07:47 05 Dezember 2020
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    Gefechtsalarm, Tauchen und eine nach der anderen 16 ballistische Raketen abfeuern – das trainieren die Besatzungen russischer U-Boote immer und immer wieder. Der erste erfolgreiche Raketenstart bei Unterwasserfahrt gelang den Russen vor 60 Jahren. Seitdem hat sich technologisch viel getan, nur die Gefechtsrisiken sind nach wie vor dieselben.

    Raketenschießen bei Unterwasserfahrt ist, wenn man so will, die Königsdisziplin der russischen U-Boot-Fahrer. Natürlich können strategische U-Boote ihre Raketen auch aufgetaucht verschießen, nur verlieren sie dabei ihren wichtigsten Vorteil: die Unsichtbarkeit. „Anfangs wurden ballistische Raketen auf diesel-elektrische U-Boote verladen“, erklärt der Kapitän zur See und ehemalige U-Boot-Kommandeur Igor Kurdin.

    „Zum Abschuss musste aufgetaucht werden. Die Rakete wurde auf einem Startgestänge herausgefahren und gezündet.“

    Was die russische Flotte benötigte, waren Flugkörper, die aus der Meerestiefe starten konnten. Einfach die Startluke öffnen und die Rakete abfeuern ist bei Unterwasserfahrt jedoch nicht möglich. Selbst bei kleinsten Geschwindigkeiten von drei bis fünf Knoten entsteht um das U-Boot herum ein mächtiger Wasserstrom, der die Rakete beim Austritt aus dem Schacht quasi umwerfen kann.

    Sergei Korolew, der legendäre Raketeningenieur, der in der Sowjetunion Mitte der Fünfzigerjahre auch die Entwicklung von seegestützten Flugkörpern verantwortete, hatte das Problem auf einfache Weise gelöst. Am unteren Ende der ballistischen Rakete wurde ein Zusatzruder angebracht: Eine Stahlplatte von 40 x 50 Zentimetern, in einem Winkel von 15 Grad angeordnet, lenkt den Düsenstrahl der Rakete entsprechend so, dass die Wasserkräfte ausgeglichen werden.

    Nach dem Gefechtsalarm und der Mitteilung der Zielkoordinaten geht das Atom-U-Boot auf Kurs, während die Startvorbereitungen anlaufen. Ab diesem Moment ist es für die U-Boot-Besatzung das Wichtigste, die sog. normalen Startbedingungen aufrechtzuerhalten. „Fahrtrichtung, Tauchtiefe und Geschwindigkeit müssen konstant bleiben“, erklärt Kommandeur Kurdin. „Das Boot darf weder abbiegen noch das Tempo drosseln oder steigern – auch nicht, wenn ein Gegner angreifen sollte. Für den Eigenschutz stehen dann nur das Sonar und die Torpedos zur Verfügung, aber nicht das Manövrieren. In diesem Einsatzabschnitt ist das U-Boot maximal verwundbar. Aber die Mannschaft hat sich strikt an den Auftrag zu halten.“

    Durch das Arktiseis hindurch

    Besonders schwierig sind Einsätze in arktischen Gewässern. Und nein – das stellt Kommandeur Kurdin sofort klar – durch das Arktiseis schießen U-Boote nicht durch. Sie müssen auftauchen, wohl oder übel, was auf zweierlei Arten erfolgt: statisch oder dynamisch.

    Ohne Fahrt steigt das Boot langsam auf, in einem vorher entdeckten Eisloch – das ist die statische Methode. „Dennoch treibt ja noch Eis auf der Wasseroberfläche. Da kann es schonmal vorkommen, dass Eisschollen die Startluken blockieren“, erklärt der Fachmann.

    „Beim dynamischen Auftauchen schlägt sich das Boot mit maximal fünf Knoten durch die Eisdecke. Dieses Verfahren wird jedoch seltener angewandt, weil der Bootsrumpf in puncto Festigkeit nicht unendlich belastbar ist. Beim Durchbruch durch fünf Meter dickes Eis können Rumpfteile beschädigt werden.“

    Die Methode, künstliche Eislöcher zu erzeugen, wurde selbstverständlich auch schon praktiziert. Vier Torpedos werden in Rautenformation abgefeuert und sollen unter dem Eis so detonieren, dass eine für das U-Boot passende Öffnung entsteht. „Tests haben ergeben, dass die Detonation zwar das Eis sprengt, aber dadurch größere Schollen entstehen, die nicht besser sind, als Packeis. Durch ein Eisloch dieser Art sicher hindurchzuschießen ist unmöglich“, sagt Kurdin. „Und nebenbei: Es gab auch Fälle, dass Torpedos sich verirrten und das U-Boot zum Ziel nahmen. Das Boot musste unversehens seiner eigenen Waffe ausweichen. Seitdem verzichtet man auf dieses Verfahren.“

    Wie wirksam der Raketenschuss sein wird, hängt maßgeblich von den Navigationsoffizieren ab: Je präziser sie die Position des U-Boots vor dem Raketenstart bestimmen, desto präziser schlagen die Flugkörper ein. Selbst der kleinste Koordinatenfehler verursacht bei den Schussentfernungen enorme Abweichungen. Daher verfügen moderne Flugkörper über Kurskorrektursysteme, die einsetzen, sobald der Gefechtskopf den Erdorbit erreicht hat.

    Ist die Salve abgesetzt, bleibt das Boot noch mit Torpedos bewaffnet und kann auf Kampfschiffe, Seekonvois oder Flugzeugträgerverbände des Gegners angesetzt werden. Doch ist diese Möglichkeit eher eine hypothetische, denn: „Während das U-Boot die Raketen abfeuert, wird es von der gegnerischen Raketenabwehr geortet und wahrscheinlich vernichtet“, so Kurdin.

    Einen Punkt erwähnt der ehemalige U-Boot-Kommandeur noch: Die US-Navy, sagt er, sei nicht fähig, ballistische Raketen in der Arktis abzufeuern. „Ja, die Navy taucht unter das Arktiseis, taucht dort auch wieder auf, es gab sogar mal ein Gruppenauftauchen. Aber Raketen in der Nordpolregion abfeuern können sie nicht, aufgrund ihrer zu geringen Treffergenauigkeit. Deshalb schickt die Navy keine strategischen U-Boote in die Arktis, dafür aber Jagd-U-Boote. Deren Auftrag ist es, die strategischen Unterwasserkreuzer der russischen Marine aufzuspüren und zu bekämpfen, bevor sie ihre Interkontinentalraketen abfeuern.“

    Die erste ballistische Rakete für den Unterwasserstart entwickelte die Sowjetunion in den Fünfzigerjahren: die R-11FM. Zur Erprobung wurden in einem U-Boot zwei Startschächte eingerichtet, aber die Tests misslangen. Im August 1959 bleib die Rakete unvorhergesehen im Startschacht stecken, zündete aber unerwartet, nachdem das Boot aufgetaucht und Fachleute mit einem Schiff an das Boot herangefahren waren. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Am 10. September 1960 aber war der Startversuch perfekt: Die Rakete wurde von einem U-Boot bei 3,2 Knoten Fahrgeschwindigkeit in 30 Metern Tiefe abgefeuert.

    Gegenwärtig verfügt die russische Marine über mehrere Typen ballistischer Raketen und entsprechender Trägersysteme. Beispielsweise die weltweit erste seegestützte Interkontinentalrakete mit einem multiplen Gefechtskopf: die R-29R. Nach der Teilung des Gefechtskopfs steuern die einzelnen Effektoren jeweils eigene Ziele an.

    Die Präzision dieser Rakete wurde im Vergleich zum Vorgängertyp verdoppelt, die Wirkungskraft verdreifacht. Der Flugkörper transportiert drei Gefechtsköpfe von je 200 Kilotonnen Sprengkraft 6.500 Kilometer weit. Bewaffnet wurden damit die atomaren U-Boote der „Kalmar“-Klasse. Die meisten davon wurden bereits ausgemustert, nur ein einziges Boot dieser Klasse fährt noch bei der russischen Marine: die „Rjasan“.

    Die nächste Raketengeneration ist die R-29RM, stationiert auf U-Booten der „Delfin“-Klasse. Die russische Flotte verfügt über sechs solcher „Strategen“ mit je 16 Flugkörpern mit einer Reichweite von 11.500 Kilometern.

    Die neuesten Atom-U-Boote der russischen Seestreitkräfte – die „Borej“-Klasse – sind mit R-30-Raketen bestückt, Codename „Bulawa“. Die bleiben voraussichtlich für die nächsten 30 bis 40 Jahre das stärkste Argument der russischen Flotte im System der strategischen Sicherheit.

    Laut offiziellen und öffentlich verfügbaren Angaben hat die „Bulawa“ einen Einsatzradius von 8.000 Kilometern. Bei einer Startmasse von 36 Tonnen trägt eine Rakete dieses Typs bis zu zehn hyperschallschnelle manövrierfähige atomare Gefechtsköpfe mit jeweils 100 bis 150 Kilotonnen Sprengkraft.

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    Tags:
    Atom-U-Boot, U-Boot, Russland