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    In Portland im US-Bundesstaat Oregon hat die Bewegung für die Demontage von Denkmälern für „Rassisten“ nun die Gründerväter erreicht. Das Denkmal für den dritten US-Präsidenten, den Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, wurde von seinem Sockel gestürzt und besprüht – „Sklavenhalter“ steht dort nun geschrieben.

    Warum der legendäre Freiheitskämpfer in den USA nun so gehasst wird – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Der Unterdrücker muss weg

    „Robert Lee, Stonewall Jackson – wer ist der Nächste – Washington, Jefferson? Zu blöd“, twitterte Trump im Jahr 2017. Damals spitzte sich in Amerika erneut die Frage des Rassismus und Erbes der Konföderalen zu – in Charlottesville verstärkte der Ku-Klux-Klan seine Aktivitäten.

    Doch niemand glaubte tatsächlich daran, dass die Statue eines der Gründerväter Amerikas - Thomas Jefferson - tatsächlich gestürzt wird. Nach weniger als zwei Jahren wurde das Denkmal für den dritten US-Präsidenten vor einer nach ihm benannten Schule gestürzt. Apropos Jefferson – dabei erinnert man sich an die Unabhängigkeitserklärung, die nach ihm benannte Kongress-Bibliothek, den Zwei-Dollar-Schein, der heutzutage selten zu finden ist. Doch bis vor kurzem fiel kaum jemandem der Begriff „Sklavenhalter“ ein.

    Held und Kämpfer

    „Alle Menschen sind gleich geschaffen“, sagte Jefferson. Das betraf nicht nur die Sklaven, wie das später im Süden gedeutet wurde.

    In einer frühen Version der Unabhängigkeitserklärung gab es einen 168 Seiten langen Abschnitt von Jefferson. Da verurteilte er das Sklaventum, nannte es „Piratenkrieg“, „abscheuliches Geschäft“, „Anhäufung von Schrecken“ und „Verbrechen gegen die Menschheit“.

    Menschen machen Fotos auf dem Sockel der abgebauten Kolumbus-Statue in San Francisco, 18. Juni 2020
    © AFP 2020 / Getty Images / Justin Sullivan
    Die leidenschaftliche Verurteilung des Sklaventums überzeugte John Adams und Benjamin Franklin nicht. Dieser Abschnitt von Jefferson wurde in die Endversion nicht aufgenommen. Die Details der damaligen Gespräche sind bis heute nicht bekannt, der Beschluss wurde aus wirtschaftlichen und politischen Gründen getroffen. Die Amerikaner betrachteten früher auf verschiedene Weise die Institution des Sklaventums, obwohl seine Anhänger omnipräsent waren. Der Süden brauchte Arbeitskräfte, damit die Kolonialwirtschaft, die auf Export von Tabak, Baumwolle u.a. nach Europa beruhte, nicht stolpert. Geschäftsleute aus dem Norden hängten von den Handelswegen zwischen Europa, Afrika und Amerika ab, die Beförderung der Sklaven war ein wichtiger Teil dieses Dreiecks.

    Es war gerade Jefferson, der das Verbot des interkontinentalen Sklavenhandels förderte. 1778 wurde er im Bundesstaat Virginia verboten – zum ersten Mal in der Welt.

    Die Gründerväter teilten die Werte Jeffersons. Paradoxerweise verletzten sie selbst die Gesetze der „menschlichen Natur“ auf drastische Weise.

    Abscheulich, aber notwendig

    Trotz der philosophischen Ablehnung des Sklaventums und der Versuche, es per Gesetz aufzuheben, besaß Jefferson hunderte Sklaven. Einige davon brachte er sogar ins Weiße Haus, damit sie ihm französische Mahlzeiten zubereiteten. Das fand Notiz im intellektuellen Milieu. „Kann es sein, dass wir die lautstärksten Aufrufe zur Freiheit von dem Nigger-Treiber hören?“, schrieb der britische Essayist Samuel Johnson.

    Ohne die Sklaven wäre es für eine der reichsten Familien Amerikas sicherlich viel schwieriger gewesen, ihr Geschäft zum Florieren zu bringen. Mit 24 Jahren erbte er von seinem Vater etwa 2000 Hektar Land und 52 Sklaven, wonach er die berühmte Plantage Monticello in Virginia baute – heute ist es UNESCO-Welterbe-Denkmal. Das Besitztum erweiterte sich, parallel wuchsen auch die finanziellen Verpflichtungen. Sklaven freilassen, würde den Verzicht auf Eigentum und Aktiva bedeuten, schrieb der Historiker Herbert Sloan im Werk „Thomas Jefferson und die Schuldenprobleme“.

    Der US-Journalist Henry Wiencek beschrieb in seinem 2012 erschienenen Buch über „die dunkle Seite von Thomas Jefferson“ das so genannte Theorem der vier Prozente. Einem Bekannten, der sich in einer schwierigen Finanzlage erwies, empfahl der Präsident angeblich, „in Nigger zu investieren“. Dann würden die Gewinne vom Besitztum jedes Jahr um vier Prozent wachsen – denn Sklaven bringen Kinder zur Welt.  Wiencek nannte Jefferson einen „Pionier der Industrialisierung und Diversifizierung des Sklaventums“ – der Präsident hinterlegte Sklaven als Garantie für einen riesigen Kredit bei einer niederländischen Bank.

    Doch die Historikerin und Harvard-Professorin Annette Gordon-Reed äußerste Zweifel daran, dass es ein solches Theorem in der Tat gab. „Wiencek berief sich auf ein weniger korrektes Schreiben, das nur der skrupelloseste Forscher finden kann“, schrieb sie.

    Wiencek kritisiert zwar Jefferson, doch erinnert er auch daran, dass er das Verbot erließ, schwarze Kinder zu schlagen, die in der Fabrik in Monticello arbeiteten. Eigentlich schlug ein afroamerikanischer Aufseher sie mit einem Stock. Wiencek erzählt auch von einem anderen Fall – Jefferson bestrafte einen Sklaven nicht wegen Diebstahl, obwohl gewöhnlich auf solche Vergehen die Todesstrafe folgte.

    ​Viele Behauptungen Wienceks wurden von Historikern angezweifelt. So schlug Jefferson laut einigen Forschern vor, die Sklaven schrittweise auf ein freies Leben vorzubereiten. Er meinte, dass Schwarzhäutige den Weißen nach der Intelligenz unterlegen seien und ihre massenhafte Freilassung zu Aufständen führen würde. Er stellte entsprechende Überlegungen in den „Notizen über den Bundesstaat Virginia“ an. Jefferson ließ nur neun Sklaven frei – vielleicht waren es seine eigenen Kinder.

    Zudem wollte er nicht, dass die freigelassenen Sklaven in Virginia bleiben. Ihm zufolge sollten ehemalige Sklaven aus den USA ausgewiesen werden. Für ihn waren weiße Amerikaner und versklavte „Nigger“ „zwei getrennte Nationen“, schrieb der Biograph Jon Meacham in dem Buch „Thomas Jefferson. Die Kunst der Macht“. Deswegen sollten Schwarze nach Afrika bzw. West-Indien geschickt werden.

    „Damit werden wir die Gerechtigkeit wiederherstellen – schrieb er in einem Brief an den bekannten Historiker und Harvard-Präsident Jared Sparks. Langfristig haben wir ihnen wohl mehr Gutes als Böses gebracht“. In den „Notizen über Virginia“ erklärte Jefferson ausführlich den Plan für diese Ausweisungen. Die Kinder sollten mit ihren Eltern bleiben – Mädchen bis 18 Jahre, Jungen bis 21 Jahre. Sie sollten ausgehend von ihren Fähigkeiten ausgebildet werden – die einen für die Landwirtschaft, die anderen für die Produktion.

    Lieblingssklavin

    Eine skandalöse Episode gibt es in Jeffersons Biographie – die Verbindung mit der Sklavin Sally Hemings. Die Frau war zudem eine entfernte Verwandte des Gründervaters, Tochter seines Schwiegervaters und dessen Sklavin-Mulattin. Die Beziehung dauerte mehr als 40 Jahre, bis zum Tod Jeffersons.

    Zum ersten Mal sprach der Journalist James Callender im Jahr 1802 darüber. Gerüchten zufolge war es ein Racheakt, weil Jefferson ihn nicht angestellt hatte. Später wurden diese Informationen von Elijah Fletcher, einem Bekannten des Präsidenten, bestätigt. „Die Geschichte über die schwarze Sally ist keine Farce. Er wohnt mit ihr zusammen, sie haben gemeinsame Kinder. Am schlimmsten ist, dass er diese Kinder als Sklaven hat – ein unnatürliches Verbrechen, das für jene Gebiete üblich ist“, heißt es in Notizen Fletchers, die in US-Archiven aufbewahrt werden.

    Der ältere Enkel Thomas Jefferson Randolph schrieb in einem Brief an einen Freund: Die Kinder Hemings ähneln so stark dem Großvater, die Verwandtschaft ist offensichtlich. Einst war er beim Abendessen so verblüfft, als er hinter Jefferson einen Diener sah – der eine Kopie von Jefferson war. Obwohl er später behauptete, dass die Kinder wahrscheinlich von einem anderen Verwandten stammen würden. Doch die Historikerin Annette Gordon-Reed ist der Meinung, dass der Enkel einfach seinen Großvater verteidigt habe, weil eine solche Verbindung für einen weißen Mann der damaligen Zeit ein Tabu gewesen sei.

    Ernsthafte Beweise tauchten 1998 auf – Genforscher verglichen die DNA der Nachkommen des Onkels Jeffersons und des Sohns von Sally Hemings. Die Verwandtschaft wurde bestätigt. Zwei Jahre später kam eine Gruppe von Wissenschaftlern der Thomas Jeffersons Foundation zu dem Schluss, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vater aller Kinder der Sklavin war. Allerdings endeten damit die Streitigkeiten der Historiker nicht.

    2018 wurde in Monticello eine Ausstellung über Sally Hemings eröffnet. Der Name „Sex, Power and Ownership“ widerspiegelt die Schwierigkeit bei der Beschreibung der Beziehungen des Präsidenten und der Sklavin – laut Gesetz war Hemings jedoch das Eigentum Jeffersons. Doch Details der Verbindung sind nicht bekannt. Gegenseitige Sympathie, Liebe bzw. Gewalt – es gibt keine einheitliche Meinung. Im Ergebnis wurde das Wort „Gewalt“ auf der Ausstellung mit einem Fragezeichen geschrieben.

    „Ich denke nicht, dass die Sklaven eine Wahl hatten“, sagte Rosemary Gaston, eine der Nachkommen von Hemings. „Vielleicht ja nicht Gewalt, doch sicher Verpflichtung“. Ein anderer entfernter Verwandter der Sklavin, Julius Jefferson, meint es anders. „Das ist eine Liebesgeschichte“, sagte er. Sally ähnelt der verstorbenen ersten Frau des Präsidenten.

    Das Erbe Jeffersons ist widersprüchlich. Er schützte die Sklaven, verzichtete jedoch nicht auf ihre Arbeit, trat gegen den Menschenhandel ein und dachte, dass Schwarze dümmer als Weiße seien, er hatte eine Sklavin-Mulattin und hielt eigene Kinder im Sklaventum. Die Zweideutigkeit der Überzeugungen des Gründervaters wird wohl weiter ein Gegenstand für Diskussionen bleiben.

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    Präsident, Rassismus, USA