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    Zerfall Jugoslawiens: Montenegro stimmt für Unabhängigkeit

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    MOSKAU, 23. Mai (RIA Novosti). Die Leidenschaften zwischen Serbien und Montenegro hatten sich so sehr zugespitzt, dass diese ehemaligen jugoslawischen Republiken es nicht einmal vermochten, sich auf eine gemeinsame Kandidatur für den Eurovision Song Contest zu einigen.

    Wie die Ergebnisse des Unabhängigkeitsreferendums zeigen, werden Belgrad und Podgorica im nächsten Jahr dieses Problem offenbar nicht mehr lösen müssen. Beide Balkan-Republiken werden ab sofort sicherlich ganz unterschiedliche Lieder haben. Ihren gemeinsamen Schwanengesang werden sie in diesem Sommer in Deutschland, bei der Fußball-Weltmeisterschaft singen müssen: Die FIFA ließ wissen, dass beide Balkan-Republiken unabhängig von den Ergebnissen des Referendums nur als eine Mannschaft zu der Meisterschaft zugelassen werden.

    Wenn sich Montenegro tatsächlich zu einer Loslösung von Serbien entschließt, dann werden die Regierungen beider Republiken offenbar schwierigere Fragen als die Wahl des besten Pop-Sängers abstimmen müssen. Sollte das passieren, dann wäre eine Revision der Resolution des Weltsicherheitsrats Nummer 1244 zu Kosovo und Metochien notwendig, konstatiert Miroslav Lazanski, politischer Kolumnist der Belgrader Zeitung "Politika". Diese Resolution behandelt Kosovo als eine autonome Provinz innerhalb der Grenzen der Staatengemeinschaft Serbien und Montenegro. Eine Revision der Resolution werde nicht zur Lösung des Kosovo-Problems beitragen. Eine Loslösung Montenegros von Serbien würde zudem alle in Serbien lebenden Montenegriner, darunter auch Staatsbeamte und Studenten, zu Ausländern machen, so Lazanski weiter. Als Folge würden viele Funktionäre ihre Ämter an Staatsbürger Serbiens abtreten müssen. Schwere Probleme könnte es auch bei der Finanzierung der Auslandsvertretungen Serbiens und Montenegros geben.

    Serbien würde den Zugang zum Adriatischen Meer verlieren. Über die Häfen in Montenegro läuft gegenwärtig ein beträchtlicher Teil der Warenexporte nach Europa. Dagegen kann Serbien die Landrouten für Montenegro schließen, so dass Montenegro nach neuen Exportwegen wird suchen müssen - über Albanien und Kroatien", urteilt Lazanski.

    Die Serbisch-Orthodoxe Kirche, die sich schon jetzt gegen separatistische Stimmungen in Mazedonien wehren muss, würde im Falle der Unabhängigkeit Montenegros in eine schwierige Situation geraten. Die meisten Montenegriner bekennen sich zwar zur Serbisch-Orthodoxen Kirche, doch Montenegrinische Behörden haben noch Anfang der 1990er Jahre versucht, eine unabhängige christlich-orthodoxe Kirche zu gründen. Das Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Pavle, setzt sich für die des Bundesstaates von Serbien und Montenegro ein. "Die Zerstörung des Bundes gefährdet sowohl die Freiheit der Einwohner Serbiens als auch die der Einwohner von Montenegro", schrieb er in einem Brief an den Präsidenten von Serbien und Montenegro, Svetozar Marovic. Den Patriarchen unterstützten die Würdenträger der serbischen Moslems.

    Die in Serbien lebenden Montenegriner wurden beim Referendum der Möglichkeit beraubt, ihre Meinung über die Unabhängigkeit Montenegros zu äußern, obwohl ihre Interessen von einem Austritt Montenegros aus dem Bundesstaat unmittelbar betroffen sind.

    Pawel Kandel vom Europa-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie bescheinigt der Europäischen Union ein zweideutiges Verhalten beim Referendum in Montenegro: Formell wahrte die EU Neutralität, doch die Venedig-Kommission des Europarats bezeichnete es als unannehmbar, die in Serbien lebenden Montenegriner zu dem Referendum zuzulassen. Doch die Montenegriner, die ihren Wohnsitz im Ausland haben, wurden von der Volksabstimmung nicht ausgeschlossen. Dem Experten zufolge bestand das Ziel dieser Entscheidung darin, die Unabhängigkeitsbefürworter in Montenegro "vor einer unvermeidlichen Niederlage" zu retten. Die Empfehlung der EU, wonach beim Referendum mindestens 55 Prozent Ja-Stimmen notwendig waren, damit die Unabhängigkeit Montenegros in Kraft treten kann, gab zwar den Anhängern des gemeinsamen Staates eine unwesentliche Vorgabe, sicherte aber den Separatisten eine starke Position, stellt Kandel fest.

    Unabhängig vom Ergebnis des Referendums bleibt Montenegro zerspalten. Die Abstimmung spaltete 620 000 Einwohner dieser Balkan-Republik in ethnische, geographische und Altersgruppen, schreibt die britische Zeitung "The Telegraph". Die Mehrheit der Moslems slawischer Abstammung und der Albaner sind nach Angaben der Zeitung gegen eine Abtrennung von Serbien. Zu den Unabhängigkeitsbefürwortern zählen die Einwohner der gedeihenden Adriatischen Küste, die vom Investitions- und Tourismusboom profitieren. In den nördlichen, schwächer entwickelten Regionen des Landes, die an Serbien und Herzegowina angrenzen, ist der Anteil derjenigen hoch, die für einen gemeinsamen Staat plädieren.

    "The Telegraph" erinnert daran, dass 80 Prozent der Einwohner Montenegros der serbischen Nationalität angehören. Sie müssen jetzt zwischen der Treue zu Belgrad und den Aussichten auf einen Beitritt zur EU und ein besseres Leben wählen. Es sei daran erinnert, dass eine ehemalige Teilrepublik Jugoslawiens - Slowenien - bereits EU-Mitglied ist. Auch in Montenegro scheinen die wirtschaftlichen Erwartungen (egal begründet oder nicht) die Oberhand zu gewinnen.

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