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    Vjiatcheslav Molotov

    Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt oder auf den Spuren der Nazi-Kollaborateure

    © Sputnik / Mikhail Kuleshov
    Politik
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    Das Mitglied des Sinowjew-Klubs Oleg Nasarow schlägt vor, den vor 75 Jahren unterzeichneten sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt neu zu betrachten.

    Sinowjew-Klub
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    Vor 75 Jahren, am 23. August 1939, wurde eines der bekanntesten historischen Dokumente in der Geschichte der Menschheit unterzeichnet – der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion (weiter — Pakt). Westliche Politiker und Journalisten ignorieren seine offizielle Bezeichnung und nennen ihn den Ribbentrop-Molotow-Pakt. Damals warfen sie der Sowjetunion und heute Russland vor, dass der Kreml mit dem Schließen des Pakts mit Hitler-Deutschland unser Land zum Kollaborateur der Nazis bei der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges machte. Diese Behauptung ist eine zynische Lüge, wobei die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg von ihnen auf uns geschoben wird.

    Wer ließ Hitler von Versailles-Leine los?

    Der deutsche Nazismus war in der Tat ein Produkt der gelobten westlichen Zivilisation, Die Kollaborateure Hitlers bei der Entfesselung der „globalen Schlacht“ waren die so genannten „westlichen Demokratien“, was durch mehrere Fakten bewiesen wird. Nicht zufällig hat der Westen Angst vor ihnen.

    Die ersten Spuren der Briten und Franzosen auf dem Weg zum neuen Krieg wurden kurz nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland gelegt. Es vergingen weniger als sechs Monate – am 15. Juli 1933 wurde in Rom von Großbritannien, Frankreich, dem faschistischen Italien und Nazi-Deutschland der Viererpakt unterzeichnet. Während die Spitzen der Weimarer Republik von London und Paris an einer kurzen Leine gehalten worden waren, wurde Hitler-Deutschland, mit dem wie mit einem Gleichen gesprochen wurde, sofort in den Kreis der Großmächte aufgenommen.

    Die westlichen Demokratien ließen die Tatsache, dass Hitler die Deutschen seit langem zu einem Feldzug in den Osten aufrief, um Ressourcen und „Lebensraum“ zu erobern, nicht unbeachtet. Mit der Unterzeichnung des Viererpakts hatte der Führer des Dritten Reichs nicht nur einen großen diplomatischen Erfolg erreicht, sondern auch den Sturm nach Osten zu den unglaublich großen Territorien Russlands begonnen, was auch den Interessen von London und Paris entsprach. Sie bewegten die Nazis gerade in diese Richtung! Auffallend ist, dass der Westen zwar den Ribbentrop-Molotow-Pakt verurteilt, sich jedoch nicht an den Viererpakt erinnert, der die Politik zur Befriedung des Aggressors auf Kosten von Territorien und Interessen dritter Seiten startete.

    Vergessen wird ebenfalls das für Berlin äußerst günstige britisch-deutsche Seeabkommen, das am 18. Juni 1935 von den Außenministern Großbritanniens und Deutschlands Samuel Hoare und Joachim von Ribbentrop durch den Austausch von Noten geschlossen wurde. Demnach erhielt Deutschland die Möglichkeit, eine Kriegsflotte zu schaffen, die gemessen an der Wasserverdrängung 35 Prozent der Seestreitkräfte des Vereinigten Königreichs ausmachte, und das Recht, mit der Verwirklichung des großen Programms zum U-Boot-Bau zu beginnen, was eine Revision des Vertrages von Versailles bedeutete.

    Der nächste Schlag gegen den Vertrag von Versailles wurde von Hitler 1936 geführt, als das Rheingebiet  besetzt wurde, das Deutschland 1919 abgenommen worden war. London und Paris reagierten nicht darauf. Danach begann der Bürgerkrieg in Spanien, wo Deutschland und Italien General Franco unterstützten. Spanien wurde zu einem Gelände, auf dem die deutschen Übermenschen wertvolle Kampferfahrungen sammelten.

    Münchner Abkommen

    Der Höhepunkt der Politik der Befriedung des Aggressors war das im September 1938 in München unterzeichnete Abkommen zwischen Hitler, dem italienischen Diktator Benito Mussolini, den britischen und französischen Regierungschefs Neville Chamberlain und Edouard Daladier. Demnach wurde das der Tschechoslowakei gehörende Sudetenland mit allen materiellen Gütern an das Dritte Reich übergeben. Auch Ungarn und Polen erhielten Teile der Tschechoslowakei. Winston Churchill verglich Polen mit einer Hyäne.

    Chamberlain und Daladier hatten nichts gegen die Tatsache, dass sie zusammen mit den blutigen Diktatoren das Territorium der demokratischen und friedlichen Tschechoslowakei in Abwesenheit der Landesführung verfassungswidrig zerrissen. Dafür aber freuten sie sich darüber, dass die Sowjetunion der Tschechoslowakei nicht helfen konnte und in der internationalen Arena isoliert wurde.

    Der in Euphorie geratene Chamberlain hat schnell „vergessen“, dass er bei der Abreise nach München der Führung der Tschechoslowakei versprochen hatte, die Interessen dieses Landes zu berücksichtigen. In der Tat erinnerte er sich daran so lange, wie sich die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens im Februar 2014 an ihr Versprechen gegenüber dem Präsidenten Viktor Janukowitsch erinnerten. Dafür aber vergaß Chamberlain es am 30. September nicht, mit Hitler eine Nichtangriffserklärung zu unterzeichnen. Laut dem Historiker Oleg Rscheschewski war sie ebenfalls wie das ähnliche Abkommen zwischen Paris und Berlin vom 6. Dezember 1938 de facto ein Nichtangriffspakt.

    Deutschland schloss anschließend Nichtangriffspakte mit Dänemark, Litauen, Lettland und Estland. Auffallend ist, dass die Einwohner der Baltikum-Länder sich wegen der Pakte mit Hitler-Deutschland nicht verfluchten.

    Im September 2013 waren 75 Jahre seit der Unterzeichnung des Münchner Abkommens und des Hitler-Chamberlain-Paktes vergangen. Die Gründe, warum das Jubiläum vom Westen und seiner Fünften Kolonne in Russland ignoriert wurde, sind klar. Schwieriger ist aber zu verstehen, warum das Ereignis, dass am wichtigsten bei der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs war, von fast allen russischen Medien außer Acht gelassen wurde. Ich möchte die Kollegen daran erinnern, dass gegen Russland ein massenhafter und rücksichtsloser Informations- und psychologischer Krieg geführt wird. Mit dem Westen auf der historischen Ebene weiter zu spielen, ist ein großer Fehler…

    Unbegründete Vorwürfe

    In den 1930er-Jahren, bis zum 23. August 1939, führte Stalin kontinuierlich eine Politik der kollektiven Sicherheit durch. Nicht die Schuld, sondern das Problem Moskaus bestand darin, dass die Anstrengungen der Subjekte der „Befriedung des Aggressors“ die Sowjetunion dazu bewegten, auf diese Politik zu verzichten. Kurz vor der Umkehr des Kremls gab es dreiseitige Verhandlungen der Militärmissionen Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion in Moskau. Für ihre Torpedierung sind die Briten und Polen verantwortlich. Die Briten hatten das Ziel, eine Annäherung der Sowjetunion und Deutschlands zu verhindern, und führten die Verhandlungen einfach nur, um zu verhandeln. Polen rechnete vergeblich mit der Hilfe von Paris und London, und verzichteten auf militärische Hilfe der Sowjetunion, obwohl die deutsche Axt bereits über dem Land hing.

    Es ist wichtig zu verstehen, dass es im August 1939 nicht um eine Teilung Polens, Europas bzw. der Welt zwischen der Sowjetunion und Deutschland, sondern darum ging, wohin Hitler seine Truppen nach einer unverzüglichen Zerschlagung Polens bewegt – in den Osten oder in den Westen. Man kann verschieden zu Stalin und seiner Innenpolitik eingestellt sein, doch man sollte zugeben, dass er in die Sackgasse getrieben wurde und die einzig richtige Wahl machte. Zudem gewann er gegen die frechen und selbstbewussten Briten – mehrfache Sieger der diplomatischen Kämpfe. Beim Abschluss des Pakts mit Deutschland machte Stalin es Paris und London möglich, die bittere Frucht der Politik der Befriedung des Aggressors selbst zu kosten. Er erhielt Zeit für die Vorbereitung auf einen entscheidenden Kampf gegen Deutschland und bewahrte das Land vor einem drohenden Zwei-Fronten-Krieg – der bewaffnete Konflikt mit Japan in Khalkin Gol dauerte immer noch an.

    „Der deutsch-sowjetische Pakt war kein Bündnis, das war ein gegenseitiger Austausch von Versprechen über Nichtangriff und Neutralität… Im Westen wurde intensiv über das Verbrechen Sowjetrusslands gesprochen, das den Pakt mit der führenden faschistischen Macht schloss. Es war schwierig, die Vorwürfe der britischen und französischen Politiker zu verstehen, die die Teilung der Tschechoslowakei aktiv förderten und sogar ein neues Abkommen mit Deutschland auf Kosten Polens anstrebten“, so der britische Historiker Alan John Percival Taylor.

    Doch solche unbegründeten Vorwürfe sind auch heute zu hören.

    Am 31. August 1939 gab es eine außerordentliche Sitzung des Obersten Sowjets der Sowjetunion. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion und Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow sagte in seiner Rede: „Der Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Deutschland ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas, und nicht nur Europas.. Dieser Pakt (wie auch die gescheiterten britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen) zeigt, dass wichtige Fragen Osteuropas jetzt nicht ohne aktive Teilnahme der Sowjetunion gelöst werden dürfen, dass jegliche Versuche, die Sowjetunion zu umgehen und ähnliche Fragen hinter dem Rücken der Sowjetunion zu lösen, scheitern müssen“.

    Die Sowjetunion, die vom Westen von der Teilnahme an der Lösung der tschechoslowakischen Krise ferngehalten wurde, kehrte ein Jahr später in die Weltarena zurück und wurde dort einer der wichtigsten Akteure. Das war ein beeindruckender Erfolg der sowjetischen Diplomatie. Es gibt Gründe, sich darüber Gedanken zu machen, ob man den 23. August in den historischen Kalender Russlands aufnehmen sollte. Diese Idee wird natürlich heftige Diskussionen auslösen. Doch unumstritten ist die Tatsache, dass die sowjetische Führung vor 75 Jahren nichts tat, wofür wir uns heute schämen und was wir bereuen müssten.

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    Sinowjew-Klub, Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus (Nazismus), Joachim von Ribbentrop, Adolf Hitler, Deutschland