09:58 15 Dezember 2018
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    Geheime Memoiren: Wie Rotarmisten die Schlacht um Stalingrad erlebten

    © Foto : Foto zur Verfügung gestellt vom Museumspark „Schlacht von Stalingrad“ © RIA Novosti . Mikosha
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    Zum 70. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad, die als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gilt, hat der deutsche Historiker Jochen Hellbeck bislang unbekannte Erinnerungen von Rotarmisten veröffentlicht, die jahrzehntelang in sowjetischen Geheimarchiven lagen und all die Schrecken beschreiben, die die Verteidiger von Stalingrad erlebt haben.

    Zum 70. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad, die als Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gilt, hat der deutsche Historiker Jochen Hellbeck bislang unbekannte Erinnerungen von Rotarmisten veröffentlicht, die jahrzehntelang in sowjetischen Geheimarchiven lagen und all die Schrecken beschreiben, die die Verteidiger von Stalingrad erlebt haben.

    Am 23. August 1942 gab es einen schweren Luftangriff auf uns (…) Staub erhob sich. Unter dem Staub näherten sich deutsche Panzer“, erinnert sich ein Soldat an den Beginn der sechsmonatigen Belagerung der Stadt durch die Wehrmacht. „Es war ja ein ungeheurer Staub, ganz unglaublich, und kein Wasser, nichts“, zitiert der „Tages Anzeiger“ aus Hellbecks Monografie „Die Stalingrad-Protokolle“.

    Etwas verworren, aber sehr bildhaft schildern die Stalingrad-Verteidiger das Ende der Schlacht am 31. Januar 1943. Die Rotarmisten standen vor dem Keller, in dem sich der deutsche Führungsstab, auch der Oberbefehlshaber der 6. Armee Friedrich Paulus, versteckte. Leutnant Leonid Winokur traf als Erster auf den Autoren des Unternehmens „Barbarossa“. Dieser habe - in Mantel und mit einer Mütze - auf dem Bett gelegen und verzagt gewirkt, zitiert „Der Spiegel“ aus dem Buch. Der letzte Unterschlupf der Führung der 6. Armee habe einer Latrine geglichen: „Hüfthoch standen da der Schmutz und der menschliche Kot und was nicht noch alles (…) Es stank unvorstellbar. Es gab zwei Aborte und an beiden stand: ‚Für Russen verboten‘“.


    Paulus und die anderen Offiziere hatten die Möglichkeit, sich die Kugel zu geben und so der Gefangenschaft zu entgehen, erinnert sich Generalmajor Iwan Burmakow. Nach seinen Worten hatten sie jedoch nicht den Mut, den Tod der Gefangenschaft vorzuziehen. 

    Nur 300 Deserteure

    In seinem Buch zerstört Hellbeck den Mythos, dass die Rotarmisten mit Waffengewalt zum Kampf an die Front gezwungen wurden: Erschießungen wegen Fahnenflucht hat es zwar gegeben, aber weitaus nicht in der Zahl, die die bisherigen Forschungen behaupten: statt 13 000 wurden laut den Protokollen nur 300 Deserteure erschossen. Es sei nicht zuletzt die kluge ideologische Arbeit gewesen, die die sowjetischen Soldaten zur Attacke getrieben habe. Die Zahl der Parteimitglieder an der Stalingrader Front hat sich beinahe verdoppelt. Über die Schützengräben wurden Flugblätter verbreitet, die über die Helden des Tages informierten. Politkommissare stiegen in die Schützengräben, um die Soldaten persönlich zu ermutigen.

    Als die Erde Feuer atmete

    Doch die stärkste treibende Kraft war der Hass gegen den Feind, von dessen Greueltaten die sowjetischen Soldaten genug gesehen haben. Vor dem Krieg habe man die Deutschen als eine Nation von hoher Kultur wahrgenommen, erinnert sich ein Veteran. Was aber die Soldaten in den befreiten Dörfern und Städten zu sehen bekamen, sei schockierend gewesen.

    An seiner Hand war die Haut samt Nagel weggerissen, erinnert sich Major Pjotr Sajkontschkowski an den Augenblick, als er seinen Kameraden tot auffand. Seine Augen waren ausgebrannt, an der Schläfe hatte glühendes Eisen eine Spur hinterlassen, das Gesicht war mit Benzin übergossen und zum Teil verkohlt. Der Scharfschütze Wassili Saizew erinnert sich an Kinderleichen, die an den Bäumen hingen. Aber auch nach diesen Gräueln sei es ihm schwer gefallen, auf Menschen - wenn auch auf Feinde - zu schießen, gesteht Saizew, der 242 Deutsche erschossen hat. Er habe immer noch angeschlagene Nerven. Die fünf Monate in Stalingrad seien wie fünf Jahre gewesen, als die Erde Feuer atmete, erinnert sich Kapitän Nikolai Aksjonow.

    Bei vielen Veteranen machten die Erinnerungen die Gefühle von Leid oder Schrecken wieder wach, erzählte Autor Hellbeck in einem Radiointerview. Auf der russischen Seite habe es Stolz gegeben, während die Deutschen mit Demut und Scham über die Sinnlosigkeit des Krieges sprachen.

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