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    In Deutschland existiert – heute fast vergessen – eine Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg fünfte Besatzungszone war. Im niedersächsischen Emsland wurde 1945 eine polnische Exilregierung etabliert. Die dort lebenden Deutschen wurden dafür aus ihren Häusern vertrieben. Das sorgte sogar für Streit zwischen Churchill und der Sowjetunion.

    Die Kleinstadt Haren an der Ems hat heute rund 23.000 Bewohner, sie liegt in Niedersachsen kurz vor der Grenze zu den Niederlanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Region eigentlich zu britischen Besatzungszone, doch das sollte sich schnell ändern. Noch während des Krieges waren hier in den berüchtigten Emsland-Lagern rund 30.000 Menschen inhaftiert, überwiegend Teilnehmer am Warschauer Aufstand von 1944. Zum Ende des Weltkrieges waren außerdem rund 18.000 polnische Soldaten in der Gegend stationiert, die mit einer Panzerdivision an der Seite der Briten gegen Hitlers Truppen gekämpft hatten.

    Churchill stimmt zu

    Nach Kriegsende verblieben die Polen zunächst im Emsland, denn Transportkapazitäten in ihr Heimatland gab es nicht. Viele verweigerten aber die Heimreise in das inzwischen kommunistische Polen, das nun unter Sowjet-Kontrolle stand. So trug es sich zu, dass der kanadische General Henry Crerar auf die Idee kam, einen kleinen Teil der britischen Besatzungszone an die Polen abzugeben. Der Plan wurde umgehend dem englischen Premierminister Winston Churchill vorgelegt, und der stimmte zu.

    Vertreibung ohne Wiederkehr

    Für die damals rund 4000 Seelen große Gemeinde Haren war das allerdings eine Katastrophe: Im Mai 1945 verkündete der Gemeindebote in den Straßen des Ortes, dass alle Einwohner binnen 48 Stunden ihre Häuser verlassen müssen:

    „Das Räumungsgebiet ist von allen Menschen und Tieren frei zu machen.“

    Mitgenommen werden durften lediglich Wertsachen, Kleidung, Lebensmittel und Haustiere. Möbel, Matratzen und Hausstand bis hin zu Tellern und Besteck mussten in den Wohnungen verbleiben und sollten fortan den polnischen Besatzern zur Verfügung gestellt werden.

    Ein Stück Polen in Deutschland

    Haren wurde damit das Verwaltungszentrum einer polnischen Zone, die ein Gebiet von knapp 6500 Quadratkilometern umfasste. Da die überwiegende Mehrzahl der neuen Bewohner aus den damaligen polnischen Woiwodschaften Lemberg und Stanislau stammte, dem heutigen Iwano-Frankiwsk, wurde die Stadt Haren zunächst in Lwów umbenannt. Die wichtigsten Straßen der Stadt erhielten polnische Namen. Bereits nach einem Monat wurde am 24. Juni 1945 auf sowjetischen Druck der Name erneut geändert. Die Stadt wurde schließlich nach dem polnischen General Stanislaw Maczek benannt, der mit seiner Panzerbrigade die umliegenden Gefangenenlager befreit hatte.

    Im Juni 1945 wurde die niedersächsische Kleinstadt Haren unter polnischer Besatzung in Maczków umbenannt.
    © Foto : Archiv A. Sekowska
    Im Juni 1945 wurde die niedersächsische Kleinstadt Haren unter polnischer Besatzung in Maczków umbenannt.

    In Maczków wurden daraufhin ein Bürgermeister und ein zwölfköpfiger Stadtrat gewählt. Außerdem gab es ein neues Amtssiegel mit einem neuen Wappen, das die Feldzeichen der polnischen I. Panzerdivision zeigte: eine Mohnblume, einen Stahlhelm und einen Husarenflügel. Eine der Hauptaufgaben der neuen Stadtverwaltung bestand in der Zuteilung von Lebensmitteln und Unterkünften. Auch gab es eine polnische Polizei und Feuerwehr sowie eine polnische Tageszeitung, mehrere Schulen und ein Kino. Zusätzlich wurde eine Gemeinschaftsverpflegung eingerichtet, was angesichts der Ressourcenprobleme wichtig war. Die Lebensmittelversorgung lag zunächst in den Händen der Militärbehörden und ging dann auf Hilfsorganisationen über.

    Verzicht im Alltag

    Probleme im Alltag gab es damals viele. Da die staatenlosen Polen nicht in deutschen Betrieben arbeiten durften, gab es einen großen Mangel an Beschäftigung. Rund zehn bis fünfzehn Prozent kamen als Arbeitskräfte in Lagern der Alliierten unter, in Maczków entstanden außerdem mehrere polnische Handwerksbetriebe, es gab Werkstätten und Uhrmacher. Angaben aus dem März 1947 besagen, dass die Stadt 4443 Einwohner hatte, von denen knapp 900 eine Beschäftigung aufgenommen hatten. Seinerzeit gab es viele schwer angeschlagene Menschen in der Stadt, die jahrelange Lagerhaft und der Krieg waren nicht folgenlos für die Gesundheit geblieben.

    Deutsch-polnischer Rollenwechsel

    Bei den Deutschen waren die Polen und ihre Besatzungszone derweil verhasst. Schon unter den Nationalsozialisten waren sie als „Pollacken“ verunglimpft worden, und nun „besetzten“ sie ihre Häuser und nahmen ihnen fast alles weg, was sie besaßen. Der polnische Historiker Prof. Jan Rydel stellte in seinen Recherchen fest, dass es damals einen ungewöhnlichen Rollenwechsel in der deutsch-polnischen Geschichte gegeben habe:

    „Polen als Besatzer in Deutschland. Dazu noch: Es geht nicht um strittige Gebiete. Es geht um deutsches Kerngebiet.“

    In der gesamten Zone waren die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen angespannt. Zu einem Eklat kam es im Februar 1946, als eine wochenlange Flut das Emsland heimsuchte. In Haren liefen zahlreiche Häuser mit Wasser voll. Die polnischen Bewohner kümmerten sich jedoch nicht um die Schäden, was die Wut der ursprünglichen Hausbesitzer massiv verstärkte. Als die Exil-Polen dann noch Möbel aus öffentlichen Gebäuden trugen, um sie als Brennholz zu verwenden, kam es zu lautstarken Protesten der Deutschen.

    Nur ein kurzes Kapitel

    Zunehmend wuchs nun der Druck der Westalliierten, um die polnischen Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen, da ihre große Zahl sowohl politische als auch ökonomische Probleme hervorrief. In den Folgejahren hatten daraufhin viele polnische Einwohner von Maczków die Chance genutzt, in andere Länder auszuwandern. Im September 1947 übergab die britische Besatzungsmacht die Stadt wieder an die Deutschen zurück. In den folgenden Monaten verließen immer mehr Polen das Gebiet. Die letzte polnische Familie verließ Maczków im August 1948. Ab September hieß die Stadt schließlich wieder Haren. Aus dieser Zeit sind Schriftstücke überliefert, die hämische Reime und Verse über die polnische Besatzung enthalten:

    „Es klingt wie eine Sage, dass es aus ist mit der Plage“

    An die Konzentrations- und Gefangenenlager sowie an die Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter in der Stadt erinnerte man sich dagegen anscheinend nicht. Aus dieser Zeit stammen auch negative Vorurteile gegenüber Polen, denen häufig Diebstahl oder Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Wissenschaftliche Forschungen in den 1990er Jahren haben aber ergeben, dass diese Vorurteile in der Region nicht bis heute Bestand haben.

    Lebendiger Geschichtsunterricht

    Heute erinnert kaum mehr etwas an die einstige Besatzungszeit. Seit einigen Jahren finden in Haren Veranstaltungen mit Zeitzeugen statt, die das örtliche Gymnasium organisiert. Das Konsulat der Republik Polen in Hamburg und die Stadtverwaltung übernahmen die Pflege polnischer Gräber. Demnächst soll ein Dokumentationszentrum dieser polnischen Episode in der Geschichte Harens nach dem Krieg entstehen. Wer also künftig von nur vier Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet, vergisst das kurze polnische Gastspiel im niedersächsischen Emsland. Ein Kapitel in der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass nicht in jedem Geschichtsbuch nachzulesen ist.

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    Tags:
    Winston Churchill, Besatzung, Polen, Emsland, Niedersachsen, Deutschland, Zweiter Weltkrieg