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    Anschlag auf Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris (34)
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    Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung fühlen sich mehr als die Hälfte der Deutschen vom Islam bedroht. Nach dem tödlichen Anschlag in Paris könnte diese Angst jetzt noch weiter zunehmen.„Jetzt ist vor allem die Politik gefragt", betont die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Deutschen Bundestag, Ulla Jelpke.

    „Theoretisch ist in der gegenwärtigen Situation alles möglich", sagte Jelpke, mit der der Sputnik-Korrespondent Marcel Joppa über die aktuelle Terrorgefahr in Deutschland und über den kritischen Zulauf rechtspopulistischer Bewegungen sprach. "Ich glaube aber, dass Deutschland und Frankreich eine unterschiedliche Rolle spielen. Insbesondere, was zum Beispiel bestimmte Kriegseinsätze angeht. Nehmen wir mal Libyen oder den Irak, wo Deutschland eben nicht beteiligt war. Deutschland war dort nur indirekt mit bestimmten Stützpunkten beteiligt. Aber im Großen und Ganzen muss man einfach einkalkulieren, dass sowas auch in Deutschland möglich ist."

    Die direkten Folgen auf eine islamfeindliche Stimmung im Volk sieht Ulla Jelpke kritisch. „Der Anschlag ist auch ein Anschlag gegen die Millionen Muslime gewesen, die in Europa leben."

    Auch deutsche Satiremagazine, wie die „Titanik“, könnten für Ulla Jelpke ein Ziel für Dschihadisten werden:  „Für mich ist ganz klar, dass dieser Anschlag in Paris ein Anschlag auf die Pressefreiheit war, auf die Meinungsfreiheit und letztlich auch auf die Freiheit, eine Religionskritik auszuüben. Und nun muss man natürlich sehen, in welchem Zusammenhang werden Karikaturen eingesetzt. Ich kann schon verstehen, dass Muslime sich da auch verletzt fühlen. Aber es ist für mich ein Unterschied, ob Gruppen wie Pro Deutschland, oder Pro NRW, oder Rechtsextremisten sowas gezielt als Provokation einsetzen. Oder ob das eben tatsächlich im Rahmen der Meinungsfreiheit und Satire gezeigt wird."

    In der deutschen Bevölkerung wachsen, einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge, die Vorbehalte gegen den Islam, insbesondere in Ostdeutschland. Mit 57 Prozent empfänden weit mehr als die Hälfte der nicht-muslimischen Bürger den Islam als Bedrohung, heißt es. 2012 waren es 53 Prozent.

    Am stärksten ist dieses Gefühl in Thüringen und Sachsen verbreitet, wo 70 Prozent Vorbehalte hätten. Dies könnte sich laut Ulla Jelpke jetzt noch zuspitzen: "Die Bertelsmann-Studie ist ja vor dem Anschlag erstellt worden. Das heißt, wenn Sie sie heute noch einmal machen würden, hätten wir wahrscheinlich noch höhere Zahlen. Ich sehe wirklich eine Riesengefahr, dass im Grunde genommen die Menschen muslimischen Glaubens hier in Sittenhaft genommen werden. Und unsere Aufgabe ist es hier vor allen Dingen, darauf zu achten, dass wir Islamfeindlichkeit genauso bekämpfen, wie Rassismus, denn es ist ein Teil von Rassismus. Aber auch Leute, wie Alexander Gauland (AfD), der in ekelhafter Weise versucht, dieses Attentat zu instrumentalisieren. Eine Show mit Trauerbändern und Ähnlichem mehr, um ihrer Islamfeindlichkeit noch mehr Nachdruck zu verleihen, das darf auf gar keinen Fall sein. Deshalb ist es zwar angesagt, den Kampf gegen die Dschihadisten zu führen, keine Frage, aber auch gleichzeitig gegen Islamfeindlichkeit und Rassismus anzugehen."

    Speziell die Pegida-Bewegung sieht Jelpke dabei sehr gefährlich. Gerade im Osten Deutschlands mobilisieren die Organisatoren tausende Menschen, um gegen die sogennante Islamisierung des Abendlandes zu demonstrieren. Ulla Jelpke will hier auf Aufklärung setzen: "Dazu gehört natürlich, dass wir endlich aufhören davon zu sprechen, dass es hier ganz normale Leute sind, die auf der Straße mobilisieren. Die Leute, die das Heft dort in der Hand haben und Pegida groß machen, haben eine rassistische Gesinnung. Sie wollen Rassismus in Ablösung zum Antisemitismus. Früher waren das dieselben Leute, die gegen Juden gehetzt haben. Man muss ganz deutlich machen, dass diese Leute etwas anderes im Schilde führen, als vielleicht einige Leute, die dort mitlaufen."

    Für Ulla Jelpke ist deshalb die Konsequenz aus dem Attentat von Paris klar: "Von einer Verschärfung von Gesetzen halte ich wenig. Wir müssen den Weg der Aufklärung gehen und vor allem der Integration und sozialen Hilfestellung. Dann könnte man ein Vorbild für Europa werden."

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    PEGIDA, Charlie Hebdo, Paris, Frankreich, Deutschland