06:40 03 Dezember 2020
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    Eine starke Verbreitung des Corona-Erregers in Berlin habe zu einem Infektionsgeschehen geführt, bei dem das Verhalten der Menschen immer unwichtiger werde, meint Gesundheitsamtsleiter Patrick Larscheid. Dennoch verteidigt er die Maßnahmen der Bundesregierung, warnt vor Engpässen bei den Intensivbetten und einer „geringen Schutzwirkung von Masken“.

    „Jedes zehnte Gesundheitsamt überlastet“, meldeten die Medien Anfang November. 38 von rund 400 Ämtern hätten eine Überlastung angezeigt, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) mit. Engpässe bei den Gesundheitsämtern sollen vor allem die Nachverfolgung von Kontaktpersonen betreffen, zum Teil aber auch das Ausbruchsmanagement oder andere Aufgaben des Infektionsschutzes. Die sogenannte Kontakt-Nachverfolgung gilt als zentrales Element in der Pandemiebekämpfung. Doch diese können die Gesundheitsämter offenbar zum größten Teil nicht mehr gewährleisten. „Bei den allermeisten Fällen ist es ein sehr diffuses Geschehen, und wir können die Quellen nicht mehr erkennen“. Das sagt Patrick Larscheid, Leiter des Gesundheitsamts Berlin-Reinickendorf, im Online-Gespräch mit den Journalisten des „Vereins der Ausländischen Presse“ (VAP).

    „Nicht mehr wichtig, wie sich Leute verhalten“?

    Er geht davon aus, dass in Berlin zurzeit etwa ein Prozent der Bevölkerung von dem Infektionsgeschehen betroffen sei.

    „Damit haben wir eine so starke Verbreitung des Erregers, dass es gar nicht mehr richtig wichtig ist, wie sich die Leute verhalten“, so Larscheid.

    Zwar habe seine Behörde momentan auch mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen, aber auch in den Fällen, wo sehr intensiv ermittelt werde, könne sein Gesundheitsamt nicht feststellen, wo sich der Erkrankte angesteckt habe. Dies sei ein grundsätzliches Problem. „Und wir sehen aktuell nicht, wie wir das verbessern können“, betonte der Amtsarzt gegenüber dem VAP am Montag.

    Nicht nur die Infektionszahlen seien gestiegen, sondern auch die Dunkelziffer. „Somit merken wir, dass wir schlechter als im Frühjahr die Infektionsketten nachverfolgen können. Damals waren es Leute, die Skifahren waren und zurückkamen. Das ließ sich ziemlich genau eingrenzen. Die Zeit ist jetzt vorbei.“ Das sei der wesentliche Unterschied zu der Situation im Frühjahr.

    Und dennoch: „Überfordert ist hier niemand“, erklärt der Gesundheitsamtsleiter. „Wir haben ein Ziel und genug Ausdauer. Wir werden das so lange machen, wie es nötig ist. Es sind uns 266.000 Menschen anvertraut worden. Wir tragen die Verantwortung für ihre Gesundheit. Eine schöne Aufgabe, die wir machen.“

    Die Intensivbetten werden knapp

    Er hält die neuerlichen „Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung“ der Bundesregierung, die Anfang des Monats zu einem erneuten „Lockdown“ geführt haben, für richtig.

    „In Berlin haben wir aktuell noch 100 Intensivbetten, die frei sind. Das klingt nicht schlecht. Aber wenn sie heute mit der Diagnose Covid-19 ins Krankenhaus gehen und auf die Intensivstation kommen, bleiben sie dort etwa drei Wochen. Das ist die Schwierigkeit. Die Intensivstationen werden voller, aber sie werden nicht leer. Und die Leute haben weiterhin Herzinfarkte, schwere Unfälle, Verbrennungen. Die müssen auch versorgt werden. Und an dieser Stelle können wir die Kapazitäten nicht beliebig erweitern.“

    Hinter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sieht er die folgende Logik: „Wenn wir die Infektion unten, wo es möglich ist, nicht bekämpfen, dann werden wir keine Chance haben, Krankenhausbetten leer zu halten.“

    Maske als „psychologisches Instrument“

    Dabei mahnt er die Bevölkerung an, sich an die Kontaktbeschränkungen und die Abstandsregeln zu halten. Durch das Maskentragen würden sich viele Menschen zu sehr in Sicherheit wiegen, so der Experte.

    „Das Tragen einer Maske – vor allem einer Maske, wie wir sie alle in der Öffentlichkeit tragen, ein Stoff vor dem Gesicht – hat nicht den Anspruch, medizinischen Kriterien zu entsprechen. Das wäre ein großes Missverständnis. Es gibt eine gewisse Reduktion von Erregern in der Luft. Aber es schützt mich selber so gut wie gar nicht und es schützt auch andere zumindest über längere Zeiträume sehr eingeschränkt.“

    Der Mund-Nasenschutz sei jedoch ein „wichtiges psychologisches Instrument“, weil es den Menschen eine Möglichkeit gebe mitzuhelfen, glaubt Larscheid. „Die Maske versetzt uns psychologisch in die Lage: Ich kann etwas tun. Die Schutzwirkung im medizinischen Sinn ist aber sehr, sehr eingeschränkt.“

    Auch eine schlechte Maßnahme sei eine Maßnahme. „Unser Problem ist: Wir haben keine bessere. Wir wissen zwar, dass diese Alltagsmasken keinen riesigen Effekt haben, aber sie haben einen Effekt. Dieser ist mittlerweile evidenzbasiert nachweisbar. Das ist gut“, urteilt Larscheid.

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