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    Portrait Boris Jelzin - Reformer und gescheiterter Hoffnungsträger

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    Boris Jelzin ist tot (32)
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    Der erste Präsident Russlands, Boris Jelzin, der am Montag mit 76 Jahren verstorben ist, war der markanteste und widersprüchlichste Politiker des „neuen Russland“.

    MOSKAU, 24. April (RIA Novosti). Der erste Präsident Russlands, Boris Jelzin, der am Montag mit 76 Jahren verstorben ist, war der markanteste und widersprüchlichste Politiker des „neuen Russland“.

    Im Grunde leitete kein anderer als er den relativ blutlosen Abbau der Sowjetunion ein, konnte jedoch das Absinken des Lebensstandards und die Schwächung der Positionen Russlands in der Welt nicht aufhalten. Jelzin, der erste Leader in Russlands Geschichte, der 1990 vom ganzen Volk gewählt wurde, initiierte die Sprengung des ebenfalls auf demokratischem Wege gewählten Obersten Sowjets. Die Bilder der CNN-Übertragungen, die den Sturm des nach dem Panzer-Beschuss mit schwarzem Ruß bedeckten Parlamentshauses am Krasnopresnenskaja-Kai zeigte, wurden für die Welt zum Sinnbild der widersprüchlichen und bisweilen paradoxen Ereignisse im postsowjetischen Russland.

    Unterdessen gelang es dem von ihm geleiteten Ministerkabinett, mit einigen auf den ersten Blick unlösbaren Problemen der letzten Monate der Sowjetunion, vor allem mit dem Warenmangel, fertig zu werden. Seine Regierung konnte die übrigen Länder der Ex-UdSSR, in erster Linie die Ukraine und Kasachstan, zum Verzicht auf den Besitz von Kernwaffen bewegen und das Atompotential der ehemaligen UdSSR in Russland konzentrieren.

    UNTYPISCHER APPARATSCHIK

    Der 1931 im Dorf Butka (Gebiet Swerdlowsk) geborene Jelzin machte eine für jene Zeit typische Karriere eines Partei- und Wirtschaftsleiters. Zum Höhepunkt wurde der Wechsel des relativ jungen Parteisekretärs im Gebiet Swerdlowsk ins Team der Parteireformer von Michail Gorbatschow war.

    Jelzin leitete dann das Moskauer Stadtkomitee der KPdSU und wurde bei den Moskauern recht bald immer populärer, weil er dazu aufforderte, die Vergünstigungen für den Parteiapparat zu beschränken. Doch 1987 verlor er nach seiner Kritik am Gorbatschow-Team auf einem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU seine Parteiposten und wurde in die „Verbannung für Apparatschiki“ geschickt: auf den Posten eines Vizeleiters des Staatlichen Komitees für Bauwesen.

    Ihm gelang es, in die große Politik zurückzukehren: zuerst als Deputierter bei den freien Wahlen zum Obersten Sowjet der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) und dann als Vorsitzender des Parlaments der Republik.

    Seine Rivalität mit Gorbatschow, dem er die Erniedrigungen von 1987 nicht verzeihen konnte, bestimmte nach Ansicht vieler Politologen den Kampf um den Einfluss zwischen der RSFSR, der größten Republik der ehemaligen UdSSR, und dem Unionszentrum. Im Ergebnis habe diese Gegnerschaft die Schwächung und den Zerfall der Sowjetunion mit bewirkt.

    Während des versuchten Staatsstreichs der Militärs im August 1991 leitete Jelzin den Widerstand gegen die Putschisten. Auf einem Panzer stehend, erklärte er persönlich das Putschisten-Komitee (GKTschP) praktisch für vogelfrei. Nach dem gescheiterten Putsch war der Zerfall der Sowjetunion nur eine Frage der Zeit, doch die separaten, hinter Gorbatschows Rücken erzielten Vereinbarungen Jelzins mit den Führern der Ukraine und Weißrusslands über die Bildung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die faktisch die UdSSR ablöste, beschleunigten den Zerfall in hohem Maße.

    DAS RUSSLAND JELZINS

    Kennzeichnend für die ersten Jahre des neuen Russland war der Absturz der Produktion und der Löhne, die Entwertung von Geldanlagen und eine Hyperinflation sowie die wachsende Kriminalität und die Umverteilung des staatlichen Eigentums zugunsten einer neuen Unternehmerklasse. Gerade die Privatisierung, die von der Mehrheit der Bevölkerung als ungerecht empfunden wurde, bestimmte die heutigen komplizierten Beziehungen zwischen der Wirtschaftswelt und der Regierung.

    Einer der widersprüchlichsten Beschlüsse Jelzins war der Einzug der Armee nach Tschetschenien im Dezember 1994, das einseitig seine Unabhängigkeit von Russland verkündete. Dieser Schritt leitete einen der grausamsten Feldzüge der letzten Jahrzehnte ein, dem tausende Menschen auf beiden Seiten zum Opfer fielen. Mit dem Einzug in Tschetschenien kam es nicht nur zu scharfer Kritik aus dem Westen, sondern auch zu einem Ausbruch von Terroranschlägen tschetschenischer Extremisten in Tschetschenien und außerhalb.

    Jelzin selbst nannte diesen Schritt einen „Fehler“, doch der Versuch, 1996 nach seiner Wiederwahl dem Krieg durch Unterzeichnung der so genannten „Abkommen von Chassawjurt“ ein Ende zu setzen, führte zum gegenteiligen Ergebnis. Die Region, die sich der Kontrolle seitens Moskau faktisch entzogen hatte, wurde zu einem „schwarzen Loch“ in Russland, in das nicht nur Geld verschwand, das für seinen Wiederaufbau bewilligt wurde, sondern auch hunderte Menschen, denn die Terroristen nahmen Geiseln. Als 1999 tschetschenische Verbände Dörfer in Dagestan angriffen, musste Russland die Kampfhandlungen wieder aufnehmen, die mehrere Jahre dauerten.

    Jelzin war nicht nur der erste vom ganzen Volk gewählte Präsident, sondern auch der erste Staatschef Russlands, der die innere Kraft aufbrachte, am 31. Dezember 1999, ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Amtszeit, freiwillig auf die Macht zu verzichten. Charakteristisch für das letzte Jahr seiner Regierung waren der Vertrauensrückgang der Bevölkerung zur Macht, sich abwechselnden Regierungen sowie der Kampf zwischen den verschiedenen Oligarchen-Gruppen um Einfluss. Bei seinem Abschied bat Jelzin um Entschuldigung, dass er im Amt nicht alles erfüllen konnte, was er dem Volk versprochen hatte.

    Nachdem Jelzin die große Politik verlassen hatte, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und vermied Kommentare zur neuen Macht. In seinen letzten Interviews, die bei den Feierlichkeiten anlässlich seines 75-jährigen Jubiläums im vorigen Jahr erschienen, sagte Jelzin, dass er seinen Rücktritt nicht bereue und die Politik von Putin unterstütze.

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