die Todeszahl stark sinken. Dabei legten die Wissenschaftler ihren Fokus vor allen Dingen auf Jugendliche und junge Erwachsenen. Eine konsequente Einhaltung der Abstandregelung und Hygienemaßnahmen in Schulen könnte zu fünfmal geringeren Todeszahlen führen (von 5000 Toten zu 1000).

    „Wir müssen uns bewusst sein: Wenn die Reproduktionszahl über 1 liegt, lohnen sich Maßnahmen in den Schulen, bei der Arbeit und im öffentlichen Leben. Sie mögen im Einzelfall übertrieben erscheinen, doch sie retten immer Menschenleben“, so Mohr.

    lm

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    Tags:
    Szenario, Pandemie, Modelle, Forschung, Coronavirus