12:27 30 September 2020
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    Der ehemalige Chef des russischen Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowski, hat im September Ambitionen auf das Präsidentenamt angedeutet, schrieb die "Nesawissimaja Gaseta" am Dienstag.

    "Wenn sich das Land normal entwickeln würde, wäre ich nicht daran interessiert, Präsident zu werden“, sagte Chordorkowski im September in einem Zeitungsinterview. In der russischen Gesellschaft und unter Oppositionellen kam diese Äußerung allerdings nicht besonders gut an: Wie kann eine Person, die de facto des Landes verwiesen wurde, so etwas sagen?!

    Chodorkowski war vor einem Jahr, Ende Dezember 2013, amnestiert und vorzeitig freigelassen worden. Er kehrte dem Ölgeschäft den Rücken zu und hat offenbar keine Hoffnung, nach Russland zurückkehren zu können. Zudem behauptete er damals, kein Interesse für politische Projekte zu haben und sich stattdessen auf sein soziales Engagement zu konzentrieren. 

    Seine ersten Schritte auf diesem Gebiet machte der Ex-Yukos-Chef in der Ukraine: Er zeigte sich bereit, eine Vermittlerrolle bei der Lösung des Konflikts in diesem Land zu übernehmen, traf sich mit einfachen Ukrainern auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew und sprach mit Intellektuellen über das Thema „Ukraine-Russland: Dialog“. Seine Äußerungen wurden aber bald nicht mehr sozial, sondern eher politisch.

    Chodorkowski erläuterte, dass er sich bis zum Ablauf seiner formellen Haftzeit im August 2014 nicht mit Politik befassen wollte. Im Grunde mischte er sich jedoch schon früher in politische Angelegenheiten ein. Nach seinen Worten betrachtet er den Kampf um den Aufbau einer demokratischen Front in Russland als seinen gesellschaftlichen Auftrag. 

    Die Rhetorik des früheren Oligarchen unterscheidet sich allerdings stark von der der „typischen“ Oppositionellen, die sich mit den Regierenden anlegen. Natürlich lässt Chodorkowski kein gutes Haar an Putins Politik, der nach seiner Auffassung das Land in ein für Asien typisches patriarchalen Staats- bzw. Gesellschaftsmodell verwandeln will, wobei sich Russland lieber in Richtung Europa bewegen sollte. Die Frage ist jedoch, ob Chodorkowski wirklich oppositionelle Kritik am Kreml übt und ob es sich dabei überhaupt um Kritik handelt. Ist es Kritik oder nur Rhetorik? Denn auch Putin hat nichts gegen einen Rechtsstaat, gegen so genannte „soziale Aufstiege“ und einen legitimen Machtwechsel.

    Ein starker Nationalstaat, eine unabhängige Wirtschaft, die „russische Welt“, autoritäre Methoden bei der Verwaltung des Staates und der Beamtenschaft, die Erhaltung der Krim als Teil Russlands – dafür plädieren sowohl Putin als auch Chodorkowski.

    Es sieht also danach aus, dass der Ex-Oligarch in vielerlei Hinsicht den russischen Regierenden sowohl aus strategischer als auch aus taktischer Sicht zustimmt. Die Punkte, die Putin und Chodorkowski unterschiedlich betrachten, gehen nicht über den Rahmen der Kritik hinaus, die für Russlands so genannte „systeminterne Opposition“ typisch ist.

    Damit scheint Chodorkowski Putin nicht als direkter Konkurrent, sondern eher als Kollege zu kritisieren, der nur seine Meinung zum Ausdruck bringt.

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    Michail Chodorkowski, Russland