04:14 29 Oktober 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (124)
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    Mitarbeiter des Hotels Xander in Tomsk sagen ihren Gästen, sie sollten nicht alles glauben, was über das Hotel und die „vergifteten“ Wasserflaschen im Zimmer geschrieben wird, in dem Alexej Nawalny abgestiegen war. Eine Korrespondentin von RIA Novosti hat in diesem Hotelzimmer zwei Tage verbracht und seine Sicherheit selbst getestet.

    Die Mitarbeiter des Hotels äußerten auch, dass die Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor das Zimmer untersucht und keine verdächtigen Dinge entdeckt habe.

    Am Donnerstag veröffentlichte Alexej Nawalny auf seiner Instagram-Seite eine Erklärung, der zufolge der Giftstoff „Nowitschok“, mit dem er angeblich vergiftet wurde, auf Wasserflaschen aus seinem Zimmer im Tomsker Xander Hotel entdeckt worden wäre. Gleichzeitig teilte er mit, dass Mitarbeiter seiner Stiftung für Korruptionsbekämpfung (russ. Abk.: FBK) nach der Meldung über seine Krankenhauseinweisung einen Anwalt gerufen, das Hotelzimmer, welches er kurz zuvor verlassen habe, betreten und alles aufgeschrieben hätten, was sie dort gefunden hätten, unter anderem mehrere leere Wasserflaschen, die er zuvor im Hotel gekauft habe. Laut Nawalny wurden die Flaschen dem deutschen Labor überreicht, das zwei Tage später Giftspuren entdeckt habe. Vertreter der deutschen Bundesregierung erklärten, sie hätten das den Flaschen gewidmete Video gesehen und zur Kenntnis genommen. Ein Kommentar blieb jedoch aus.

    Hotelzimmer Nr. 239

    „Hier bitte, Ihr Schlüssel“, sagte eine Managerin des Hotels Xander der Korrespondentin von RIA Novosti und reichte ihr die Schlüsselkarte mit der Zahl 239. Die Journalistin fragte extra, ob das nicht das Zimmer sei, in dem Alexej Nawalny übernachtet habe. Die Mitarbeiterin lächelte nur und sagte, man sollte nicht Gerüchten – und Reportern – glauben.

    Schon im Zimmer verstand die Korrespondentin, dass es tatsächlich das Zimmer war, in dem das FBK-Video gedreht worden war: derselbe Schnitt, dieselben Möbel. Auch das Wasser war von derselben Marke, allerdings gab es dort nur eine Flasche. Wie ein Zimmermädchen später erklärte, hängt die Flaschenzahl von der Gästezahl ab.

    „Wenn die Gäste auschecken, reinigen wir die Zimmer immer sehr gründlich. Dabei erzählt man uns nicht, wer dort gewohnt hat. Die Reinigung erfolgt der Reihe nach, je nachdem wie die Zimmer frei werden“, erläuterte das Zimmermädchen

    Aber die Journalistin hatte immer noch ihre Zweifel, denn im Hotel könnte es mehrere identische Zimmer geben. Aber eine Managerin bestätigte ihre Vermutungen und versicherte ihr, dass das Zimmer ungefährlich sei. Nach ihren Worten hatten mehrere Kameraden Alexej Nawalnys das Zimmer in Begleitung einer Mitarbeiterin besichtigt und mehrere Flaschen mitgenommen. Sie habe sie gebeten, nichts zu berühren, bevor die Polizei eintreffe, doch Nawalnys Vertreter haben ihr nicht zugehört.

    „Machen Sie sich keine Sorgen – das Hotel bleibt weiter offen, wir wurden nicht geschlossen. Wenn etwas nicht in Ordnung gewesen wäre, dann würden wir jetzt nicht arbeiten“, so die Kollegin. Ihr zufolge haben Rospotrebnadsor-Vertreter nirgendwo in dem Gebäude etwas Schlimmes entdeckt.

    Auf die Frage, wieso FBK-Vertreter das Zimmer, das Nawalny bereits verlassen hatte, betreten durften, erwiderte die Dame, sie hätten ihren Kollegen erklärt, was dem Kreml-Kritiker im Flugzeug passiert sei, und nach einer kleinen Beratung sei beschlossen worden, ihnen das Zimmer zu zeigen.

    „Wir sind ihnen entgegengekommen. Denn es könnte ja gewesen sein, dass er sich mit irgendetwas aus seiner Minibar im Zimmer vergiftet hätte“, betonte sie und ergänzte, dass eine Mitarbeiterin bei der Zimmerbesichtigung dabei gewesen sei.

    Die Managerin räumte ein, dass sie von dieser „Flaschengeschichte“  „geschockt“ sei.

    „Das Wasser bestellen wir immer bei zuverlässigen Lieferanten. Diese Wassermarke ist sehr populär, man kann sie überall kaufen. Wieso es in dem Zimmer so viele Flaschen gab, weiß ich nicht. Er (Nawalny) stieg dort allein ab“, so die Dame.

    Untersuchungsgeheimnisse

    Vor der Version, Nawalny hätte sich mit einem Stoff vergiftet, der angeblich in den Flaschen in seinem Hotelzimmer entdeckt wurde, hatte es auch andere Vermutungen gegeben. So teilte die Verkehrspolizei mit, die Ermittler hätten genau festgestellt, was und wann Alexej Nawalny in Tomsk besucht hatte. Neben dem Hotel soll er eine Mietwohnung besucht haben, wo er sich mit seinen Anhängern traf, sowie ein Café am Flughafen Tomsk. Und gerade dort habe der Kreml-Kritiker etwas gegessen und alkoholhaltige Getränke getrunken.

    Danach, was Nawalny in der besagten Mietwohnung getan haben könnte, fragte RIA Novosti die FBK-Stabschefin in Tomsk, Ksenia Fadejewa, aber sie weigerte sich, sich mit der Korrespondentin zu treffen oder zumindest per Telefon zu sprechen, und zwar unter dem Vorwand, dass ein solches Gespräch mit Nawalnys Pressesprecherin Kira Jarmysch abgesprochen werden müsse. Diese beantwortete die Anrufe von RIA Novosti nicht.

    Das „Wiener Café“ am Flughafen, wo Alexej Nawalny am 20. August vor dem Boarding einen Tee getrunken haben soll, bleibt offen. Es wurde gleich nach dem Zwischenfall für eine Woche geschlossen. Ein Mitarbeiter, mit dem die Korrespondentin sprach, sagte, er sei erst vor einer Woche angestellt worden, und dem Personal es sei verboten, über den Zwischenfall um Nawalny zu sprechen. Seine Kollegin wollte dazu auch nichts sagen und drohte sogar, die Polizei zu rufen, wenn man ihr weiter Fragen über Nawalny stellen sollte.

    Der Geschäftsführer des Cafés, Pjotr Filonenko, der bis zuletzt intensive Kontakte mit Medienvertretern hatte, wollte plötzlich auch nichts mehr kommentieren.

    Die Einzelheiten des polizeilichen Vorprüfungsverfahrens bleiben vertraulich. Der Pressesprecher, dessen Telefonnummer auf der Website der Polizei angegeben ist, beantwortete mehrere Anrufe nicht, und bei der Hauptverwaltung in Nowosibirsk verweigerte man einen Kommentar.

    Reise nach Kaftantschikowo

    Das Dorf Kaftantschikowo liegt 15 Kilometer entfernt von Tomsk, und dort soll sich Nawalny am Vortag seiner Vergiftung erholt haben. Dorfbewohner erzählten, sie hätten tatsächlich gehört, dass Nawalny hier gewesen wäre. Angeblich hätte jemand sogar ein Selfie mit ihm gemacht.

    Aber die Mitarbeiter der drei Geschäfte, die es in dem Dort gibt, wollen ihn nicht gesehen haben. Eine Mitarbeiterin des größten Einkaufszentrums in Kaftantschikowo teilte mit, hier seien Vertreter der Ermittlungsbehörden gewesen, die Videos von den Überwachungskameras mitgenommen hätten. Was Nawalny im Dorf gemacht haben könnte, erzählte RIA Novosti der Rechtsanwalt Anton Timofejew, der mit dem Tomsker FBK-Stab kooperiert. Möglicherweise war er derjenige, der an der Besichtigung des berüchtigten Hotelzimmers Nr. 239 teilnahm. Auf seiner Facebook-Seite teilte er am 21. August mit, Nawalny hätte ihn gebeten, ihn irgendwohin zu fahren, wo er baden könnte, und so habe Timofejew ihn nach Kaftantschikowo kutschiert, wo er selbst lebe. Im Wasser habe Nawalny lediglich zehn Minuten verbracht und sei dann nach Tomsk abgereist, wobei der Rechtsanwalt selbst zu Hause geblieben sei. Dabei sei der Oppositionspolitiker nüchtern gewesen und habe ansonsten nichts besucht.

    Evakuierung vom Blogger Alexej Nawalny aus dem Krankenhaus in Omsk am 22. Augst 2020
    © REUTERS / Alexey Malgavko
    Evakuierung vom Blogger Alexej Nawalny aus dem Krankenhaus in Omsk am 22. Augst 2020

    Über Einzelheiten des Aufenthalts Nawalnys in Tomsk und in Kaftantschikowo wollte Timofejew nichts sagen.

    Andere Dorfbewohner konnten nicht sagen, ob Nawalny gebadet hätte oder nicht – niemand habe ihn baden gesehen. Und ein Mann zweifelte sogar daran, dass man am 20. August überhaupt gebadet haben könnte, weil das Wasser zu kalt gewesen sei.

    Am 20. August wurde Nawalny in Omsk in ein Krankenhaus gebracht, nachdem es ihm an Bord des Flugzeugs übel geworden war. Nach seiner Untersuchung gaben die Ärzte an, es handele sich um eine Stoffwechselstörung wegen einer großen Schwankung des Zuckergehalts im Blut. Worauf sich das zurückführen lassen könnte, ist immer noch nicht geklärt. Weder im Blut noch im Urin des Oppositionspolitikers haben die Ärzte Giftspuren entdeckt.

    Später wurde Nawalny mit einem Business-Jet nach Berlin gebracht, wo er in die Charité eingeliefert wurde. Danach erklärte die Bundesregierung unter Berufung auf deutsche Militärärzte, Nawalny sei mit einem Kampfgiftstoff aus der „Nowitschok“-Familie vergiftet worden. Diesen Schluss sollen später auch schwedische und französische Mediziner bestätigt haben.

    Im Kreml erklärte man seinerseits, Berlin habe Moskau über seine Schlussfolgerungen nicht benachrichtigt. Das russische Außenministerium betonte, Russland erwarte von der deutschen Seite die Antwort auf seine offizielle Anfrage.

    Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte zum „Fall Nawalny“, dass die Ermittlung de facto aufgenommen worden sei, und sollte sich bestätigen, dass der Oppositionspolitiker vergiftet worden sei, werde die Ermittlung auch de jure beginnen.

    Charité-Vertreter teilten am 7. September mit, dass sich Nawalnys Zustand verbessert habe, so dass er aus dem künstlichen Koma geholt und vom Beatmungsgerät genommen worden sei.

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    Tags:
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