01:40 27 November 2020
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    Erst vor wenigen Stunden wurde in Russland der weltweit erste Impfstoff gegen das Coronavirus registriert. Schon gibt es viele kritische Stimmen aus verschiedenen Ländern, deren Sinn auf Folgendes hinausläuft: Es gehe Russland nur darum, den Wettlauf um den Impfstoff zu gewinnen. Die Vorwürfe sind laut russischen Fachkräften jedoch unbegründet.

    So beklagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, die Registrierung des russischen Impstoffs in einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“ als „populistische Maßnahme“: „Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen“, so Reinhardt.

    Russland gehe es hier bloß darum, sein wissenschaftliches Potenzial zur Schau zu stellen. Es dränge sich der Eindruck auf, dass es sich um eine „populistische Maßnahme eines autoritär regierten Staates handle“, der der Weltgemeinschaft seine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit demonstrieren möchte, so Reinhardt. Es sei unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.

    Auch die USA brachten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck: Die Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway, kritisierte, der russische Impfstoff bleibe hinter den US-Entwicklungen zurück und habe zudem zu wenige Tests durchlaufen.

    Impfstoff mit zwei „Trägerraketen“

    Das Wirkungsprinzip des russischen Impfstoffs Sputnik V sei sehr einfach – wie auch alles Geniale, äußerte Sergej Zarenko, stellvertretender Chefarzt des Krankenhauses Nr. 52 in Moskau und Medizinprofessor an der Lomonossow-Universität Moskau.

    Die Immunabwehr gegen das Coronavirus entstehe derzeit nur bei Menschen, die die Krankheit schon überstanden hätten. „Es gibt aber ja einen sichereren Weg – die Immunisierung. Zumal es einen effektiven und sicheren Impfstoff gibt, der von Fachkräften des Gamaleya-Instituts entwickelt wurde.“

    Darüber hinaus hätten die Forscher dieses Instituts früher Impfstoffe gegen Ebola und MERS-CoV erfolgreich geschaffen. Und nicht nur geschaffen, sondern dabei einen sicheren und effektiven Weg für deren Entwicklung entdeckt – die Vektor-Methode.

    Diese Vektor-Methode sieht laut Zarenko folgendermaßen aus: „Auf einem für Menschen harmlosen Adenovirus wird – ähnlich wie auf eine Trägerrakete – eine ‚Orbitalstation‘ angebracht – also ein Stück Coronavirus. Und es wird in den menschlichen Körper injiziert.“ Daraufhin entstehe eine Immunabwehr – sowohl gegen die „Trägerrakete“ als auch gegen die „Orbitalstation“. „Um den Erfolg zu besiegeln, wird drei Wochen später die gleiche Orbitalstation mit einer anderen Trägerrakete gestartet – also auf einem anderen Adenovirus.“ Als Folge entstehe im Körper eine zuverlässige und nachhaltige Immunabwehr gegen das Coronavirus.

    „Das ist einfach, wie alles Geniale.“ Weltweit werde an einigen weiteren Vektor-Impfstoffen gearbeitet, aber das mit „zwei Trägerraketen” – das sei etwas Neues.

    Der Impfstoff sei bereits an Freiwilligen getestet worden. Diese ersten Freiwilligen seien die Mitarbeiter des Instituts gewesen. „Danach wurde der Impfstoff an Soldaten getestet, die sich freiwillig meldeten. Keine einzige Komplikation, alle haben eine starke Immunabwehr.“

    Der Medizinprofessor beklagte die Kritikwelle gegen den russischen Impfstoff in der Presse. „Hier stellt sich die Frage: Wer finanziert diese Kampagne in der Presse? Von wem hängen die ‚unabhängigen Experten‘ ab? Es ist ein offenes Geheimnis: Von den Produzenten anderer Impfstoffe, die hinter den russischen Forschern zurückbleiben.“

    Auch die Hersteller der antiviralen Präparate seien an dieser Kampagne interessiert. Das seien in der Regel zwar effektive Medikamente, aber nur bei leichten Formen der Krankheit und mit vielen Nebenwirkungen.

    „Frühe Marktzulassung unter strengen Bedingungen“

    Die Assoziation der Organisationen für klinische Tests in Russland, an der führende Pharma-Unternehmen wie Bayer teilnehmen, hatte zuvor das russische Gesundheitsministerium gebeten, mit der staatlichen Registrierung des Impfstoffs abzuwarten, bis die dritte Phase der klinischen Tests abgeschlossen sei. Den Wettlauf um den weltweit ersten Impfstoff bezeichneten die Mitglieder der Assoziation als „Relikt der heroischen Paradigma“.

    Die russische Aufsichtsbehörde für Gesundheitswesen (Roszdravnadzor) wies die Kritik zurück mit der Begründung, die Vorwürfe basierten auf Unkenntnis der Forschungsergebnisse.

    Die russische Covid-Vakzine
    © Sputnik / Gesundheitsministerium Russlands / Handout

    „Russland ist ein Land mit einer reichen Geschichte der Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen, wir haben viele Unternehmen und Forschungszentren. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Impfstoff des Gamaleya-Instituts nicht den festgelegten Anforderungen entspricht.“

    Es sei offensichtlich, dass der Verband Schlüsse ziehe, ohne die Ergebnisse der Tests zu kennen. „Einige Hundert Freiwillige wurden geimpft, es gab keine nennenswerten negativen Reaktionen.“

    Laut einem weiteren Vertreter der Behörde, Sergej Glagolew, erlaubte die Erfahrung mit dem Impfstoff für Mers-CoV den Forschern, das Entwicklungsverfahren für Coronavirus-Impfstoff zu verkürzen. „Es gibt keinen Widerspruch, da jene Forschung auch in der zweiten Phase beendet war, und ihre Methoden werden auch bei der Entwicklung des Impfstoffes gegen das Coronavirus angewandt.“

    Die Registrierung eines Präparats in den früheren Stadien der klinischen Tests sei möglich – ähnliche Vorgehensweisen gebe es auch in der EU und den USA. „In unserem Fall handelt es sich um eine frühe Zulassung auf den Markt unter streng kontrollierten Bedingungen.“

    ta/gs

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    Covid-19, Coronavirus, Putin, Russland, Impfstoff