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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    MOSKAU, 21. August (RIA Novosti). Der Nichtangriffsvertrag zwischen der Sowjetunion und Deutschland wurde am 23. August 1939 in Moskau geschlossen

    Das Dokument trug in vieler Hinsicht zum Beginn des Zweiten Weltkriegs bei und bestimmte das Schicksal der Letten, Esten, Litauer sowie der im Westen ihres Landes lebenden Ukrainer, Weißrussen und Moldawier. Im Ergebnis des Paktes gliederten sich diese Völker, von denen viele erstmals in ihrer Geschichte im Bestand eines einzigen Staates sich vereinigten, nahezu komplett in die Sowjetunion ein. Trotz der 1991 durch den Zerfall der Sowjetunion verursachten Korrekturen an den Schicksalen dieser Völker bestimmte der Molotow-Ribbentrop-Pakt viele geopolitische Realitäten im heutigen Europa.

    Gemäß dem Nichtangriffsvertrag verpflichteten sich die Sowjetunion und Deutschland, sich jeder Gewalt, jeder aggressiven Handlung und jedes gegenseitigen Überfalls sowohl einzeln als auch zusammen mit anderen Mächten gegeneinander zu enthalten. Darüber hinaus versprachen sich beide Seiten, die Koalitionen anderer Länder, deren Handlungen sich gegen die Vertragsteilnehmer richten könnten, nicht zu unterstützen. Somit wurde die Idee der "kollektiven Sicherheit" in Europa zu Grabe getragen. Es wurde unmöglich, die Handlungen eines Aggressors (und dazu rüstete sich Nazi-Deutschland) durch gemeinsame Anstrengungen der friedliebenden Staaten einzudämmen.

    Den Pakt unterschrieben die Außenminister der Sowjetunion und Deutschlands, Wjatscheslaw Molotow und Joachim von Ribbentrop. Dem Vertrag lag ein geheimes Zusatzprotokoll bei, das für den Fall einer "territorialen Umgestaltung" die Abgrenzung der sowjetischen von der deutschen Einflusssphäre in Osteuropa festlegte. Diese Umgestaltung ließ nicht auf sich warten. Der Vertrag wurde eine Woche nach seiner Unterzeichnung durch den Obersten Sowjet der UdSSR ratifiziert, wobei den Deputierten das Vorhandensein eines "geheimen Zusatzprotokolls" verborgen blieb. Es wurde auch nie ratifiziert. Aber schon am Tag nach der Ratifizierung des Vertrags, dem 1. September 1939, wurde Polen von Deutschland überfallen.

    (Quelle: www.istorik.ru/library/documents/molotov_ribbentrop/)

    In voller Übereinstimmung mit dem Geheimprotokoll, dessen Original in den Archiven des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erst Mitte der 90er Jahre entdeckt wurde, zogen die deutschen Truppen 1939 nicht in die überwiegend von Weißrussen und Ukrainern besiedelten Ostgebiete Polens sowie in Lettland, Litauen und Estland ein. In diese Territorien marschierten später die sowjetischen Truppen ein. Am 17. September 1939 zogen die sowjetischen Truppen in die Ostregionen Polens ein. Von 1939 bis 1940 errichtete die Stalinsche Führung, auf die politischen Linkskräfte in diesen Ländern gestützt, die Kontrolle über Lettland, Litauen und Estland; im Ergebnis des militärischen Konfliktes mit Finnland, das im Geheimprotokoll ebenfalls zu den Interessensphären der UdSSR zählte, trennte sie einen Teil Kareliens und die an Leningrad (heute Sankt Petersburg) anliegenden Gebiete von diesem Land ab.

    Whinston Churchill, von 1940 bis 1945 britischer Premierminister, schrieb in seinen Memoiren: Die Tatsache, dass ein solches Abkommen zwischen Berlin und Moskau habe zustande kommen können, bedeutete ein Debakel der englischen und der französischen Diplomatie: Es gelang nicht, die nazistische Kriegsmaschinerie in Richtung Sowjetunion zu bewegen oder die UdSSR vor dem Zweiten Weltkrieg zum eigenen Verbündeten zu machen. Dennoch kann nicht gesagt werden, dass die UdSSR aus dem Pakt eindeutig den größten Nutzen gezogen hätte, obwohl der Staat zwei Jahre mehr Frieden hatte und dazu bedeutende zusätzliche Territorien an seiner Westgrenze hinzugewann. Im Ergebnis des Paktes vermied Deutschland im Zeitraum von 1939 bis 1944 einen Zwei-Fronten-Krieg, zerschlug hintereinander Polen, Frankreich und kleinere europäische Länder. Für den Überfall auf die UdSSR im Jahr 1941 hatte Hitler eine Armee mit zwei Jahren Kampferfahrungen. Nach Ansicht vieler Historiker hat also Nazi-Deutschland am Pakt am meisten gewonnen.

    (Quelle: "Sowjetskaja istoriografija", Verlag RGGU, 1992.)

    Politische Einschätzung des Pakts

    Der Haupttext des Nichtangriffspaktes bedeutete zwar eine scharfe Wende in der Sowjet-Ideologie, die zuvor den Faschismus scharf verurteilte, ging jedoch nicht über den Rahmen der vor dem Zweiten Weltkrieg üblichen Praktiken der internationalen Beziehungen hinaus. Polen beispielsweise schloss 1934 einen ähnlichen Pakt mit Nazi-Deutschland. Auch andere Länder taten das oder versuchten dies zumindest. Das dem Pakt beiliegende Geheimprotokoll verstieß jedoch eindeutig gegen das Völkerrecht.

    Am 28. August 1939 wurde eine Erläuterung zum "geheimen Zusatzprotokoll" unterzeichnet, das für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum Polnischen Staat gehörenen Gebiete die Einflusssphären abgrenzte. Zur Einflusszone der UdSSR gehörte das Territorium Polens östlich der Flüsse Pissa, Narew, Bug, Weichsel und San. Diese Linie entsprach ungefähr der so genannten Curzon-Linie, der Polens Ostgrenze nach dem Ersten Weltkrieg hätte entsprechen sollen. Neben der westlichen Ukraine und des westlichen Weißrussland bekundeten die sowjetischen Unterhändler auch ihr Interesse an dem 1919 verlorenen Bessarabien und erhielten eine befriedigende Antwort der Deutschen, die ihr "völliges politisches Desinteresse" an diesen Gebieten bekannt gab. Später wurde dieses Territorium zu einem Teil der Moldawischen Sozialistischen Sowjetrepublik im Bestand der UdSSR. (Ausführlicher siehe im Buch "1939: Uroki istorii", Institut für Allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, 1990, S. 452.)

    Da die Bestimmungen des Geheimprotokolls, die von der Stalinschen Führung zusammen mit Hitlers Getreuen ausgearbeitet wurden, offenkundig rechtswidrig waren, zogen es sowohl Stalin als auch Hitler vor, dieses Dokument der internationalen Öffentlichkeit und den eigenen Völkern und Machtorganen vorzuenthalten. Eine Ausnahme bildete ein äußerst kleiner Personenkreis. Die Existenz dieses Protokolls wurde in der Sowjetunion bis 1989 geheim gehalten, bis eine spezhielle Kommission für politische und rechtliche Einschätzung des Pakts, die der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR gebildet hatte, ebendiesem Kongress Beweise für das Bestehen des Dokuments vorlegte. Nach Erhalt dieser Beweise verurteilte der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR in einem Beschluss vom 24. Dezember 1989 das Geheimprotokoll und betonte, dass besagtes Protokoll zusammen mit den anderen sowjetisch-deutschen Vereinbarungen "am Tag des Überfalls Deutschlands auf die UdSSR, das heißt dem 22. Juni 1941, außer Kraft trat".

    Selbst bei der anerkennenden Feststellung, dass das Geheimabkommen zwischen Stalin und Hitler amoralisch ist, können der Pakt und seine Protokolle unmöglich außerhalb des Kontextes der damals in Europa bestehenden militärisch-politischen Situation betrachtet werden. Nach Stalins Plänen hätte der sowjetisch-deutsche Pakt eine Antwort auf die von Großbritannien und Frankreich seit Jahren verfolgte Politik der "Befriedung" Hitlers sein sollen. Ziel dieser Politik war es, beide totalitären Regimes als Feinde aufzuhetzen und die Hitlersche Aggression vor allem in Richtung UdSSR zu wenden.

    Um 1939 hatte sich Deutschland das Rheingebiet zurückgeholt und militarisiert, rüstete in Verletzung des Versailler Vertrags seine Armee komplett um, schloss Österreich an sich an und errichtete die Kontrolle über die Tschechoslowakei. Auf tschechoslowakische Territorien erhoben, Hitlers Beispiel folgend, auch Ungarn und Polen Anspruch und erhielten einige Landesteile. In vieler Hinsicht führte die Politik der Westmächte zu einem solchen traurigen Ergebnis: Am 29. September 1938 unterzeichneten die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und Italiens in München ein Abkommen über die Zerstückelung der Tschechoslowakei. Das Abkommen ist in die russische Geschichtsschreibung als "Münchner Abmachung" eingegangen. Am 22. März 1939 okkupierte die Wehrmacht die litauische Hafenstadt Klaipeda (Memel). Kurz danach bestätigte Hitler den Okkupationsplan für Polen. Deshalb entsprechen die heute verbreiteten Behauptungen, nur der Molotow-Ribbentrop-Pakt allein sei der Auslöser des Zweiten Weltkrieges gewesen, nicht der Wahrheit. Früher oder später hätte Hitler auch ohne den Pakt mit der Sowjetunion einen Krieg gegen Polen begonnen. Die meisten europäischen Staaten versuchten zwischen 1933 bis 1941 phasenweise, sich mit Nazi-Deutschland zu einigen, was Hitler zu neuen Okkupationen ermutigte. Alle europäischen Großmächte - Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion - verhandelten bis zum 23. August 1939 mit Hitler und miteinander. (Ausführlich über die Verhandlungen vom Sommer 1939 in Moskau siehe: "1939: Uroki istorii", S. 298 - 308.)

    Mitte August traten die mehrseitigen Verhandlungen in die entscheidende Phase. Jede Seite visierte eigene Ziele an. Am 19. August gerieten die englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen in eine Sackgasse. Die sowjetische Führung stimmte dem Besuch des deutschen Außenministers Ribbentrop nach Moskau vom 26. bis 27. August zu. Hitler bat Stalin in einem persönlichen Schreiben, Ribbentrops Ankunft in Moskau am 22., spätestens 23. August zuzustimmen. Moskau gab sein Einverständnis. 14 Stunden nach Ribbentrops Ankunft wurde der Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion unterzeichnet.

    http://www.rian.ru/society/20080505/106556830.html

    Moralische Einschätzung des Paktes

    Sofort nach seiner Unterzeichnung wurde der Pakt von vielen Teilnehmern der internationalen kommunistischen Bewegung und von Vertretern anderer Linkskräfte kritisiert. Selbst ohne etwas von Existenz der Geheimprotokolle zu wissen, wurde der Pakt als eine für die Anhänger der linken Ideologie undenkbare Abmachung mit düstersten imperialistischen Reaktionären angesehen: den Nazisten. Viele Wissenschaftler halten den Pakt sogar für den Beginn der Krise der internationalen Kommunisten-Bewegung, weil er Stalin in seinem Misstrauen gegenüber den ausländischen kommunistischen Parteien bestärkte und die Auflösung der Kommunistischen Internationale durch Stalin 1943 förderte.

    Wohl wissend, dass der Pakt Stalins Ruf als Antifaschist Nummer eins in der Welt ankratzte, unterließ der Sowjetführer nichts, um den Pakt in der sowjetischen und weltweiten Historiographie zu rechtfertigen. Die Aufgabe wurde dadurch kompliziert, dass sich die Amerikaner, die Westdeutschland besetzten, deutscher Dokumente bemächtigt hatten, die Vermutungen über das Bestehen der Geheimprotokolle zum Pakt zuließen. Deshalb wurde 1948 unter Stalins Teilnahme (beziehungsweise von ihm persönlich, wie viele Wissenschaftler meinen) eine "historische Auskunft" unter dem Titel "Geschichtsfälscher" vorbereitet. Die Thesen dieser Auskunft wurden der offiziellen sowjetischen Interpretation der Ereignisse von 1939 bis 1941 zugrunde gelegt, die bis Ende der 80er Jahre unverändert blieb. Demnach soll der Pakt ein "genialer" Schachzug der sowjetischen Führung gewesen sei, der es ermöglicht habe, die "zwischenimperialistischen Widersprüche" zwischen den westlichen bourgeoisen Demokratien und Nazi-Deutschland auszunutzen. Ohne Abschluss des Paktes würde die UdSSR angeblich unvermeidlich dem Kreuzzug kapitalistischer Länder gegen den ersten sozialistischen Staat zum Opfer fallen. Die Bestimmungen der "historischen Auskunft" durften in der Sowjetunion auch nach Stalins Tod nicht bestritten werden, nur dass in den Schul- und Hochschulbüchern unter Chrustschow und Breschnew sein Name häufiger durch Wendungen wie "Führung des Landes" oder "sowjetische Diplomatie" ersetzt wurde. (Quelle: "Sowjetskaja istoriografija", Verlag RGGU, 1992.) So ging das bis zu den Gorbatschow-Reformen Ende der 80er Jahre weiter, bis die Teilnehmer des 1. Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR verlangten, die Umstände des Abschlusses des Paktes zu klären, die in vieler Hinsicht zum Anschluss einiger Territorien an die Sowjetunion beigetragen hatten.

    Am 24. Dezember 1989 nahm der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR, damals das oberste Machtrorgan in der Sowjetunion, den Beschluss "Über die politische und rechtliche Einschätzung des sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrages von 1939" an. Darin wurden die Geheimprotokolle offiziell als "Akt der persönlichen Macht" verurteilt, die "den Willen des Sowjetvolkes, das für diese Abmachung keine Verantwortung trägt" in keiner Weise widerspiegelten. Betont wurde, dass "die Verhandlungen mit Deutschland über die Geheimprotokolle von Stalin und Molotow heimlich vor dem Sowjetvolk, dem ZK der KPdSU(B) und der ganzen Partei, dem Obersten Sowjet und der Regierung der UdSSR geführt wurden".

    (Quelle: www.lawmix.ru)

    http://www.rian.ru/society/20080505/106556830.html

    Die Folgen dieser "Abmachung" sind bis heute spürbar, sie vergiften die Beziehungen zwischen Russland und den vom Stalin-Hitler-Protokoll betroffenen Völkern. In den baltischen Staaten werden diese Ereignisse als Prolog zur "Annexion" von Lettland, Litauen und Estland bezeichnet. Aufgrund einer solchen Einstellung werden weitgehende Schlüsse gezogen über die Beziehungen zum heutigen Russland und den Status der ethnischen Russen in den genannten Ländern. Diese letzteren werden als "Okkupanten" oder "Kolonialherren" verschrien. In Polen sind Erinnerungen an die Geheimprotokolle zum Pakt eine Rechtfertigung dafür, Nazi-Deutschland moralisch der Stalinschen Sowjetunion gleichzusetzen, und dafür, das Andenken der sowjetischen Soldaten anzuschwärzen oder im nachhinein darüber zu trauern, dass es zwischen Polen und Nazi-Deutschland keine Koalition für einen gemeinsamen Überfall auf die UdSSR gegeben habe. Dass eine solche Interpretation der Ereignisse jener Jahre moralisch unhaltbar ist, ergibt sich schon allein daraus, dass keiner der beinahe 600 000 sowjetischen Soldaten, die bei Polens Befreiung von den Nazis ums Leben kamen, vom Geheimprotokoll zum Molotow-Ribbentrop-Pakt wusste.

     

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