20:37 24 November 2020
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    Wie die Hauptstadt eines Landes, das im Osten einen Vernichtungskrieg führte, sah Berlin Mitte 1941 nicht aus. Das Stadtleben pulsierte, der Krieg war weit weg: Nicht eine einzige Bombe werde auf Berlin fallen, hatte Luftwaffenchef Göring versichert. Es kam anders, lange vor den amerikanisch-britischen Bombenangriffen auf das Dritte Reich.

    Die estnische Insel Ösel war im August 1941 das westlichste Stück Land, das die Sowjetarmee noch kontrollierte. Der kleine Landstrich mit einem sowjetischen Luftwaffenstützpunkt befand sich bereits im rückwärtigen Gebiet des deutschen Heeres, das rasch in den Osten vordrang. Dorthin, auf Ösel, wurde im August 1941 das 1. Minen-und-Torpedogeschwader der baltischen Marineflieger unter dem Befehl von Oberst Jewgeni Preobraschenski verlegt.

    Von der estnischen Insel waren es rund 1300 Flugkilometer bis nach Berlin – und die Einheit von Preobraschenski hatte einen von Stalin persönlich abgesegneten Auftrag. Am 7. August 1941 um neun Uhr abends hob ein Geschwader aus fünfzehn Fernbombern DB-3, beladen mit Sprengkörpern und Flugblättern, auf dem Öseler Stützpunkt ab und nahm Kurs auf die Hauptstadt des Dritten Reichs. Geführt wurde der Verband von Jewgeni Preobraschenski selbst.

    Der Einsatz war kein Spaziergang. Um für die deutsche Flugabwehr und die Abfangjäger unerreichbar zu bleiben, mussten die sowjetischen Bomber in einer Höhe von 7.000 Metern fliegen, bei einer Außentemperatur von minus 40 Grad. Luftfeuchtigkeit kondensierte und gefror an den Glasscheiben des Cockpits, die Piloten waren die ganze Zeit über auf Sauerstoffmasken angewiesen. Unter diesen Bedingungen mussten sie die Maschinen hochpräzise steuern – dazu noch aus Gründen der Geheimhaltung ohne Funkkontakt zur Bodenstation.

    Nach drei Flugstunden erreichten die DB-3 die Nordgrenzen Deutschlands. Nicht unbemerkt, jedoch unerkannt. Die deutsche Flugabwehr hatte die Bomber gesichtet, aber nicht weiter beachtet: Es seien wohl eigene, vom Kurs abgekommene Maschinen, so die irrtümliche Einschätzung der Flugabwehr. Wer in Deutschland hätte im August 1941 auch denken können, dass die Sowjets einen Einsatz im deutschen Luftraum wagen würden?

    Sowjetisches Bombenflugzeug Iljuschin Il-4 (DB-3F)
    © Sputnik / Archiv
    Sowjetisches Bombenflugzeug Iljuschin Il-4 (DB-3F)

    Die deutsche Führung war von Deutschlands Unverletzlichkeit derart überzeugt, dass für die Reichshauptstadt nahezu keine Tarnmaßnahmen ergriffen wurden: Berlin lag hellerleuchtet unter dem Nachthimmel und von weitem bestens sichtbar da. Um halb zwei Uhr morgens warfen fünf sowjetische DB-3 die ersten Bomben ab, die im Zweiten Weltkrieg auf Berlin fielen. Die anderen zehn Maschinen des Geschwaders bombardierten Güterzüge in Stettin, die zum Transport an die Ostfront bestimmt waren.

    Nur wenige Minuten nach den Bombenexplosionen in der Reichshauptstadt eröffnete die deutsche Flugabwehr ein Sperrfeuer, welches zu überwinden unmöglich schien. In Anbetracht der Gefahr, nicht zurückkehren zu können, gab der sowjetische Bomberverband den ersten Funkspruch seines nächtlichen Einsatzes ab:

    „Lagepunkt Berlin. Auftrag erfüllt. Nehmen Kurs auf Heimbasis“, sagte der Funker Wassili Krotenko. Die Bomber kehrten tatsächlich zurück, und zudem ohne Verluste.

    Die Nazi-Propaganda vermeldete den nächtlichen Angriff auf Berlin als einen Einsatz von 150 britischen Flugzeugen, von denen nur 15 es geschafft hätten, die deutsche Flugabwehr zu überwinden. London dementierte umgehend und meldete, in der Nacht vom 7. auf den 8. August seien über Berlin keine britischen Flugzeuge im Einsatz gewesen.

    Der Einsatz der sowjetischen Bomber war eine Folge der deutschen Luftangriffe auf Moskau. Ab dem 22. Juli 1941 flog die deutsche Luftwaffe regelmäßig Angriffe gegen die russische Hauptstadt. Allein am 24. Juli warfen deutsche Flugzeuge annähernd 300 Tonnen an Spreng- und Brandbomben auf Moskau ab.

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    Tags:
    Berlin, UdSSR, Sowjetunion, Luftangriff, Zweiter Weltkrieg