19:06 28 Oktober 2020
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    Polens Regierung nennt es ein „Missverständnis“, das bisher immer noch nicht geklärt ist: Polnische Soldaten überschreiten „aus Versehen“ die Grenze zu Tschechien und „besetzen“ ein Waldstück mit einer kleinen Kirche. Erst nach Druck des tschechischen Außenministeriums zieht die polnische Armee ab. Anwohner und Touristen sind verwundert.

    Wie der „Mitteldeutsche Rundfunk“ (MDR) Ende vergangener Woche berichtete, besetzten Soldaten der polnischen Armee für einen kurzen Zeitraum „versehentlich“ einen kleinen Teil der Tschechischen Republik im grenznahen Gebiet zu Polen. Obwohl nur sehr klein, gehört dieser winzige Fleck völkerrechtlich zum tschechischen Territorium. Truppen eines anderen Landes haben dort im Idealfall nichts zu suchen. Konkret handelt es sich dabei um eine kleine Kapelle in einem Waldstück auf tschechischer Seite, die Soldaten aus Polen besetzt hielten. Die Kapelle liegt etwa 30 Meter vom tschechisch-polnischen Grenzbach entfernt. Sie wird seit der Wende immer wieder von Tschechen und Polen zugleich für gemeinsame Gottesdienste genutzt.

    „Lange Jahre verfiel die Kapelle still im Niemandsland“, so der MDR. „Erst nach dem Schengen-Abkommen, als die Grenze durchlässig wurde, zog hier wieder Leben ein. Vor wenigen Jahren wurde sie von tschechischen und polnischen Freiwilligen restauriert.“

    Vor einigen Monaten wiederum schlossen Polen und Tschechien zum Schutz vor dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 ihre Grenzen. Seitdem patrouillierten kleine Trupps der Armeen des jeweiligen Landes an beiden Staatsgrenzen.

    Als die polnische Armee einmarschierte …

    Zu dem kuriosen „militärischen Missverständnis“ kam es, als vor wenigen Tagen die Grenzöffnungen in Europa erfolgten im Zuge der aktuellen Lockerungsmaßnahmen. Auch Tschechien öffnete seine Grenzen bekanntlich wieder. Die Bewohner eines Dorfes auf tschechischer Seite staunten nicht schlecht, als ihre Kapelle plötzlich von polnischen Soldaten besetzt wurde.

    „Offenbar hat das Militär in Polen da etwas falsch verstanden! Denn kürzlich sind polnische Einheiten in tschechisches Gebiet vorgedrungen und haben eine Kapelle nahe des Dorfes Pelhřimovy besetzt. Eigentlich waren die polnischen Soldaten mit der Sicherung und Abriegelung der polnischen Grenze aufgrund der weltweiten Coronavirus-Pandemie beauftragt. Doch plötzlich haben sie es sich mit einem Lagerfeuer auf der anderen Seite der Grenze gemütlich gemacht und in der Kapelle eine Art Checkpoint eingerichtet – natürlich streng bewacht mit Maschinengewehren.“

    „Zutritt verboten“: Polens Heer schlägt Lager in Tschechien auf

    Wer zu diesem Zeitpunkt die kleine denkmalgeschützte Kapelle am Ufer des polnisch-tschechischen Grenzbaches besuchen wollte, wurde dem Bericht zufolge rigoros verjagt. Die polnischen Soldaten machten deutlich: „Zutritt verboten! Keine Widerrede! Fotografieren verboten! Dabei liegt das Baudenkmal an einem Radwanderweg – wohlgemerkt auf tschechischem Staatsgebiet. Eigentlich hätten die polnischen Soldaten hier nichts zu suchen.“

    Schließlich reagierte nach vielfachen Beschwerden durch Anwohner und Touristen die tschechische Regierung.

    Das Innen- und das Außenministerium Tschechiens kontaktierten daraufhin die Ministerien in Polen. Prag legte letztlich eine formelle Beschwerde bei den zuständigen Kollegen in Warschau ein. Doch die Soldaten der polnischen Armee störte das scheinbar kaum: „Statt unverzüglich abzuziehen, lockerte die polnische ‚Besatzertruppe‘ lediglich ein wenig das ‚Besatzerregime.‘ Tschechische Touristen durften nun wieder in die kleine Kapelle.“ Die polnischen Soldaten allerdings seien noch eine Weile am Standort geblieben, hieß es laut tschechischen Medien.

    Warschaus Verteidigungsministerium nimmt Stellung

    Erst nachdem der Druck durch das tschechische Außenministerium immer größer wurde, verließen die Soldaten aus Polen das fremde Terrain wieder.

    Kürzlich bezog das polnische Verteidigungsministerium Stellung zum Grenzzwischenfall. Es habe sich um ein Missverständnis gehandelt, dieses sei jedoch inzwischen wieder korrigiert worden. Wie es zu diesem nicht alltäglichen „Missverständnis“ allerdings überhaupt kommen konnte, ist dem MDR-Bericht zufolge immer noch nicht geklärt.

    Hohn und Spott für Polens Armee im Netz

    Der Vorfall hat vor allem im polnischen Internet eine Welle von Spott-Kommentaren ausgelöst. „Ist das wirklich wahr?“, fragten manche.

    Andere Nutzer spotteten: „Google Maps hat die polnischen Soldaten wohl fehlgeleitet.“ Oder: „Was macht die tschechische Armee? Sitzt wohl bei Bier und Knödel in der Dorfkneipe.“

    In manchen Kommentaren wurden „auch schwere historische Geschütze aufgefahren“. So erinnerten manche Nutzer an das Jahr 1938, als Polen das Münchner Abkommen nutzte und das Olsagebiet besetzte. Um diese Region hatten sich die Tschechoslowakei und Polen seit Jahren gestritten.

    Die kleine Kirche im Wald, also die zwischenzeitlich durch Polen besetzte Kapelle, kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Polnische Vorfahren wurden nach 1945 aus den ehemals polnischen Ostgebieten dorthin umgesiedelt. „Da sie Mitleid mit den ehemaligen deutschen Bewohnern der Gegend hatten, die nach Kriegsende ihre Heimat ebenfalls verlassen mussten, haben sie in der Kapelle eine Figur aufgestellt: Eine Mutter Gottes, die als Beschützerin der Aussiedler dargestellt ist.“

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    Tags:
    Armee, Tschechien, Polen