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    Das Problem der Misshandlung von Adoptivkindern aus Russland

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    MOSKAU, 07. Februar (RIA Novosti). Am Mittwoch, dem 1. März, ist die USA-Bürgerin Peggy Sue Hilt wegen Mordes an ihrer Adoptivtochter aus Russland, Nina Hilt (Viktoria Baschenowa), vor Gericht gekommen. In der Vorverhandlung hatte sich die Angeklagte schuldig bekannt.

    Nach Angaben des Untersuchungsteams war die zweieinhalbjährige Nina Hilt am 2. Juli 2005 gestorben. Nach ärztlichem Gutachten erlag das Mädchen zahlreichen Verletzungen. Prellungen wurden am ganzen Körper - zwischen den Augenbrauen, am Kinn, am Brustkorb, am rechten Arm, an der rechten Hüfte und am Unterschenkel - festgestellt. Kurz nach der Festnahme behauptete Hilt, ihre Tochter habe eine starke Prellung bekommen, als sie von der Treppe gefallen sei. Mehrere Tage danach gestand sie jedoch, das Mädchen wirklich verprügelt zu haben, weil Nina sie "geärgert und wütend gemacht hatte".

    Der Angeklagten zufolge begann sie, das Kind zu schütteln. Dann warf sie es auf den Boden, stieß es mit dem Fuß in den Bauch. Sie legte das Kind aufs Bett und fuhr fort, es mit der Faust in den Rücken und auf den Bauch zu schlagen. Peggy Sue Hilt wollte keinen Arzt aufsuchen. Im Gegenteil, sie nahm sich vor, das Kind zu ihren Verwandten in eine andere Stadt zu bringen. Nach einer vierstündigen Fahrt hörte das schwer misshandelte Kind auf zu atmen, erst dann wurde Nina in ein Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte ihren Tod konstatierten.

    Eine Expertise hat ergeben, dass Peggy Sue Hilt das Verbrechen wissentlich und vorsätzlich verübt hatte. Unter diesen Umständen droht ihr eine lebenslange Haft. Doch mit Rücksicht auf das "offenherzige Geständnis" kann gegen sie eine Freiheitsstrafe von höchstens 40 Jahren verhängt werden. Wie die Anklage dazu erklärte, werde sie ihr Möglichstes tun, damit die Angeklagte gerade zu dieser Freiheitsstrafe verurteilt wird.

    Vika Baschenowa war im Jahre 2004 adoptiert worden, aber in ihrer neuen Familie lebte sie nur etwa ein Jahr. Auf das am 11. Oktober 2002 geborene Mädchen hatten zuerst ihre leibliche Mutter und späterhin noch drei Familien aus Russland verzichtet. Damals gab das Irkutsker Gebietsgericht einem Antrag der Amerikaner Peggy Sue und Christopher Hilt aus Nordkarolina statt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft machten sie den Eindruck, als seien sie respektable und zuverlässige Menschen. Sie führten ein eigenes Geschäft in Nordkarolina, Peggy Sue hatte dazu auch noch Erfahrungen als Kinderfrau in einem Kinderzentrum. Außerdem hatte das Ehepaar schon eine Adoptivtochter, die fünfjährige Olga aus der Ukraine. Das Untersuchungsteam hat alle Dokumente überprüft und keine Rechtsverletzungen in dem Adoptionsverfahren festgestellt. Indes ist das bereits der 15. Fall eines Mordes an einem im Ausland adoptierten Kind und der 14. solche Fall in den USA. Kurz davor war das Verfahren wegen vorsätzlichen Mordes an Aljoscha Gejko abgeschlossen worden, der von Irma Pavlis adoptiert worden war. Ihr zufolge sei das Kind unlenkbar gewesen. "Er schrie oft ohne Grund, urinierte in die Hose und schlug mit dem Kopf gegen die Wand." Pavlis wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

    Im Februar wurde mitgeteilt, dass ein weiteres behindertes Kind von seinen Adoptiveltern beinahe getötet worden sei. Der vierjährige Kusma hat einen angeborenen Fehler am linken Arm, berichtete die "Daily Reporter". Aber trotz seiner Invalidität sei der Junge laut der Polizei durchaus handlungsfähig, benehme sich adäquat und sei sehr aufgeweckt. Die Adoptiveltern verprügelten ihn und drohten, ihm die Zunge und die Genitalien abzuschneiden, weil der Kleine "Gebete auf englisch schlecht gesprochen habe". Gegen die Familie Conran ist bereits ein Ermittlungsverfahren anhängig. In dessen Verlauf stellte es sich heraus, dass sie den Adoptivsohn einmal sechs Stunden lang misshandelt hatten. Mehr noch, das Ehepaar hat drei leibliche Kinder, die nach Angaben des Untersuchungsteams keiner Gewalt ausgesetzt waren. Das Gericht beschloss, den Conrans das Elternrecht abzuerkennen, und zwar nicht nur in Bezug auf Kusma, sondern auch auf ihre eigenen Kinder. Die Verhandlung des Falls ist noch nicht abgeschlossen.

    Warum häufen sich die Fälle von ungeheuerlichen Misshandlungen russischer Kinder? Liegt der Grund in der Brutalität der Amerikaner gegenüber Adoptivkindern überhaupt oder gegenüber russischen Kindern im Besonderen, in einer übermäßigen Aufmerksamkeit von Massenmedien für solche Zwischenfälle oder in Rechtsverletzungen von Adoptionsagenturen und staatlichen Behörden in Russland und im Ausland?

    Im Jahre 2000 wurden in einer Sendung von "Radio Rossii", die der Adoption russischer Kinder durch Ausländer gewidmet war, recht widersprüchliche Angaben angeführt. Der Zeitung "Iswestija" zufolge gelangen 85 Prozent der russischen Waisenkinder ins Ausland. Zugleich spricht die Generalstaatsanwaltschaft davon, dass es sich um ungefähr 50 Prozent handele. Die Agentur "REGNUM" führt folgende Angaben (für den November 2005) an: "Die Zahl der Kinder, die eine Familie brauchen, beläuft sich auf etwa 800 000. Im Jahre 2004 haben ausländische Familien 9400 Kinder und russische 7000 Kinder aufgenommen. Im Vergleich zum Jahr 2003 ist die Zahl der ausländischen Adoptiveltern auf das 4,5-fache und die der russischen auf weniger als das Doppelte gestiegen.

    Der Ausschuss für Sozialpolitik des Föderationsrates hat noch im Juni 2005 vorgeschlagen, die Adoption russischer Kinder durch ausländische Bürger zu verbieten. Ist das aber richtig? Der Minister für Bildung und Wissenschaft, Andrej Fursenko, hat im Februar 2006 wiederholt betont, er trete gegen das Verbot der Adoption russischer Kinder durch Ausländer auf. "Ich bin entschieden gegen solche Vorschläge. Wir müssen die Interessen der Kinder berücksichtigen", sagte er. Damals wurden keinerlei entschlossene Schritte unternommen.

    Bis November 2005 durften ausländische Bürger russische Kinder nach zwei Methoden adoptieren - über akkreditierte Agenturen oder in Form einer unabhängigen Adoption, das heißt unter Umgehung einer Agentur. Die künftigen Eltern können alle Dokumente in ihrem Land anfertigen lassen und eben dort die Adoptionsgenehmigung erhalten und unter Vorlage der erforderlichen Bescheinigungen bei den zuständigen Behörden in Russland ein Kind aufnehmen. Dies wird in der Regel über einen privaten Vermittler getan, der die Sammlung und die Anfertigung der erforderlichen Dokumente übernimmt und dabei keine Verantwortung für die Folgen der Adoption trägt. Außerdem wird die Kontrolle über die Zuverlässigkeit der Adoptiveltern in einem solchen Fall nach Ansicht der Mitglieder der interdisziplinären Kommission für Adoptionsfragen recht formell ausgeübt, weswegen die adoptierten Kinder zu brutalen Eltern gelangen können.

    Im November hat die Kommission die unabhängige Adoption russischer Kinder durch Ausländer verboten. Experten erklärten daraufhin, dieses Verbot würde den Waisen nur schaden, denn vielen von ihnen würde die Möglichkeit genommen, eine normale Familie zu finden. Die Menschenrechtler behaupten ihrerseits, das Verbot zeuge von der Hilflosigkeit vor der Korruption: Es wird vermutet, dass zwei Drittel der Kinder, die der Gewalt von Seiten ihrer ausländischen Adoptiveltern ausgesetzt waren, unter Verletzung der geltenden Gesetze mit Unterstützung "interessierter" Beamter und Agenturmitarbeiter adoptiert worden waren. Eine umfassende Kontrolle hat ergeben, dass die einen Agenturen Probleme mit den statutenmäßigen Dokumenten haben, bei anderen die Akkreditierungszeit abgelaufen ist und nur einzelne von ihnen Rechenschaft über das Leben der Kinder in den ausländischen Familien ablegen konnten. Nach Abschluss der Kontrolle ist die Zahl der akkreditierten Agenturen drastisch zurückgegangen, aber das tut wenig zur Sache.

    Die Menschenrechtler, die sich der ernsthaften Nachteile der unabhängigen Adoption bewusst sind, treten trotzdem gegen ihr Verbot auf. "Die Sache ist die, dass in einem solchen Fall viele russische Kinder die Möglichkeit verlieren würden, eine eigene Familie zu finden. Denn in einigen Ländern gibt es einfach keine Adoptionsagenturen, die in Russland akkreditiert sind", sagte der Chef der Organisation "Das Recht des Kindes", Boris Altschuler, gegenüber der "Gazeta.Ru". Um tragische Zwischenfälle zu vermeiden, sei eine Reihe von Maßnahmen, darunter auch zusätzliche Maßnahmen zur Kontrolle der psychischen Gesundheit der jeweiligen Adoptiveltern, erforderlich, so der Menschenrechtler. Natürlich seien einige Maßnahmen bereits eingeleitet worden. Ob sie aber ausreichen?

    Andererseits leiden Kinder in Russland kaum seltener unter der Brutalität von Erwachsenen. Einige Kommentatoren haben den Eindruck gewonnen, dass dem Schutz der Rechte unserer Waisenkinder im Ausland übermäßig hohe Aufmerksamkeit gewidmet wird - zum Nachteil derjenigen, die in Russland leben.

    Dieser Beitrag wurde von der Internet-Redaktion www.rian.ru in Anlehnung an Meldungen der Agentur RIA Novosti und anderer Quellen verfasst.

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