01:20 11 Dezember 2016
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    Doppelanschlag in Kasan: Terrorwelle schwappt über die Grenzen des Nordkaukasus

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    In den Machtkämpfen der Muslime ist Tatarstan erstmals Schauplatz eines blutigen Terroranschlags geworden, schreibt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" in der Freitagsausgabe.

    In den Machtkämpfen der Muslime ist Tatarstan erstmals Schauplatz eines blutigen Terroranschlags geworden, schreibt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" in der Freitagsausgabe.

    In Kasan wurden gestern innerhalb kürzester Zeit zwei blutige Attentate verübt. Gegen 10.00 Uhr wurde der Vizeleiter der Geistlichen Verwaltung der Muslime in der russischen Teilrepublik Tatarstan, Waliulla Jakupow, vor seinem Haus ermordet. Am Tatort wurden sechs Patronenhülsen entdeckt.

    Eine Stunde später wurde der Toyota Land Cruiser des Muftis der Republik, Ildus Faisow, in die Luft gesprengt. Er wurde mit schweren Verletzungen am Bein in ein Krankenhaus gebracht.

    Beide Anschläge bestätigen die in der "Nesawissimaja Gaseta" am Vortag geäußerte Vermutung: In der Wolga-Region tummeln sich immer mehr religiöse Extremisten aus dem Nordkaukasus. Nicht zu übersehen ist auch, dass die Attentate einen Tag vor Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan verübt wurden.

    In Kasan wurde deshalb eine für Freitag geplante große Anti-Terror-Übung abgesagt. „Solche Übungen sind sinnlos, wenn richtige Anti-Terror-Maßnahmen ergriffen werden müssen“, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden. Die Sicherheitsvorkehrungen bei allen religiösen und Regierungsobjekten in Tatarstan wurden verstärkt.

    „Allgemein hatten wir ohnehin gewusst, was in einigen russischen Regionen vor sich geht“, sagte Präsident Wladimir Putin nach dem Doppelanschlag in Kasan. Die Situation in Russland sei nicht ideal, räumte er ein.

    „Auch früher wurden in Russland Imame getötet, aber das waren nie bezahlte Morde“, sagte der Islam-Kenner Roman Silantjew, Vizechef des Religions-Expertenrats beim Justizministerium, der "Nesawissimaja Gaseta". „Außerhalb des Nordkaukasus ist es der erste Fall in Russland, dass ein hoher Geistlicher ermordet wurde, der zu einem Treffen mit dem Staatsoberhaupt eingeladen worden war. Auch ein Mufti wurde zum ersten Mal attackiert“, betonte er.

    Auch andere Islam-Experten stimmen zu, dass die Auseinandersetzungen zwischen den Muslimen in der Wolga-Region mit dem Doppelanschlag eine neue Qualität erhalten haben.

    Islamische Geistliche in Moskau fühlen sich noch relativ sicher. Auf die Frage, ob die Moskauer Muftis besser beschützt werden sollten, sagte der Leiter der Zentralen geistlichen Verwaltung der Muslime, Mufti Moskaus und Zentralrusslands, Albir Krganow: „Wir alle werden vom Allmächtigen beschützt, und wir verlassen uns auf ihn. Wenn er entscheidet, dass jemand von uns sterben muss, dann können uns die Wachen nicht beschützen. Es geht nicht um den Schutz einzelner Personen. Wir müssen an die Sicherheit unserer ganzen Gesellschaft denken, wie auch an den Widerstand dieser explosiven Ideologie, deren Vertreter unsere Gesellschaft destabilisieren wollen.“

    Seit einer Ernennung zum Leiter der Geistlichen Verwaltung der Muslime Tatarstans im April 2011 hatte Ildus Faisow energisch um die Befreiung der muslimischen Geistlichkeit von Radikalen und vor allem von Wahhabiten gekämpft. Sein Vorgänger Gusman Ischakow musste zurücktreten, nachdem in Tatarstan im November 2010 eine bewaffnete Extremistengruppierung getötet worden war. Mit Ischakow verbinden die Experten die zunehmenden Aktivitäten der Wahhabiten in Tatarstan, die ihre Wurzeln im Nordkaukasus und in arabischen Ländern haben.

    Von Frühjahr bis Herbst 2011 konnte Faisow sich einiger Extremisten im Apparat der Geistlichen Verwaltung der Muslime Tatarstans entledigen. Dennoch bereiteten ihm die vielen unkontrollierbaren privaten Moscheen und die Situation auf dem linken Ufer des Kama, vor allem in den Städten Almetjewsk und Nischnekamsk große Kopfschmerzen. Dort entstanden wichtige Widerstandszentren der Wahhabiten. Bei den Anhängern des früheren Chefs der Geistlichen Verwaltung der Muslime Tatarstans kommen die Vertreter Ischakows nicht besonders gut an. Dem Rektor der Madrasa von Nischnekamsk, Rafik Islamgalijew, zufolge hatten dort vor seiner Ernennung die Salafiten das Sagen, darunter frühere Mudschaheddin, die während des zweiten Tschetschenien-Krieges gegen die russische Armee gekämpft hatten.

    Unter den Schülern seien Ideen des so genannten „reinen Islams“ verbreitet worden. Die Geistlichen aus Nischnekamsk würden Kontakte zum engsten Kreis des tschetschenischen Terrorfürsten Doku Umarow unterhalten, so der Rektor. Seine Versuche, die Situation in der Schule unter Kontrolle zu bringen, seien auf Widerstand gestoßen.

    Rafik Islamgalijew schloss nicht aus, dass die Extremisten in Nischnekamsk vom Leiter der islamischen Gemeinde, Ramil Junussow, unterstützt worden seien, der heute der Imam der tatarischen Kul-Charif-Moschee sei.

    Im April wollte Ildus Faisow Junussow als Imam dieser Moschee ersetzen. Das stieß bei vielen Muslimen jedoch auf Ablehnung. Hunderte von ihnen versammelten sich vor der Kul-Scharif-Moschee und solidarisierten sich mit Junussow. Aktivisten des radikalen tatarischen Jugendverbandes Asatlyk drohten sogar mit Krawallen, wenn Faisow seine Entscheidung nicht zurücknimmt. Wegen der Spannungen musste sich das tatarische Präsidialamt einmischen. Letztendlich wurde Ramil Junussow wieder als Imam der Kul-Scharif-Moschee eingesetzt. Faisow gab erstmals offen zu verstehen, wen er zu seinen Feinden zählte: die Nationalseparatisten, die Wahhabiten, die Anhänger der Hisb ut-Tahrir-Bewegung und die Mitglieder von kriminellen Gruppierungen in Tatarstan.

    Farid Salman vom Russischen Verband für islamische Verständigung führte Faisows Niederlage im Kampf gegen Junussow auf die Passivität der tatarischen Behörden zurück, die dem Konflikt tatenlos zuschauten. „Die Radikalen haben verstanden, dass der Staat nachgeben kann und sich unter Druck setzen lässt“, stellte er fest.

    Ein weiterer möglicher Grund für den Doppelanschlag sei die Veröffentlichung von Informationen über die illegalen Aktivitäten seines Vorgängers gewesen, wovon der Leiter der Geistlichen Muslimenverwaltung seit seiner Ernennung gesprochen habe, fuhr Salman fort. Des Weiteren könnte ein Konflikt zwischen dem Mufti und dem Reisebüro Idel-Hadsch in Frage kommen, das Pilgerfahrten nach Mekka und Medina organisiert, fuhr der Experte fort. Vor der Ernennung Faisows sei Idel-Hadsch der Monopolist bei den Pilgerreisen gewesen, während 51 Prozent der Aktien einer Firma der Geistlichen Verwaltung gehörten. Nach dem Rücktritt Ischakows sei der Anteil aber auf 20 Prozent geschrumpft. Unter Mitwirkung Faisows sei eine neue Reisefirma gegründet worden, die Idel-Hadsch vom Markt verdrängt habe.

    Vor einer Woche endete eine neue Verhandlungsrunde zwischen der Geistlichen Muslimenverwaltung und Idel-Hadsch erneut erfolglos. Zwei Tage vor dem Attentat wurde im Internet ein offener Brief von Idel-Hadsch-Kunden veröffentlicht, die dem Mufti Amtsmissbrauch, und zwar „die Aneignung der Hadsch-Quote“ vorwarfen (Russlands Hadsch-Rat hatte Tatarstan dieses Jahr 1500 Plätze für Reisen zu Pilgerstätten bereitgestellt).

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