07:48 30 September 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (103)
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    Der leitende Toxikologe des Föderalen Kreises Sibirien, Alexander Sabajew, erachtet eine Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny mit dem Nervengift „Nowitschok“ als unwahrscheinlich. Seiner Ansicht nach ist der schwere Zustand des oppositionellen Bloggers auf einen internen Auslösemechanismus zurückzuführen.

    Wäre der 44-Jährige tatsächlich mit dem Nervengift „Nowitschok“ vergiftet worden, so hätten die Menschen, die sich neben ihm befanden, auch gesundheitliche Schäden davongetragen, klärte Sabajew auf:

    „Hätte es eine Einwirkung am Vorabend oder während des Fluges gegeben, wären sicherlich auch Begleitpersonen zu Schaden gekommen. Auch bei ihnen wären Symptome einer Vergiftung, einer Intoxikation, aufgetreten. Dies ist jedoch nicht geschehen, was wieder einmal darauf hinweisen könnte, dass dieser pathologische Prozess doch auf einige interne Mechanismen einer Fehladaptation, auf eine Art eines internen Auslösemechanismus, zurückzuführen ist, sagte er gegenüber dem TV-Sender Rossiya 24.

    Organische Phosphorverbindungen seien sehr toxisch, sodass es in der Regel unmöglich sei, diese Substanzen für die Vergiftung einer einzelnen Person einzusetzen, betonte der Arzt: „In der Regel sind dann auch andere Menschen wie Begleitpersonen betroffen“.

    Russische Ärzte seien mit der Version der Vergiftung von Nawalny nicht einverstanden, da in seinem Fall „schwere Stoffwechselstörungen in den Vordergrund treten, was für Vergiftungen mit organischen Phosphorverbindungen nicht typisch ist“.

    „Für eine Organophosphatvergiftung sind sogenannte Mediator-Syndrome charakteristisch, die mit einem etwas anderen klinischen Verlauf in Erscheinung treten. Der Patient hatte zwar mosaikartige Erscheinungen des cholinergen Syndroms, diese waren jedoch mosaikartig und eher von kurzer Dauer. Deshalb wurde auch in unserer Klinik Atropin verabreicht“, fuhr Sabajew fort.

    „Aber es gab kein klassisches Bild einer Organophosphatvergiftung", hob Sabajew hervor, der im Omsker Krankenhaus die Abteilung zur Behandlung akuter Vergiftungen leitet.

    Zuvor hatte der russische Wissenschaftler Leonid Rink, der das Nervengift „А-234 Nowitschok“ mitentwickelt hatte, gegenüber Sputnik geschildert, dass bei Nawalny die klinischen Symptome in keiner Weise jenen ähneln würden, die für eine Vergiftung mit dieser Substanz kennzeichnend seien. Seiner Ansicht nach sind Versuche, die „Vergiftung“ von Nawalny mit dem Giftstoff Nowitschok in Verbindung zu bringen, absoluter politischer Unsinn. Problematisch sei auch, dass Deutschland keine Proben des angeblich vergifteten Kreml-Kritikers Nawalny an Russland übergeben werde, wo man die Vergiftung bestätigen könnte.

    Bundesregierung zu Fall Nawalny

    Die Bundesregierung sieht es nach Untersuchungen eines Spezial-Labors der Bundeswehr als zweifelsfrei erwiesen an, dass Nawalny mit dem militärischen Nervengift „Nowitschok“ vergiftet wurde. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach am Mittwoch von einem „versuchten Giftmord“.

    Das russische Außenministerium bezeichnete die Eile, mit der die USA und die EU die Version über Nawalnys Vergiftung unterstützt haben als verdächtig. Moskau befürworte eine gründliche Untersuchung des Vorfalls, hieß es.

    Russland ist nach Angaben des Kremlsprechers, Dmitri Peskow, zur allseitigen Zusammenarbeit mit Deutschland bezüglich der Situation um den russischen Blogger Alexej Nawalny bereit. Moskau weist aber darauf hin, dass Berlin bislang keine Antwort auf offizielle Anfragen gegeben habe.

    Fall Nawalny

    Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny war am 20. August von Tomsk nach Moskau unterwegs gewesen, als er sich während des Fluges plötzlich sehr schlecht gefühlt hatte. Daraufhin war die Maschine umgehend in der Stadt Omsk notgelandet. Nawalny soll noch an Bord das Bewusstsein verloren haben. Sein Umfeld vermutete sofort eine Vergiftung, doch die Ärzte in Omsk stellten nur eine Stoffwechselstörung fest. Im Blut oder Urin wurden keine Giftspuren entdeckt.

    Nachdem ihn die russischen Ärzte für transportfähig erklärt hatten, wurde der Oppositionsblogger mit Hilfe der Organisation „Cinema for Peace” in die Berliner Charité-Klinik überführt. Dort befindet er sich weiterhin in einem künstlichen Koma. Die Berliner Ärzte sprachen daraufhin von Beweisen für eine Vergiftung mit Cholinesterase-Hemmern – einer breiten Gruppe von Stoffen, zu der sowohl verschiedene Arzneimittel als auch mehrere Kampfstoffe – darunter die der Nowitschok-Reihe – gehören.

    asch/sna/ae

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    Nervengift Nowitschok, A-234 "Nowitschok", "Nowitschok", Nowitschok, Vergiftung, Alexej Nawalny, Russland