05:56 20 Oktober 2020
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    Vor einem Gericht nahe Weliki Nowgorod beginnt am Mittwoch ein Prozess, bei dem über die Einstufung der Massenhinrichtungen im Dorf Schestjanaja Gorka durch die Nazis in den Kriegsjahren als Völkermord entschieden wird. Das ist bislang der erste derartige Prozess in Russland.

    „Die Vorverhandlung findet am 14. Oktober statt. Es wird um organisatorische Fragen des Verfahrens gehen“, teilte die gemeinsame Pressestelle der regionalen Gerichte mit.

    Im Dorf Schestjanaja Gorka ca. 30 Kilometer nordwestlich von Weliki Nowgorod in Nordwestrussland hatten die Nazis im Zweiten Weltkrieg massenhaft Zivilisten erschossen. Im Frühjahr 2019 wurden dort Überreste von 500 Opfern, darunter vieler Kinder entdeckt. Nach Angaben der russischen Staatsanwaltschaft wurden in dem Ort mindestens 2600 Menschen ermordet.

    Wozu der Prozess nötig ist

    Die Einstufung der Hinrichtungen von Schestjanaja Gorka als Völkermord könnte eine rechtliche Bewertung von NS-Verbrechen in der Sowjetunion anregen, sagt Historiker Dmitri Astaschkin vom St. Petersburger Institut für Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften im Gespräch mit Sputnik.

    Die Sowjetunion habe ja als erstes Land der Welt die NS-Kriegsverbrecher und ihre Kollaborateure verurteilt. Das Thema Schestjanaja Gorka sei erstmals 1947 während des Prozesses in Weliki Nowgorod angesprochen worden, bei dem der deutsche General Kurt Herzog als Organisator der Hinrichtungen zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt worden sei.

    „Doch viele der Täter konnten nie zur Verantwortung gezogen werden, weil sie im Ausland waren. Während der Perestroika landeten viele Akten im Archiv, darunter auch der Fall Schestjanaja Gorka“, so der Forscher. „So sind die Opfer namenslos und die Henker ungestraft geblieben.“

    Astaschkin verwies darauf, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus keiner Verjährung unterlägen und auch in Deutschland immer wieder „fast hundert Jahre alten Verbrechern“ der Prozess gemacht werde.

    Hinrichtungen in Schestjanaja Gorka: Historische Hintergründe

    Nach Angaben der russischen Staatsanwaltschaft hatten die Nazis im Jahr 1942 für die Erschießung von Zivilisten ein Teilkommando gebildet. Der 20-köpfige Trupp, dem auch lettische Bürger angehörten, wurde deutschen und österreichischen Offizieren befehligt.

    In den Jahren 1942 bis 1943 soll das Teilkommando insgesamt 2600 Menschen hingerichtet haben, sowohl Zivilisten als auch gefangene Rotarmisten. In den letzten Jahren wurden dort sterbliche Überreste von mehr als 500 Opfern entdeckt, darunter von 188 Kindern ab fünf Jahre.

    Außer dem deutschen General Kurt Herzog, der 1947 von einem sowjetischen Kriegsgericht als Organisator zu 25 Jahren Lager verurteilt wurde, kamen sonst keine Verantwortlichen vor Gericht.

    leo/tm

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    Tags:
    Prozess, Völkermord, Massenhinrichtungen, Hinrichtungen, NS, Großer Vaterländischer Krieg, Weltkrieg, Sowjetunion, Russland