02:07 14 November 2018
SNA Radio
    Politik

    Die Geschichte der Slawophilen und Westler in Russland

    Politik
    Zum Kurzlink
    Siebentes Treffen des Internationalen Diskussionsklubs „Waldai“ (21)
    0 40

    In den 40er bis 50er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden in der russischen Gesellschaft und Philosophie zwei Richtungen: die der Slawophilen, die von einem "Sonderweg Russlands" sprachen, und die der "Westler", die darauf bestanden, dass Russland den Weg der westlichen Zivilisation gehen müsse, besonders im Bereich der gesellschaftlichen Ordnung, des öffentlichen Lebens und der Kultur.

    In den 40er bis 50er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden in der russischen Gesellschaft und Philosophie zwei Richtungen: die der Slawophilen, die von einem "Sonderweg Russlands" sprachen, und die der "Westler", die darauf bestanden, dass Russland den Weg der westlichen Zivilisation gehen müsse, besonders im Bereich der gesellschaftlichen Ordnung, des öffentlichen Lebens und der Kultur.

    Der Begriff "Slawophile" wurde erstmals vom Dichter Konstantin Batjuschkow gebraucht -  und zwar im ironischen Sinne, zur Bezeichnung eines bestimmten gesellschaftlichen Typs. Das Wort "Westlertum" kam in der russischen Kultur erstmals in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts vor, unter anderem in Iwan Panajews "Literarischen Erinnerungen". Nach dem Bruch zwischen dem Schriftsteller Sergej Aksakow und dem Literaturkritiker Wissarion Belinski 1840 wurde das Wort immer häufiger gebraucht.

    An den Ursprüngen des Slawophilentums stand Archimandrit Gawriil (weltlicher Name Wassili Woskressenski). Sein 1840 in Kasan herausgebrachtes Buch "Russische Philosophie" wurde zu einer Art Gradmesser des entstehenden Slawophilentums.

    Die Ansichten der Slawophilen manifestierten sich in einem Richtungsstreit, der sich nach dem Erscheinen des ersten "Philosophischen Briefs" des Philosophen und Publizisten Pjotr Tschaadajew zuspitzte. Die Slawophilen versuchten, den eigenständigen historischen Entwicklungsweg Russlands zu begründen, der sich vom westeuropäischen Weg grundsätzlich unterscheidet. Russlands Eigenständigkeit beruht nach Ansicht der Slawophilen auf dem Fehlen des Klassenkampfes in seiner Geschichte, auf der russischen Bauerngemeinschaft und den Artels (gewerblichen Genossenschaften) sowie in der Orthodoxie als dem einzig wahren Christentum.

    Die Hauptrolle bei der Ausarbeitung der Ideale der Slawophilen spielten Schriftsteller, Dichter und Wissenschaftler wie Chomjakow, Kirijewski, Aksakow und Samarin. Begeisterte Slawophilen waren Koschelew, Walujew, Tschischow, Beljajew, Gilferding, Lamanski und Tscherkasski. In gesellschaftlich-ideologischer Hinsicht standen ihnen die Schriftsteller Dal, Ostrowski, Grigorjew, Tjutschew und Jasykow nahe. Tribut zollten den Ansichten der Slawophilen auch die Historiker und Linguisten Buslajew, Bodjanski und Grigorowitsch. Das Zentrum der Slawophilen war in den 1840er Jahren Moskau mit seinen Literatursalons der Jelagins, der Swerbejews, der Pawlows, wo sich die Slawophilen trafen und mit den Westlern stritten.

    Die Zensur übte Druck auf die Slawophilen aus, einige von ihnen standen unter Polizeiaufsicht und wurden verhaftet. Wegen der Zensur hatten die Slawophilen lange Zeit kein ständiges Presseorgan, ihre Werke erschienen überwiegend in der Zeitschrift "Moskwitjanin". Nach einer gewissen Milderung der Zensur Ende der 1850er Jahre gaben sie die Zeitschriften "Russkaja besseda" und "Selskoje blagoustroistwo" sowie die Zeitungen "Molwa" und "Parus" heraus.

    In der Frage nach dem historischen Entwicklungsweg Russlands waren die Slawophilen, im Unterschied zu den Westlern, dagegen, dass Russland Formen des westeuropäischen politischen Lebens übernehme. Zugleich hielten sie die Entwicklung von Handel und Industrie, Aktien- und Bankenwesen, den Bau von Eisenbahnstrecken und den Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft für notwendig. Die Slawophilen setzten sich für die Aufhebung der Leibeigenschaft von oben ein, wobei die Bauerngemeinschaften Boden hätten erhalten sollen.

    Die philosophischen Ansichten der Slawophilen wurden hauptsächlich von Chomjakow und Kirejewski, später auch von Samarin ausgearbeitet und stellten eine eigenartige religionsphilosophische Lehre dar. Der wahre Glaube, der in die Rus aus der östlichen Kirche gekommen sei, bedinge ihrer Meinung nach eine historische Sondermission des russischen Volkes. Das Prinzip der Konziliarität (freie Gemeinschaft), das für die Existenz der östlichen Kirche charakteristisch sei, sahen die Slawophilen in der russischen Gesellschaft verkörpert. Die Orthodoxie und die Tradition des Gemeinwesens hätten die russische Seele in ihren tiefsten Grundlagen geformt.

    In Idealisierung des Patriarchalischen und der Prinzipien des Traditionalismus fassten die Slawophilen das Volk im Geiste einer konservativen Romantik auf. Zugleich forderten sie die Intelligenzija zur Annäherung an das Volk, zum Studium seines Lebens und Alltags, seiner Kultur und Sprache auf.
    Die Ideen der Slawophilen spiegelten sich in den religionsphilosophischen Ideen von Ende des 19.  bis Anfang des 20. Jahrhunderts (Solowjow, Berdjajew, Bulgakow, Karsawin, Florenski und andere).

    Das Westlertum war eine Richtung im russischen antifeudalen Gesellschaftsdenken der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Westler standen den Slawophilen gegenüber. Das Zuhause der Westler waren die Moskauer Literatursalons. Die Ideenstreite in den Moskauer Salons beschreibt Alexander Herzen in seinem autobiographischen Buch "Erlebtes und Gedachtes". Zum Moskauer Zirkel der Westler gehörten Herzen, Granowski, Ogarjow, Botkin, Ketscher, Korsch, Kawelin und andere. Eng befreundet mit diesem Kreis war der in Sankt Petersburg lebende Belinski, zu den Westlern gehörte auch Iwan Turgenjew.

    Die Ideologie der Westler in groben Zügen sah wie folgt aus: Nichtakzeptanz der auf Feudalismus und der Leibeigenschaft beruhenden Zustände in der Wirtschaft, Politik und Kultur; Aufforderung zu sozialökonomischen Reformen nach westlichem Vorbild. Die Vertreter der Westler hielten es für möglich, eine bürgerlich-demokratische Gesellschaftsordnung friedlich aufzubauen: Dazu sollten Aufklärung und Propaganda die öffentliche Meinung formen und die Monarchie zu bürgerlichen Reformen bewegen. Sehr hoch schätzten sie die Umstrukturierungen von Zar Peter I.

    Die Westler waren für die Überwindung der sozialen und wirtschaftlichen Rückschrittlichkeit Russlands nicht durch die Entwicklung der eigenen Kultur (wie das die Slawophilen vorschlugen), sondern durch die Aneignung der Erfahrungen des fortschrittlichen Europas. Sie hoben nicht die Unterschiede zwischen Russland und dem Westen hervor, sondern das Gemeinsame in ihrem historischen und kulturellen Schicksal.

    Mitte der 1840er Jahre kam es unter den Westlern zu einem radikalen Bruch: Nach einer kontroversen Debatte zwischen Herzen und Granowski spalteten sich die Westler in einen liberalen Flügel (Annenkow, Granowski, Kawelin und andere) und einen revolutionär-demokratischen Flügel (Herzen, Ogarjow, Belinski) auf. Die Differenzen betrafen die Einstellung zur Religion (Granowski und Korsch verteidigten das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele, während die Demokraten und Botkin auf den Positionen des Atheismus und Materialismus bestanden) sowie die Fragen über die Methoden der Reformen und die anschließende Entwicklung Russlands (die Demokraten vertraten die Ideen des revolutionären Kampfes und des Aufbaus des Sozialismus). Diese Differenzen wurden auch auf die Sphäre der Ästhetik und Philosophie übertragen.
    Beeinflusst wurden die Westler in ihren philosophischen Studien im Frühstadium von Schiller, Hegel und Schelling, später von Feuerbach, Comte und Saint-Simon.

    In der Zeit nach den Reformen, während der kapitalistischen Entwicklung, hörte das Westlertum als Richtung im gesellschaftlichen Denken zu bestehen auf.
    Die Ansichten der Westler erfuhren ihre Weiterentwicklung in Russland im liberalen Denken von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Siebentes Treffen des Internationalen Diskussionsklubs „Waldai“ (21)