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    Es war bei einem Dorf in der Westukraine, in den ersten Tagen des Großen Krieges, dass die Truppe der Wehrmacht von einem sowjetischen Panzerverband zurückgeworfen wurde. Einem jungen Offizier der Roten Armee gelang es, den Blitzkriegern die Initiative zu entreißen. Vor genau 120 Jahren, am 17. September 1900, wurde Michail Katukow geboren.

    Die Speerspitze der Wehrmacht war dem sowjetischen Verband zahlenmäßig weit überlegen. Und doch mussten die erfolgsverwöhnten deutschen Soldaten bei dem Gefecht in den ersten Kriegstagen zu weichen lernen. Die Panzer der Roten Armee stürmten mit aller Verzweiflung in die Offensive, die Artillerie schlug von günstiger Stellung aus gegen die motorisierte Infanterie. Es war der erste Erfolg des damals noch unbekannten sowjetischen Offiziers Michail Katukow in diesem Krieg.

    1919 kam er als einfacher Soldat zur Roten Armee. Nach dem Bürgerkrieg war er Zugkommandeur, darauf folgte die Stabsführung eines Regiments, 1935 dann der Abschluss an der Militärakademie für Mechanisierung und Motorisierung der Roten Armee. In den Großen Vaterländischen Krieg ging Michail Katukow schließlich als Chef der 20. Panzerdivision im 9. Mechanisierten Korps des Sondermilitärbezirks Kiew.
    In dem ersten Kampf 1941 erlitt auch der Verband von Katukow herbe Verluste. 33 Leichtpanzer Typ BT wurden vernichtet. Später räumte der Kommandeur ein, diese hochmobilen, aber schwach gepanzerten und leicht bewaffneten Kampffahrzeuge seien aufgrund mangelnder Erfahrung taktisch falsch eingesetzt worden. Die BTs hätte man keinesfalls in den offenen Kampf schicken dürfen, Umsicht und Schläue wären angebracht gewesen.

    Rotarmisten besichtigen zerstörte Jagdpanzer der Wehrmacht, August 1942
    © Sputnik / Grigorij Kapustianskij
    Rotarmisten besichtigen zerstörte Jagdpanzer der Wehrmacht, August 1942

    Wenige Tage später trafen die sowjetischen Truppen nebst der Division von Katukow unweit der Städte Dobno, Luzk und Rowno auf die Verbände der Wehrmacht. Bereits hier wurde eine der größten Panzerschlachten des Großen Vaterländischen Krieges ausgetragen: je 4500 Panzer auf jeder Seite.

    Der Roten Armee war es anfangs gelungen, den Vormarsch des Gegners zu verzögern und in einigen kräftigen Gegenoffensiven in Richtung Dobno vorzustoßen. Allein eine Gruppe aus dem Verband von Katukow konnte im Schnellangriff auf die 13. Wehrmachtsdivision Dutzende Panzer zerstören und über 300 Hitler-Soldaten gefangennehmen. Aber die deutsche Truppe erhielt permanent Nachschub, deren Luftwaffe war sehr aktiv. Um Kräfte und vordringlich Personal zu schonen, gab Katukow den Rückzugsbefehl.

    „Die Division war schwach ausgerüstet, hauptsächlich mit leichten Panzern“, erklärt der Militärhistoriker Michail Mjagkow von der Russischen militärhistorischen Gesellschaft. „Dennoch hatte man das Vorrücken des Gegners verzögern können, wodurch die Armeegruppe Süd ihren Abstand zur Gruppe Mitte vorerst nicht mehr aufholen konnte. Dadurch war der Ausgang des Blitzkrieges mit vorbestimmt. Bis nach Kiew vorzustoßen, konnte der Wehrmacht so schnell nicht mehr gelingen.“

    Katukow hatte zu wenig Männer und es mangelte ihnen an Kampfgerät und Artillerie. Sie mussten andere Stärken ausspielen. Der Divisionskommandeur und der Artilleriechef wandten täglich ihren Plan von „Pendelkanonen“ an: Tags und nachts wechselten die Geschützmannschaften die Position und beschossen die Deutschen von verschiedenen Stellungen aus, sodass die Wehrmachtsführung den Eindruck haben musste, ihr stehe ein starker Artillerieverband gegenüber. Auch konnte die Rote Armee dadurch eigene Geschütze dem Feindfeuer entziehen.

    Bald nach Ausbruch des Krieges erhielten die sowjetischen Truppen die neuen Panzer T-34. Die Wehrmacht wusste davon und fürchtete, gegen die neuausgerüsteten Einheiten kämpfen zu müssen. Der Verband von Katukow hatte diese Panzer noch nicht bekommen, aber der Kommandeur wusste die Furcht des Gegners durch Improvisation zum eigenen Vorteil zu nutzen.

    Mehrere Lastwagen, mit Holzplatten beplankt, mit Holzrohren versehen und dunkelgrün angemalt – und fertig waren die T-34-Attrappen. Stationiert wurden die Mogelpackungen an Waldlichtungen und in Gebüschen, während in der Nähe unter Tarnung echte Kanonen aufgestellt wurden. An solchen Stellungen war die Wehrmacht vorsichtiger, musste das Sturmtempo drosseln.

    Schauspieler vor!

    Nach den Kämpfen in der Ukraine wurde Katukow nach Stalingrad versetzt – mit dem Auftrag, eine Panzerbrigade aufzustellen. Die Zahl der Panzer war zu dem Zeitpunkt immer noch unzureichend, es mussten fortlaufend kleinere Einheiten gebildet werden. Immerhin erhielten Katukow und seine Männer die ersten T-34. Die waren wendiger, stärker und besser geschützt als die Panzer der Vorgängergeneration. Die Einarbeitung in die neue Technik begann, derweil Katukow dazu überging, aus der Erfahrung der bisherigen Kämpfe eine neue Taktik zu entwickeln.

    Da die deutschen Panzerverbände zahlenmäßig überlegen waren, hatte er die Idee, Panzerfallen einzusetzen. Die Infanterie legte falsche Schützengräben an, mit Geschütz- und MG-Attrappen. Dahinter folgten weitere Gräben, während im Gebüsch oder hinter einem Gemäuer echte Kampfpanzer auf den Feind warteten. Jede Panzerbesatzung verfügte über mehrere Stellungen, zwischen denen sie wechseln konnte.
    Tauchte der Gegner auf, schwiegen die Hinterhalte vorerst – nur in den falschen Gräben an der vordersten Linie schossen kleinere Einheiten, um ein Gefecht zu simulieren. „Schauspieler“ nannte Katukow diese Soldaten. Wurden sie vom Gegner beschossen, zogen sie sich möglichst unauffällig zurück.

    Sowjetische Panzersoldaten besichtigen einen zerstörten Tiger-Panzer bei Kursk, Juli 1943
    © Sputnik / Natalia Bode
    Sowjetische Panzersoldaten besichtigen einen zerstörten Tiger-Panzer bei Kursk, Juli 1943

    Nach einem Luftangriff schickte die Wehrmacht schließlich Panzer und Infanterie. Die fanden die vordersten Gräben leer vor und schritten weiter vor – bis sie plötzlich unter massivem Beschuss standen. Die sowjetischen Panzer warteten, bis die deutschen Kräfte auf 200 bis 300 Meter vorgerückt waren, und eröffneten das Feuer erst dann. Die Falle schnappte zu: Die Wehrmachtssoldaten wurden an den Flanken und im Rücken attackiert.

    Anfang Oktober erstürmte die Wehrmacht Orjol. Die Stadt war als großer Verkehrsknoten ein günstiger Brückenkopf für den weiteren Vorstoß gegen Moskau. Von der Führung der Roten Armee erging der Befehl, die Wehrmacht nicht weiter vorrücken zu lassen als bis zum Städtchen Mzensk. Dorthin war bereits die Katukow-Brigade verlegt worden, die die Panzerarmada von General Guderian aufhalten sollte.

    Wieder zeigte sich die ganze Wirksamkeit der Katukow-Methode. An Kampfgefährt vielfach überlegen, erlitt die Wehrmacht dennoch enorme Verluste: Die Männer des Panzerkommandeurs griffen überraschend und entschlossen aus den Hinterhalten an, den gegnerischen Luftangriffen wichen sie gekonnt aus. Auf 133 abgeschossene deutsche Panzer kamen 28 zerstörte Panzer von Katukow. Nach der Schlacht von Mzensk wurde dessen 4. Brigade in die 1. Gardebrigade umbenannt, der Kommandeur wurde zum Generalmajor befördert.

    Der Weg nach Berlin

    „Ende 1942 beteiligt sich Katukow an der Operation Mars“, erklärt der Militärhistoriker Mjagkow. „Eines seiner Ziele bestand darin, die deutschen Truppen von der Südflanke abzulenken. Das Ziel wurde erreicht. Es wurde vereitelt, dass die Deutschen eine große Verstärkung nach Stalingrad und in den Kaukasus verlegen. Der Gegner war eingekeilt und erlitt große Verluste. Doch insgesamt verlief die Operation für die Rote Armee ungünstig. Zwar hatte Katukow mit seinem Verband vorpreschen können, blieb dann aber von der Resttruppe abgeschnitten und musste sich aus einer Einkesselung freikämpfen.“

    Sowjetischer Panzer T-34 im Kampf
    © Sputnik / Zentralmuseum der Streitkräfte
    Sowjetischer Panzer T-34 im Kampf

    Es folgten die Schlacht von Kursk und die Offensive der 1. Ukrainischen Front zur Befreiung Polens (die Lwiw-Sandomierz-Operation). „Dort hatte der Verband von Katukow den Brückenkopf von Sandomierz zu erweitern, um das Vorrücken der Roten Armee zu erleichtern. In Polen gingen die Panzerarmeen übrigens möglichst behutsam vor. Der Gegner wurde bekämpft, die Zivilbevölkerung größtmöglich geschont. Städte blieben nahezu unzerstört. Und dies, obwohl die Panzertruppe pro Tag 50 bis 70 Kilometer vorankam“, erinnert der Historiker.

    Im Frühjahr 1945 ging Katukows 1. Panzerarmee zum Angriff auf Berlin über. Nach schweren Kämpfen wurde die Verteidigung auf den Seelower Höhen durchbrochen, die Spree wurde überquert und schließlich die Reichshauptstadt erstürmt.

    Nach Kriegsende befehligte Michail Katukow, zweifacher Held der Sowjetunion, die Panzer- und mechanisierten Verbände der sowjetischen Truppen in Deutschland; danach die 5. mechanisierte Gardearmee des Militärbezirks Belarus. 1959 wurde der Kriegsheld in den Rang eines Marschalls der Panzertruppen erhoben.

    Genraloberst Michail Katukow
    © Sputnik / Alexander Kapustjanskij
    Genraloberst Michail Katukow
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    Tiger I, Panzer, Tiger II, Wehrmacht, Rote Armee, Zweiter Weltkrieg