02:39 06 Dezember 2020
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    Antikörper im Blut von Menschen nach überstandener Covid-19-Erkrankung sollen vor einer Wiedererkrankung schützen. Einige Experten schlagen vor, spezielle Immunitätsausweise einzuführen, mit denen sich diese Menschen frei bewegen dürfen. Doch Forscher fanden heraus, dass es Menschen gibt, die den Virus auch ohne Antikörper in den Griff bekommen.

    Trainierte Immunität

    Anfang März veröffentlichten niederländische Forscher auf der Webseite biorxiv.org einen Artikel, in dem beschrieben wird, dass Menschen, die nicht an Covid-19 erkrankt waren, eine Immunität gegen den Erreger haben können. Einen Monat später wurde dieser Artikel in der angesehenen Zeitschrift „Nature“ veröffentlicht.

    Biologen testeten die menschlichen Antikörper 47D11, die sich während der Epidemie der atypischen Pneumonie gebildet hatten. Deren Erreger SARS-CoV ähnelt dem aktuellen Pathogen. Die Antikörper, die sich an die infizierten Zellen angedockt haben, neutralisierten den Virus. Die Autoren der Studie nehmen an, dass diese Antikörper vor der Infizierung gesunder Menschen schützen und Kranken bei der Genesung helfen können.

    Damals wurde fast gleichzeitig ein ähnlicher Antikörper von einem internationalen Forscherteam unter Leitung der Schweizer Virusforscherin Dora Pint entdeckt: Im Blut eines Patienten, der 2003 eine atypische Pneumonie überstand hatte, gab es 25 Antikörper, doch nur einer davon neutralisierte das neuartige Coronavirus. Er erkennt die Sequenz des S-Proteins auf der Oberfläche des Virus, der für beide Erreger typisch ist, bindet sich an ihn und lässt SARS-CoV-2 nicht in die Zelle eindringen. 

    Zellen mit Gedächtnis

    Im April erklärten deutsche Forscher, dass vor dem Coronavirus manches Mal nicht Antikörper, sondern eine so genannte humorale Immunität schützt. Dabei handelt es sich um T-Lymphozyten, die für eine Immunität der Zellen sorgen. Makrophagen-Zellen fressen das Pathogen und platzieren anschließend Teile von dessen Proteinen auf der eigenen Membran, die ihrerseits die T-Zellen mithilfe besonderer Rezeptoren erkennen.  Sie gehören wie die Antikörper zu den Immunglobulinen und verbinden sich spezifisch mit Antigenen. Das fördert eine Immunreaktion.

    Wie sich herausstellte, reagieren einige T-Zellen bereits positiv auf SARS-Cov-2. Gerade deswegen ist der Verlauf bei Covid-19 leichter bzw. symptomlos.

    Wissenschaftler nahmen Blut bei Covid-19-Kranken und Gesunden, die nicht mit Infizierten in Kontakt standen und keine Antikörper zu SARS-Cov-2 hatten. Es wurden Lymphozyten genommen, die anschließend mit Molekülen stimuliert wurden, die verschiedenen Fragmenten des S-Proteins des Coronavirus entsprechen.

    Es stellte sich heraus, dass fast bei 30 Prozent der gesunden Freiwilligen T-Zellen vorhanden sind, die auf das Protein des gefährlichen Pathogens reagieren. Am häufigsten erkannten sie jene Fragmente, die Teilen des S-Proteins anderer Coronaviren ähnelten – wie z.B. HCov-229E, das eine einfache Influenza auslöst. Zudem wurden bei ihnen Antikörper zu diesem Virentyp im Blut entdeckt.

    Darüber hinaus wurden T-Zellen, die auf SARS-Cov-2 reagieren, bei den meisten Covid-19-Patienten entdeckt. Bei jenen, die sie nicht hatten, verlief die Krankheit gewöhnlich schwerer.

    Laut den Autoren der Studie weisen die von ihnen erhaltenen Daten auf eine potentielle Möglichkeit einer kreuzreaktiven Immunität der Zellen gegen SARS-CoV-2 hin. Mit anderen Worten: Menschen, die bereits saisonale Coronaviren überstanden haben (bis 20 Prozent der akuten viralen Atemwegserkrankungen sollen gerade durch sie verursacht werden), haben bereits Immunität gegen Covid-19.

    Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum Kinder und Jugendliche die Krankheit leichter überstehen. Sie halten sich häufiger an hochfrequentierten Orten (Kindergarten, Schule, Universität) auf, wo sie sich mit der einfachen Coronavirus-Influenza anstecken, die eine kreuzreaktive Immunität sichert.

    Überstanden heißt geschützt

    Die Annahme der deutschen Wissenschaftler wurde nach einem Monat von US-Kollegen bestätigt, die Blutproben von Patienten aus den Jahren von 2015 bis 2018 analysierten – also zu einer Zeit, als Covid-19 noch nicht bekannt war. Fast in allen Biomaterialien wurden Merkmale einer spezifischen Immunität der Zellen entdeckt, die jenen ähnlich waren, die bei SARS-CoV-2-Infizierung auftauchen.

    Es handelt sich dabei um Immunzellen zweierlei Typs – T-Killer (CD8-Zellen) und T-Helfer (CD4-Zellen). Erstere erkennen die von Viren betroffenen Zellen und töten sie – manchmal selbstständig und manchmal mithilfe von Mitstreitern. Zweitere erhöhen die Zahl der T-Killer-Zellen und verstärken ihre Reaktion auf ein konkretes Pathogen.

    Ungefähr in der Hälfte der Proben, die vor drei bzw. fünf Jahren genommen worden waren, fanden Wissenschaftler spezifische CD-4-Zellen, die für Menschen typisch sind, die COVID-19 überstanden haben. Darüber hinaus hatten knapp 20 Prozent auch CD8-Zellen, die bei 70 Prozent der Patienten mit dem neuartigen Coronavirus entdeckt werden. Das heißt, dass fast die Hälfte der gesunden Bevölkerung in der Welt eine Immunität gegen die neuartige Erkrankung haben könnte, schlussfolgern die Forscher.

    Eine weitere Analyse der Blutproben aus den Jahren von 2015 und 2018 verwies auf Antikörper gegen zwei der bekanntesten Coronaviren - HcoV-OC43 und HcoV-NL63. Das bedeutet, dass Menschen, die früher andere Coronavirus-Erkrankungen hatten, offenbar eine  Immunität gegen SARS-CoV-2 entwickelt haben könnten. Dies könnte den leichten Verlauf von Covid-19-Erkrankungen ohne Symptome erklären.

     

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    Immunität, Blut, Immunzellen, Studie, Fachzeitschrift Nature, Forscher, Antikörper, Biologen, Bevölkerung, Schutz