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    Angst oder Mut? Putin sucht Platz im Machtzentrum - "Wedomosti"

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    MOSKAU, 03. Oktober (RIA Novosti). Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Nominierung als Spitzenkandidat der Kremlpartei "Einheitliches Russland" für die Parlamentswahl angenommen und das Premiersamt anvisiert.

    Was steckt hinter dieser Entscheidung? Selbstvertrauen oder Zukunftssorge?

    Nikolai Petrow vom Moskauer Carnegie-Zentrum sagte in einem Gespräch mit der Tageszeitung "Wedomosti": Diese Entscheidung ist sowohl von Selbstvertrauen getragen als auch von der Befürchtung, dass er die Kontrolle verlieren kann, wenn alle Zügel nicht in einer Hand bleiben sollten. In der letzten Zeit werden Schlüsselpositionen von Putins Vertrauten besetzt. Es wird ein Schema aufgebaut, in dem alles bis ins letzte Detail hundertprozentig garantiert sein muss. Enge Beziehungen geben solche Garantien nicht, deshalb wird ein juristisch nicht anfechtbares Schema aufgebaut. Wenn Putin Premierminister wird, wird er die Verfassung korrigieren müssen, um seinem Amtsnachfolger im Präsidentenamt die Möglichkeit zu nehmen, den Premier zu entlassen.

    Was Selbstvertrauen angehe, so sei sich Putin seiner Fähigkeit sicher, die schwere Führungslast weiter zu tragen, sagte Petrow. Auch sei Putin von Erfolg seiner Strategie überzeugt.

    Olga Kryschtanowskaja, Abteilungsleiterin Elitestudien am Soziologie-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften: In Russland bedeutet Machtverlust den Verlust der Freiheit und manchmal auch des Lebens. Jelzin war seinerzeit dieses Risiko eingegangen. Doch im Gegensatz zu ihm wird Putin zur Last gelegt, viele enteignet und aus dem Land vertrieben zu haben. Anders als Jelzin hat Putin viele Feinde und darf deshalb die Macht nicht aus den Händen lassen.

    Alexej Makarkin, Vizechef des Zentrums für Politische Technologien: Putin will sich die Kontrolle über die Kremlpartei, das Parlament und die Regierung für die Zwischenzeit sichern, für die er den Kreml verlassen muss. In der russischen Geschichte gibt es keine Fälle, in denen eine Person, der aus einem hohen Posten ausscheidet, nur dank seinem hohen Ansehen den politischen Einfluss beibehält wie Deng Xiaoping oder Nelson Mandela. Deshalb hätte es Putin als einfacher Bürger, Ex-Präsident und eine historische Persönlichkeit schwerer, bei den Präsidentschaftswahl 2012 anzutreten, als wenn er an der Macht bleibt.

    Putin ist 55, seine Popularität liegt bei 70 Prozent. Der Präsident ist offenbar davon überzeugt, dass ihm noch vieles bevorsteht. Andererseits ist Putin Mitglied des internationalen Klubs der führenden Weltpolitiker G8. In diesem Klub ist es nicht üblich, eigene Vollmachten zu verlängern. Im Gegensatz dazu zeigt das Beispiel Berlusconi, dass ein Mensch, nachdem er ausgeschieden ist, erneut die Wahlen gewinnen und dem Klub wieder betreten kann.