06:11 21 September 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (91)
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    Der leitende Toxikologe Sibiriens, Alexander Sabaew, hat sich zu dem Fall um den Kremlkritiker Alexej Nawalny geäußert – und die Befunde der deutschen Ärzte infrage gestellt. Nawalny wurde zunächst in einem Omsker Krankenhaus behandelt, in dem er laut Sabaew gründlich auf eine Vergiftung hin untersucht worden war.

    Nach den Worten des Giftexperten waren weder die Lungen noch die Nieren und Leber von Nawalny beschädigt, was darauf hinweist, dass sich im Körper des Patienten keine Giftstoffe befanden.

    „Mit Blick auf eine Vergiftung kann ich sagen, dass jeder Giftstoff – und das wird jeder Toxikologe bestätigen können – auf dem Weg durch unsere natürlichen Entgiftungsorgane (hierzu zählen Leber, Lungen, Nieren) Spuren hinterlässt. Im diesem Fall wurden während des gesamten Krankenhausaufenthalts des Patienten keine Beschädigung der genannten Organe festgestellt“, erklärte Sabaew.

    Angesichts des Vergiftungsverdachts sei Nawalny im Omsker Krankenkaus auch auf Substanzen aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer (neben einigen Arzneimitteln gehören auch mehrere Kampfstoffe dazu) untersucht worden, so der russische Experte weiter. Diese Substanz wurden von der Berliner Charité in dem ersten Befund angebenen und bestärkte die deutschen Ärzte in ihrer Annahme, es handle sich im Fall Nawalny um eine Vergiftung. Allerdings verwies Sabaew auf umfangreiche, am Patienten in Omsk vorgenommene Analysen.

    „In den ersten Stunden des Aufenthalts des Patienten wurde eine höchst umfangreiche Untersuchung auf Giftstoffe durchgeführt (…) In erster Linie betrifft dies Cholinesterase-Hemmer und phosphororganische Verbindungen. Erst daraufhin richtete sich die Untersuchung auf Alkohol, Drogensubstanzen und andere Verbindungen“, sagte der Toxikologe.

    Behandlung bei einer „Nowitschok-Vergiftung“

    In Bezug auf die Behauptung der deutschen Bundesregierung, Nawalny sei mit einem Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Reihe vergiftet worden, verwies Sabaew auf zwei unterschiedliche Behandlungsformen je nach Krankheitsbild.

    „Die Behandlungsformen unterscheiden sich erheblich. Zuerst einmal muss ein Patient mit einer Vergiftung durch phosphororganische Substanzen einer entsprechenden Entgiftungs-Behandlung unterzogen werden (…) Bei der Behandlung von Stoffwechselstörungen liegt der Fokus auf dem Augleich des Wasser-Elektrolyt-Haushalts, der Kohlenhydrat-Zusammensetzung sowie dem Ausgleich der Enzyme im Blut. Das sind grundlegend verschiedene pathologische Prozesse“, sagte der Giftexperte.

    Laut Sabaew haben die Omsker Ärzte bei Nawalny eine „ausgeprägte Stoffwechselstörung“ festgestellt. Fälle von Menschen mit dieser Diagnose, die im Koma liegen würden, seien keine Seltenheit. An dieser Stelle verwies der Experte auf seine deutschen Kollegen und die von ihnen ergriffenen Behandlungsmaßnahmen.

    „Es fällt mir schwer, etwas über das Behandlungsprogramm der deutschen Spezialisten zu sagen, da ich diesbezüglich über keine Informationen verfüge. Ich kann nur sagen, dass eine Vergiftung durch eine phosphororganische Verbindung – wozu nämlich auch ‚Nowitschok‘ zählt –, eine ziemlich schwere In­to­xi­ka­ti­on mit einem recht hohen Sterberisiko ist. Die Vergiftung verlangt eine spezielle Behandlung und eine Antidottherapie in sehr großen Mengen.“

    Widersprüchliche Befunde

    Der russische Regierungskritiker hatte am 20. August auf einem Flug von Tomsk nach Moskau das Bewusstsein verloren, woraufhin er in ein küstliches Koma versetzt wurde. Nach anfänglicher Behandlung in einem Omsker Krankenhaus wurde Nawalny auf Drängen seiner Familie in die Berliner Charité verlegt. Nach Angaben der Charité ist sein Gesundheitszustand weiterhin ernst.

    Die Bundesregierung hatte am Mittwoch nach Untersuchungen eines Spezial-Labors der Bundeswehr mitgeteilt, sie sehe es als zweifelsfrei erwiesen an, dass Nawalny mit einem chemischen Nervenkampfstoff der Nowitschok-Reihe vergiftet worden sei.

    Die Behauptung der Bundesregierung steht im Widerspruch zu den Befunden der russischen Ärzte, die Nawalny zunächst im Omsker Krankenhaus behandelt hatten. Die Omsker Ärzte gaben als vorläufige Diagnose eine Stoffwechselstörung an. Diese soll ein drastisches Absinken des Blutzuckerspiegels verursacht haben.

    Der stellvertretende Leiter des Omsker Krankenhauses, Anatoli Kalinitschenko, teilte mit, dass in Nawalnys Blut und Urin kein Gift oder Spuren davon entdeckt worden seien. Auch der Giftexperte von der Moskauer Sklifasowski-Klinik, Michail Pozchweria, teilte mit, dass ein Spektrometer, das bis zu 240.000 diverse Stoffe und Verbindungen erkennen könne, bei Nawalny keine Spuren sonstiger unbekannter Stoffe nachgewiesen habe.

    mka/sna/gs

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