05:48 03 Dezember 2020
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    Die legendäre Berliner Polit-Kneipe „Ständige Vertretung“ (StäV) warf der Bundesregierung bei Corona-Politik Aktionismus statt überlegtes Handeln vor und agitierte unter Kollegen für ein Hausverbot gegen die Politiker. Doch nachdem das Video viral gegangen war, ruderte die Kneipe zurück - und löste eine entsprechende Diskussion aus.

    Mit dem Facebook-Video vom Donnerstagabend sorgte die Kneipe in den sozialen Netzwerken für großes Aufsehen und schaffte es ins Fernsehen. In der Botschaft suggerierten der Geschäftsführer Jörn Peter Brinkmann und sein Partner Jan Philipp Bubinger, die Politik habe anders als die Gastronomie die Zeit seit April nicht genutzt, um das Land auf eine zweite Corona-Welle vorzubereiten. Aus Protest gegen die aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbare Schließung der Gaststätten rief Brinkmann seine Kollegen in der Gastronomie dazu auf, sich dem Hausverbot gegen die Politiker anzuschließen. Seine Kneipe selbst erkläre hiermit Hausverbot etwa für Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Olaf Scholz, aber auch für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU).

    Die Reaktionen fielen zum Großteil positiv aus. Während die meisten Respekt und Unterstützung für das „klare Zeichen“ ausdrückten, fanden sich aber einige, die etwa „das skrupellose Merkel-Regime“ anfeindeten. Am Sonntagabend meldete sich die Kneipe zurück - mit einem viel versöhnlicheren Ton. „Auch wenn man die Entscheidungen der Politiker zur Coronafrage und den Einschränkungen für die unterschiedlichen Gastronomiebetriebe mit ihren Auflagen anders einschätzen kann, sind wir selbstverständlich auch in der Zukunft bereit, mit den benannten Politikern in den Dialog zu gehen“, heißt die neue Botschaft. Man nehme das Virus ernst, möchte sich aber entschieden von rechtsextremen Gesinnungen und Verschwörungstheoretikern distanzieren. Deswegen bedauere man, dass das Video neben dem großen positiven Zuspruch auch Applaus aus der „falschen Ecke“ hervorgebracht habe. Die Kneipe meinte auch: Man freue sich, „auch in Zukunft weiterhin alle politisch Aktiven zusammen mit ihren Mitarbeitern und Wählern in der 'Ständigen Vertretung' begrüßen zu können“. Dieser Satz aus dem Statement, der erst von vielen Medien übernommen wurde, ist von der Kneipe später offenbar entfernt worden.

    „Sorry, für mich ist das charakterlos!“

    Mit der Versöhnung zeigen sich viele Unterstützer der Initiative nun irritiert und üben Kritik da aus, wo die Initiatoren der Aktion zuvor Solidarität ernteten. Es gehe doch ums Prinzip der allgemeinen Geste für die Betroffenen und nicht um „Applaus aus der falschen Ecke“, so etwa die Nutzerin Heidi Thiemann, die den Rückzieher „in Anbetracht der jetzigen Umstände und des unverhältnismäßigen Lockdowns“ schade findet.

    „Das bedeutet also, wenn ihr haufenweise Likes aus der ‘falschen Ecke’ für eure Gastronomie bekommen würdet, würdet ihr euer Geschäft schließen?“, fragt der Nutzer Em Mar. Ein gewisser Michael Kruger eben: „Immer dieses reflexartige Zurückrudern, sobald vermeintlich 'Falsche' eine Handlungsweise gut finden! Nachdem vermeintlich 'Richtige' diese Handlungsweise kritisiert haben - eingeknickt! Ist das etwa kein instrumentalisieren lassen? Sorry, für mich ist das charakterlos!“

    Ihre Unzufriedenheit äußert Regina Buge wie folgt: „Wenn man öffentlich eine Variante von ‘Merkel muss weg’ verbreitet, muss man sich nicht wundern, dass das vor allem denen gefällt, die seit 5 Jahren mantramäßig ihren gesamten Hass auf Merkel fokussieren. Aber ohne die Schlagzeile ‘Hausverbot für Merkel’ hättet ihr keine Aufmerksamkeit erreicht, da nimmt man das schon mal gerne in Kauf, geil?“

    In der heutigen Zeit sei es normal, dass Botschaften von allen Seiten genutzt werden, kommentierte seinerseits Andreas Meyer. „Sich aber jetzt hinstellen und sich über die Ausnutzung durch bestimmte Gruppen zu beschweren, ist einfach naiv und der Rückzieher rückgratlos. Wer von einer Sache überzeugt ist, der zieht sie auch durch.“ Insgesamt wird der Kneipe vorgeworfen, vor den Reaktionen zum Nachteil der Überzeugung zu schnell „eingeknickt“ zu sein. Die anderen fanden es schade, dass es sich bei der Aktion lediglich um eine „clevere Werbung“ gehandelt habe. Sonst hätte man so eine Maßnahme ein bis zwei Wochen durchhalten können. Nur sehr wenige zeigten sich mit der Rückmeldung zufrieden.

    Am vergangenen Mittwoch hatten sich Bund und Länder darauf geeinigt, die zweite Corona-Infektionswelle mit strengen Kontaktbeschränkungen für die Bürger und einem weitgehenden Herunterfahren aller Freizeitaktivitäten zu brechen. So sollen die Gastronomie, aber auch Theater, Opern oder Konzerthäuser vom 2. November an bis Ende des Monats schließen. Die Regelung betreffe auch den Freizeit- und Amateursportbetrieb, Individualsport soll ausgenommen werden.

    lk/mt

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    Tags:
    Lockdown, Coronavirus, Angela Merkel