05:33 16 Dezember 2018
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    Experte zu Stratfor-Bericht: USA bräuchten eine Führungskraft wie Merkel

    © AP Photo / Cassandra Vinograd
    Politik
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    Marina Piminowa
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    Gespaltenes Europa, Wirtschaftsprobleme, Nationalismus, Russlands Zerfall – die jüngste Stratfor-Prognose zeichnet eine chaotische Welt auf. Der namhafte Wirtschaftsexperte Markus Miller hat an der Prognose viel auszusetzen.

    Vielem kann Markus Miller bei der Stratfor-Prognose nicht zustimmen. In Bezug auf Europa ist die Ansicht immerhin plausibel, sagt der Experte im Interview für Sputnik-Korrespondentin Marina Piminowa. „Es könnte durchaus eine Spaltung in Europa geben, im Hinblick auf den Euro und die Europäische Union. Hier könnte ich mir vorstellen, dass die Währungsunion in den Südeuro und den Nordeuro auseinanderbrechen würde. Also eine Spaltung in Nordeuropa mit stabilen Staaten, auch unter der Zunahme der skandinavischen Staaten, und in Südeuropa mit den ehemaligen Weichwährungsländern, allem voran Griechenland, Spanien, aber auch natürlich Italien, Portugal und leider auch Frankreich, das große wirtschaftliche Probleme hat und sich von Kerneuropa, von Deutschland, durchaus auch abspaltet“, so Miller. 

    Dass die Wirtschaft geopolitisch eine entscheidende Rolle spielt, sei in dieser Form eine erstmalige Tendenz, so der Experte weiter. „Noch nie in der Geschichte hatten die Notenbanken einen so massiven Einfluss auf die Wirtschaft und wurden so massiv von der Politik auch indirekt gesteuert. Und das führt dazu, dass die gesamte Geopolitik überlagert wird von einer expansiven Geldpolitik und das ist das Hauptproblem, das die ganzen Industrienationen haben, eine ausufernde Geldpolitik, die zu gigantischen Schuldenbergen führt.“ 

    Deutschland soll laut Stratfor seine robuste Wirtschaftsrolle einbüßen, was auch einfach zu erklären sei. „Deutschland ist in die Gemeinschaft eingebunden, und muss eben die strukturellen Probleme der anderen Länder mitbezahlen“, erklärt Miller. So stark sei Deutschlands Wirtschaft eben nicht, dass sie alle schwachen Länder retten könne. Für die deutsche Exportindustrie kommt natürlich auch die Krise in der Ukraine nicht spurlos vorüber. Das stark diskutierte TTIP-Abkommen wird Miller zufolge auch keine Rettung für die EU sein: „Ich glaube, das TTIP-Abkommen bringt mehr Vorteile für die USA und weniger für Europa, auch für Deutschland. Ich glaube persönlich eben nicht, dass es in Zukunft solche pauschalen Welthandelsabkommen gibt. Die Welt geht in weiten Bereichen eher wieder zurück in die Nationalstaatlichkeit, so dass die nationalen Interessen in den Vordergrund gestellt werden. Wie zum Beispiel Griechenland, das sich von der Europäischen Union ab- und Russland mehr zuwendet. Und diese Tendenzen werden in der Zukunft immer stärker zunehmen.“

    Neben den außenpolitischen Angelegenheiten, wie das TTIP-Abkommen oder der Einfluss in den globalen Krisenregionen, brauchen die USA Miller zufolge eine innere Einigung. Hier müsse man vor allem schauen, was für ein Präsident 2016 an die Spitze kommt. „Was ich mir sehr gut vorstellen könnte, wäre, wenn der neue Präsident der USA Condoleezza Rice heißen würde, weil ich glaube, die USA brauchen neben der Kontinuität in der Außenpolitik vor allem eine innere Einigung. Es muss einen Präsidenten geben, der das Land innenpolitisch wieder eint. Das hat Barack Obama leider nicht geschafft. Und kann mir sehr gut vorstellen, dass Condoleezza Rice das schaffen könnte, weil sie eine sehr gemäßigte Republikanerin ist, praktisch eine soziale Konservative, vergleichbar durchaus mit Angela Merkel in Deutschland. Und ich glaube, genauso eine Führungskraft brauchen die USA für die mehrdimensionalen Herausforderungen der geopolitischen Welt in der Zukunft“, meint Markus Miller. 

    Deutschland und Russland dagegen werden laut Miller von der Führung her eine hohe Kontinuität bewahren: „Wladimir Putin kann noch über lange Zeit weiterregieren, Gleiches gilt für Angela Merkel. In Amerika ist es nicht der Fall. Angela Merkel hat sehr viele Männer, die eigentliche große Macht und großes Potential in ihrem Umfeld hatten, beiseite geschafft, also es gibt keinen Nachfolger, den ich derzeit für Angela Merkel sehe, außer vielleicht Ursula von der Leyen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Angela Merkel noch eine weitere Legislaturperiode  dranhängt und eine lange Zeitperiode Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland wird, vergleichbar mit Konrad Adenauer oder Helmut Kohl.“ Bei Wladimir Putin stehe es für Miller außer Frage, dass er in Russland noch sehr lange regieren wird, außer es komme zu einem dramatischen Umsturz oder Umbruch.

    An einen Zerfall Russlands, wie es Stratfor vorhersagt, glaubt der Experte  nicht. Erstens seien die als Argument angeführten Dagestan und Tschetschenien sowie die Nordrepublik Karelien, deren Verlust angeblich bevorstehe, wirtschaftlich irrelevant. Zweitens sehe man, dass das russische Volk und Russland jetzt in der Krise eher zusammenwächst und auch zusammensteht. „Und genauso wird es das deutsche Volk auch tun, in Deutschland wird es meiner Meinung nach dazu führen, dass die nationalen patriotischen Gedanken stärker ausgeprägt werden, vor allem wenn die Deutschen mal merken müssen, dass sie z.B. für Griechenland zahlen müssen. Politische Parteien wie die AfD werden daher einen immer größeren Zuspruch bekommen“, meint Miller. 

    Positiver als Stratfor ist Miller auch im Hinblick auf die deutsch-russischen Beziehungen eingestellt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass Deutschland und Russland Probleme haben. Man darf ja nicht nur auf die Politik schauen, man muss auch auf die Wirtschaft schauen. Aus deutscher Sicht wäre es sehr unintelligent, den Handelspartner Russland zu verlieren, denn Deutschland hat viele Vorteile, aber eins hat es nicht, nämlich Rohstoff“, so Miller.

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    Tags:
    EU, Stratfor, TTIP, Angela Merkel, Markus Miller, Helmut Kohl, Deutschland, USA