20:17 17 Dezember 2017
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    „Moskowskije Nowosti“: Grass-Gedicht als Symptom der Veränderungen in Deutschland

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    Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eben das gesagt, was nach seiner Ansicht gesagt werden muss: Israel provoziere einen Krieg gegen den Iran und sei damit eine Bedrohung für den Frieden, schreibt die Tageszeitung „Moskowskije Nowosti“. Deshalb müsse mit der ganzen Heuchelei Schluss gemacht werden.

    Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eben das gesagt, was nach seiner Ansicht gesagt werden muss: Israel provoziere einen Krieg gegen den Iran und sei damit eine Bedrohung für den Frieden, schreibt die Tageszeitung „Moskowskije Nowosti“. Deshalb müsse mit der ganzen Heuchelei Schluss gemacht werden.

    „Die Reaktion war vorhersagbar: Der Iran jubelt. Israel erklärte Grass zu einer persona non grata und verwies darauf, dass dieser in jungen Jahren bei der Waffen-SS gedient hatte. Deutsche Politiker und Intellektuelle brandmarkten den Klassiker einmütig. Es fällt aber schwer, dem Autor, der seine ganze literarische Laufbahn der Entlarvung des Nazismus gewidmet hatte, Sympathien für diese Ideologie wie auch primitiven Antisemitismus zuzuschreiben.“

    „Unabhängig davon, wie fair die Einschätzung von Israel ist und was die Gründe für diesen Ausfall von Grass waren, er ist ein markantes Symptom für die Wandlungen in der deutschen Gesellschaft, die sich bedeutend auf die europäische Entwicklung auswirken können“, schreibt die Zeitung.

    „Es geht darum, ob die Lehren des Zweiten Weltkrieges eine Verjährungsfrist haben. Nach dem Holocaust haben die Deutschen das Recht verloren, die Juden und den jüdischen Staat zu kritisieren – das war ein Axiom. Dies war die Grundlage des generellen Verhaltenskodex, der zwar nicht verlautbart, jedoch strikt eingehalten wurde.“

    „Die deutsche Wiedervereinigung 1990 wurde zum Ausgangspunkt für eine neue Epoche“, stellt die Zeitung fest. „Die historisch zweifellos unvermeidliche Wiedervereinigung wurde zum ersten Schritt auf dem Weg der Erosion der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Der Zerfall der Sowjetunion beschleunigte diesen Prozess.“

    „Die Verwässerung des Tabus der Unantastbarkeit der Grenzen (zu viel hat sich bereits aus verschiedenen Gründen verändert); die nachsichtige Einstellung  Europas zur Heroisierung der Nazi-Helfershelfer in den baltischen Ländern und der Ukraine (mit der Begründung, diese hätten durch den Sowjet-Kommunismus stark gelitten); die Einbeziehung Deutschlands in Nato-Militäroperationen (Jugoslawien und Afghanistan) und Kritik an der deutschen Verweigerung der Teilnahme (der Irak und Libyen); eine immer aktivere Behandlung des Themas der Leiden der Deutschen gegen Ende des Krieges und nach Kriegsende (Deportationen, Repressalien und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung – ein Thema, das derselbe Grass als einer der ersten angeschnitten hat); die Äußerung des Standpunktes, dass Deutschland keine geopolitischen Interessen haben könnte (die Bundespräsident Horst Köhler mit seinem Amt bezahlte) und schließlich die von der Euro-Krise verursachte objektive Notwendigkeit für Deutschland, dominierende politische Positionen in Europa einzunehmen – all das waren zwar ihrer Natur nach unterschiedliche Erscheinungen, die aber alle in die gleiche Richtung gehen: Der Nachkriegs-Schwur fällt langsam von Deutschland ab.“

    „Europa wird ein anderes sein, wenn Deutschland in Zukunft bei seinem Verhalten weniger auf die Meinung der Nachbarn Rücksicht nimmt“, heißt es im Beitrag. „In der Wirtschaft wird das schon bald eine Notwendigkeit sein. Dabei wird die gesamte euroatlantische Konstruktion – der die Voraussetzung zu Grunde liegt, dass Deutschland in strategischer Hinsicht nicht ‚vollwertig’ ist – vor allem rein psychologisch in Zweifel geraten. Die Angst vor einem übermäßig selbständigen Deutschland sitzt tief im europäischen Bewusstsein.

    Die Deutschen sehen das ein, deshalb lösen Aktionen wie das antiisraelische Werk von Günter Grass stürmische Proteste aus. Unendlich lang wird aber dieses Selbstkasteien nicht dauern.“

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