19:27 28 Oktober 2020
SNA Radio
    Panorama
    Zum Kurzlink
    Von
    1717285
    Abonnieren

    Ein seltsamer Fall beschäftigt gerade das Berliner Kammergericht: Der russische DJ Denis Kaznacheev wurde Ende Mai im Auftrag der USA in Berlin festgenommen mit dem Vorwurf, seit rund zehn Jahren im Darknet Geldwäsche betrieben zu haben. Es wird auf seiner Auslieferung gepocht. Seine Unterstützer befürchten einen Identitätsdiebstahl - zurecht?

    „Lärm machen! Ich bin hier unschuldig. Bitte halt mich hier raus!“: In der Nacht zum Sonntag ist auf der Facebook-Seite des russischen in Berlin lebenden DJ Denis Kaznacheev ein verzweifelter Appell erschienen, der bereits von beinahe 300 Menschen geteilt wurde.

    Ein Tropfen im Ozean, wäre Kaznacheev ein supererfolgreicher Musiker, aber gerade das ist er anscheinend nicht - und ist trotzdem bekannt genug. In dem Hilfeaufruf, den seine Buchungsagentin Denise Gluck von der deutsch-französischen Agentur Rotate veröffentlichte, ist die Lage der Dinge wie folgt geschildert:

    Vor sieben Tagen wurde Kaznacheev im Auftrag des US-Justizministeriums von der deutschen Polizei festgenommen. Dazu ersucht die US-Behörde um seine Auslieferung an die Vereinigten Staaten wegen angeblicher Geldwäsche und dunkler Internetaktivitäten - und zwar sofort. „Wir stehen zu Denis’ Unschuld und es besteht die Möglichkeit, dass seine Identität gestohlen und für kriminelle Aktivitäten verwendet wurde… Wir stehen gegen die Auslieferung unschuldiger Menschen an die USA!“, heißt es weiter im Appell. Es wird anschließend um Spenden gebeten sowie um die Unterstützung beim Unterschreiben einer Petition, die dem Berliner Kammergericht vorgelegt werden soll - damit eine „rücksichtslose“ Auslieferung an die USA verhindert werde, wo die Rechtssysteme sich Jahrzehnt für Jahrzehnt als „gebrochen, korrupt und ungerecht“ gezeigt hätten. Deutschland sollte zu Denis Unschuld und fairer Zivilbehandlung stehen und ihn verteidigen, um eine Auslieferung zu vermeiden, da es bisher keinen Beweis für seine Schuld gebe, fordern die Verfasser der Petition.

    „Hätte er solche Aktivitäten tatsächlich betrieben...“

    „Denis war am 29. Mai in seiner Berliner Wohnung als ein Krimineller festgenommen und zur Justizvollzugsanstalt Moabit gebracht worden“, erzählt Denise Gluck in einem Telefongespräch mit Sputnik. Sie buche seine Auftritte seit 2015. Am nächsten Tag seien ihm in einem Beschluss die Vorwürfe vorgelegt worden, also die Geldwäsche und eine Teilnahme an einer russischen Cybermafia.

    „Denis und diese Art von Aktivitäten?“, wundert sich Gluck, „Ich kann es nicht glauben. Er ist einfach nicht fähig dazu.  Er ist ein hart arbeitender Musiker, der auf Touren geht, um seine Miete zu bezahlen, sehr bescheiden. Hätte er solche Aktivitäten tatsächlich betrieben, hätte er auch einen anderen Lebensstil, sagen wir mal.“

    Um welche Summe geht es in den Vorwürfen? In den russischen Medien wurde unter Verweis auf eine vertrauliche Quelle „über eine Million US-Dollar“ erwähnt, dabei meint Gluck, dass es sich dabei um Spekulationen handele und der ‘Beschluss’ dazu nichts sage. Ob der Musiker so viel verdient, dass er in zehn Jahren doch so viel Geld hinterzogen haben mag? Das bestreitet Gluck. „Natürlich spielt er fast jede Woche, kriegt aber von 1.000 bis 2.000 Dollar für einen Auftritt. Sein monatliches Einkommen dürfte in den letzten Jahren kaum über 2.000 netto liegen. Es kann selbst in Jahren keine Million Dollar sein. Er ist kein kommerzieller Künstler“. Zwar habe er ein eigenes kleines Label für die elektronische Musik, Nervmusic, sagt Gluck weiter, aber gerade in den USA sei er sehr wenig aufgetreten - letztes Mal etwa 2017 auf einer Tour. Er trete eher in Clubs und auf Festivals in Asien, Europa oder in Südamerika auf. Auch in Berlin lebe der 36-Jährige erst seit einigen Monaten, nachdem er sich hier angemeldet und eine deutsche Steuer-ID bekommen habe, um nicht ständig aus Russland pendeln zu müssen. 

    Wie sieht die Beweislage der USA aus?

    Auf eine Sputnik-Anfrage bestätigte der Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner, dass der Hintergrund der Festnahme von Kaznacheev durch die Berliner Polizei ein internationales Rechtshilfeersuchen der USA ist. Der erste Schritt des Verfahrens sei eine Festhalteanordnung. Dieser könne dann ein Auslieferungsverfahren folgen. Zum konkreten Vorwurf äußerte sich Steltner nicht und verwies an das US-Justizministerium in Washington. Sputnik hat für eine entsprechende Anfrage nach den Beweisen an das Bundesamt für Justiz Bonn geleitet, das für die Koordinierung solcher Rechtshilfeersuchen in Deutschland zuständig ist. Die Antwort der Behörde steht noch aus.

    Der Anwalt des Musikers, Dr. Jonathan Burmeister, sagte seinerseits am Montagmittag gegenüber Sputnik, dass er noch über keine Akte zu dem Fall verfüge. Den konkreten Vorwurf mit Beweismitteln könne er darum noch nicht beurteilen. Es heißt jedoch eben, Herr Kaznacheev habe seit rund zehn Jahren im Darknet Geldwäsche betrieben. Die ermittelnde US-Behörde ist lautBurmeister das US-Bezirksgericht Maryland. Burmeister wies eben darauf hin, dass das Auslieferungsverfahren nun am Berliner Kammergericht vorbereitet werde. Hierbei werde nicht über Schuld oder Unschuld, sondern über die Auslieferung in die USA verhandelt.Dafür müsse die US-Behörde erst plausibel machen, dass Gründe für die Auslieferung bestehen würden. Auf eine entsprechende Sputnik-Anfrage sagte die Pressesprecherin des Berliner Kammergerichts, Lisa Jani, dass eine entsprechende Aktenlage dem Gericht noch nicht vorliege. Man werde Sputnik aber auf dem Laufenden halten, sobald man genug Informationen zu dem Fall habe.

    Was Burmeister nun erreichen will, ist, dass Kaznacheev nicht in Haft auf das Verfahren warten muss. Da Kaznacheev seinen Lebensmittelpunkt in Berlin habe, hier sein soziales Umfeld sowie sein Musikstudio habe, seien auch keine Haftgründe gegeben, sagte der Anwalt weiter gegenüber Sputnik. Auch Burmeister beschreibt Kaznacheev als Musiker und Künstler, der nicht in Reichtum lebe, sondern selber immer zusehen müsse, wie er die nächste Miete bezahlen könne. Sein Mandant beteuere eben, von den ihm zur Last gelegten Vorwürfen nichts zu wissen und selber noch nie im Darknet gewesen zu sein.

    Das russische Konsulat soll sich in Kürze einschalten

    Inzwischen hat sich auch die Russische Botschaft in Berlin zu dem Fall gemeldet. Man sei über das Geschehene informiert, heißt es in der Antwort, die Sputnik vorliegt. Von  D. Kaznacheev seien aber noch keine Anträge auf konsularische Rechtshilfe eingegangen. Man stelle derzeit Kontakt zum Betroffenen, seinem Anwalt sowie zur involvierten Haftinstitution her, um alle Umstände zu klären.

    „Denis ist ja russischer Bürger“, sagt Gluck. „Er muss diesen Brief an das Konsulat selbst schreiben, er hat es noch nicht gemacht, aber er will es.“ Die Petition zur Unterstützung des Musikers haben bereits mehr als 4.300 Menschen unterzeichnet. In den Kommentaren auf Facebook sagen ihm viele Bekannte ihre Solidarität und Unterstützung zu. „Dies ist einer der nettesten Typen, die ich je getroffen habe. <...> Es ist definitiv nicht richtig“, schreibt ein gewisser Russel Tan. „Wie kann es sein?! Vorgestern noch habe ich ihn gehört. Im Allgemeinen ist er einer meiner Lieblingskünstler. Und wie hängt er mit den Vereinigten Staaten im Allgemeinen und mit der Geldwäsche zusammen?“, fragt seinerseits der Nutzer Jewgeni Kotikow zurück.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    MdB Hansjörg Müller (AfD) zum Fall Nawalny: Die deutsche Seite will nicht kooperieren
    Bund und Länder wollen Freizeiteinrichtungen weitgehend schließen
    Hohe Corona-Zahlen: Drosten fordert „Mini-Lockdown“ und Lauterbach Kontrollen in Privatwohnungen
    „Charlie Hebdo“ zeigt Erdogan-Karikatur als Titelbild – Kritik aus Türkei
    Tags:
    Darknet, Musiker, Haft, Auslieferung, Festnahme, Russe, Deutschland, USA