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    Moskau 1991: Journalist Christopher Boian über den August-Putsch

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    Ich kann mich sehr gut an diesen Sommer erinnern. Ich arbeitete als Korrespondent hier in Moskau. Die politische Lage war bereits ziemlich angespannt, bevor es zum Putsch kam.

    Ich kann mich sehr gut an diesen Sommer erinnern. Ich arbeitete als Korrespondent hier in Moskau. Die politische Lage war bereits ziemlich angespannt, bevor es zum Putsch kam.

    Gorbatschow war dabei, einen neuen Unionsvertrag auszuverhandeln und versuchte, neue Abmachungen zu erzielen, um die Sowjetunion zusammenzuhalten. Das war ein sehr komplizierter Prozess, der sehr stockend voranging — wir waren uns der Spannungen bewusst und wussten auch, dass diese Spannungen unter anderem militärischer Natur waren.

    Wie der Putsch begann, wie ich davon erfuhr, weiß ich noch ganz genau. Ich war zu Hause — seit einigen Monaten arbeitete ich in Moskau als Korrespondent. Es war ein sonniger, warmer Sommermorgen und ich erhielt um etwa sieben Uhr morgens einen Anruf von einem meiner französischen Kollegen: „Chris, ich wollte dir nur sagen, dass eine Nachrichtenagentur soeben in einem ganz kurzen Bericht bekannt gegeben hat, dass Gorbatschow krank ist und sich eine Weile ausrasten muss — und dass diese Gruppe von anderen Leuten während seiner Abwesenheit die Führung im Land übernimmt.“ Ich war wie vom Blitz getroffen und wusste sofort — das ist eine Riesensache. Wie riesig es noch werden würde, konnte ich mir damals nicht einmal vorstellen — aber ich wusste, dass es sich um eine Sensation handelte. Ohne Frühstück — ich glaube, ich habe nicht einmal geduscht — rannte ich aus der Wohnung; ich hatte zwar meine Hose an, aber weder Socken noch Schuhe und mein Hemd knöpfte ich mir unterwegs zu. Ich sprang ins Auto und raste ins Büro. Ich kam um etwa halb 8 Uhr früh dort an, machte mich an die Arbeit und arbeitete denke ich die nächsten vier Monate nonstop. Jeden einzelnen Tag, sieben Tage die Woche hatten wir 14- bis 15-Stundentage und produzierten konstant Nachrichten über die Geschehnisse.
     
    An die ersten drei Tage kann ich mich besonders gut erinnern. Am ersten Morgen war es sonnig, aber am Abend lag ein großes Stück von einem T-72-Panzer an unserer Hausecke (in dem Gebäude waren mehrere Auslandskorrespondenten untergebracht). Vielmehr hatte es den kleinen Volkswagen Beetle, der dort draußen parkte und einem übrigens gar nicht kleinen Herrn namens Kim — seines Zeichens Redaktionsassistent bei der „New York Times“ — gehörte, plattgedrückt.

    Wenn ich nicht im Büro war und Artikel schrieb, lief ich durch die Stadt und versuchte, mitzubekommen, was los war, wohin die Menschen sich bewegten. Das war außerordentlich aufregend. Und in diesen Momenten als wir, die Auslandskorrespondenten, ein wenig Zeit hatten, von unseren Bildschirmen aufzuschauen und kurz aufzuhören, über die Ereignisse zu schreiben… in diesen Momenten schienen uns ebendiese Dinge, über die wir schrieben und die wir sahen und die vor sich gingen, so surreal, wie im Traum, es kam uns nicht real vor. Wir schrieben unsere Stories, wir berichteten die Fakten, aber sobald wir die Arbeit für einen Moment aus dem Kopf  bekamen, konnten wir kaum glauben, was wir schrieben und sahen. An diese Diskrepanz zwischen dem, was wir auf den Moskauer Straßen zu sehen bekamen, und den riesigen Ausmaßen der Ereignisse kann ich mich noch genau erinnern.

    Am zweiten Tag dieses Drei-Tage-Putsches brach Schlechtwetter ein — es war stickig heiß, aber gleichzeitig regnete es. Ich weiß noch, wie ich versuchte, mich in der Stadt fortzubewegen: Es war mehr Verkehr als üblich und im Auto war es so heiß… Da ich keine Klimaanlage hatte, musste ich die Fenster offen lassen und es regnete herein. All das weiß ich, als wäre es gestern gewesen.

    Gemessen an der transzendenten geschichtlichen Bedeutung war das wahrscheinlich eine der größten Stories, über die ich seit langem berichtet hatte. Die ganze Zeit war ich voller Energie und Leidenschaft, ich hatte ständig die Augen offen. Als Journalist hatte ich das Gefühl, auf einer sehr hohen Ebene zu arbeiten, nahe an der Leistungsgrenze. Und es war gut, zu wissen, dass die Menschen rund um die Welt ausnahmsweise einmal wirklich die Augen auf uns gerichtet hatten.

    Und dann kam Gorbatschow zurück. Kurz darauf fand eine Pressekonferenz statt, und ich kam neben ihm zu stehen und versuchte, mein Tonbandgerät in seine Nähe zu bekommen, sodass ich hören konnte, was er sagt. Seinen Hinterkopf im Blick dachte ich: „Was immer auch passiert, der Mann, der hier steht, wird als eine der ganz großen Persönlichkeiten in die Weltgeschichte eingehen.“ Es war eine außergewöhnliche Erfahrung für uns.

    Christopher Boian hat in über 20 Jahren bei der AFP das Weltgeschehen beleuchtet — neben dem Zusammenbruch der Sowjetunion schrieb er etwa auch über den Fall der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher, den Ersten Golfkrieg oder die orangefarbene Revolution in der Ukraine. Der ehemalige Chef von AFP Moskau leitet seit September 2010 die Abteilung Fremdsprachendienste bei RIA Novosti.

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