02:35 20 August 2017
SNA Radio
    Terrorgruppierung Islamischer Staat

    „Der IS lässt sich mit Bomben nicht besiegen!“ - Publizist Jürgen Todenhöfer

    © AP Photo/ Hadi Mizban
    Politik
    Zum Kurzlink
    Terrorgruppierung Islamischer Staat (498)
    0 2340344

    Der deutsche Publizist Jürgen Todenhöfer hat dieser Tage sein neues Buch „Inside IS - 10 Tage im ‘Islamischen Staat’“ präsentiert. Anhand seiner Erfahrungen enthüllt er die mörderischen Absichten des sogenannten Kalifats, das einen weltweiten Gottesstaat errichten will und dabei auch vor Massenmorden, selbst unter Muslimen, nicht zurückschreckt.

    „Jetzt hat es Europa und den Westen im Visier“, sagte der Journalist im Interview mit unserem Korrespondenten Nikolaj Jolkin. „Die Stärke des ISIS besteht in einer Ideologie, die man nicht als islamisch bezeichnen kann, die aber bestimmte äußere Formen des Islam benutzt – eine Ideologie, die vor allem auf Brutalität setzt. Diese Ideologie geht davon aus, dass man den Feinden Furcht einflößen muss: Wenn man brutaler als alle anderen ist, wird man die Feinde dazu bringen, den Kampf zu vermeiden, bevor es überhaupt zum Kampf kommt. Brutalität als Philosophie. Völlig unislamisch, aber der IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi hat das zu seiner Philosophie gemacht.“

    Terrormiliz Islamischer Staat
    © AP Photo/ Raqqa Media Center of the Islamic State group
    Den zweiten Grund sieht Todenhöfer in dem riesigen Zulauf junger Leute aus aller Welt, die Baghdadi  — wie früher der Rattenfänger von Hameln  — verführe. „Diese jungen Leute kommen aus vier Gründen: Erstens: Weil sie in ihren Ländern als Muslime diskriminiert werden und glauben, sie kommen  jetzt in einen muslimischen Staat, wo sie hochanerkannt sein werden. Zweitens: Sie haben viele Jahre die amerikanischen Kriege gegen die muslimische Welt verfolgt. Während der Kolonialisierung gab es Brutalitäten durch die Franzosen und Engländer. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es viele brutale Interventionen durch die USA gegeben. Die letzten waren, sowohl aus ihrer  als  auch aus meiner Sicht, ungerechtfertigten Kriege wie zum Beispiel der Afghanistan- und der Irakkrieg sowie die NATO-Intervention in Libyen. Sie haben gesehen, wie dort Frauen, Kinder, alte Leute  starben oder Unschuldige  nach Abu-Ghraib und nach Guantanamo gebracht wurden oder  wie in Libyen ein Land zusammengebombt  wurde. Und sie gehen dorthin, um Ähnliches zu verhindern,  um Rache zu üben und um ihre muslimischen Brüder im Irak und in Syrien zu schützen.“

    „Der dritte Grund: Sie glauben an eine 1.400 Jahre alte Überlieferung, nach der jetzt in Syrien angeblich der finale Kampf zwischen Gut und Böse stattfinden soll,  zwischen dem Islam —  obwohl der Islam nur als Maske missbraucht wird  —  und Rom. Rom, das ist das Symbol für die westliche Welt, für Amerika. Und sie glauben, dass sie Teil einer großen geschichtlichen Auseinandersetzung sind, die jetzt stattfindet. In ihren Ländern waren sie nichts. Jetzt sind sie historische Gestalten. Der vierte Grund besteht darin, dass ISIS selbst so unglaublich erfolgreich war und im letzten Jahr einen Staat erobert hat, dessen Territorium  so groß ist wie das von Großbritannien. Es gibt die Attraktivität des Erfolges! Aber es gibt auch noch dieses Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe, die zusammenkämpft und glaubt etwas Großes zu erleben.“

    Gefragt nach der Anzahl der Konvertiten in Deutschland, meinte er, es  gebe nicht so viele. „Es gibt allerdings Menschen, die an den Islam glauben, die den Koran selber aber nicht gelesen haben, sondern nur bestimmte Passagen. Diese erklären ihnen, wie die Ungerechtigkeiten  zu sehen sind und sie sagen sich, denen muss ich jetzt helfen. Was mich am meisten deprimiert hat, war die Tatsache, dass es sehr leicht ist, bei jungen Menschen so etwas wie eine Gehirnwäsche zu betreiben. Ich kenne die Kindheitsgeschichten von manchen dieser Terroristen. In ihrer Kindheit waren das  sympathische, hilfsbereite Menschen. Sie begegnen aber einem Verführer, der ihnen erklärt, dass sie jetzt auswandern und gegen die amerikanische Invasion kämpfen müssten und dass sie dabei auch Unschuldigen den Kopf abschneiden und ganze Volksgruppen versklaven dürfen. Das ist eine Riesengefahr. Und jeder, der sie unterschätzt, sollte nicht vergessen, dass sie gegenwärtig ein Land beherrschen, welches so groß wie Großbritannien ist.“

    „Der Fehler des Westens bestehеt darin, dass dieser glaubt, das Problem mit Bomben lösen zu können“, meint  Todenhöfer. „Ideologien kann  man  nicht erschießen,  Ideologien muss man widerlegen! Es  kann relativ leicht bewiesen werden, dass das, was Baghdadi predigt und was der IS tut,  im Koran verboten ist.  Dieser Ideologie muss der  Nährboden entzogen werden,   d.h. wir müssen die Muslime in unseren Ländern als gleichberechtigte Menschen behandeln. Und wir müssen aufhören, in deren  Ländern mit unseren Kriegen, Muslime zu töten.“

    Der Journalist führt aus, dass es 2001 in Hindukusch und auf der Welt vielleicht einige Hundert internationale Terroristen gegeben habe. Dann hat  der Westen mit seinen Kriegen und Interventionen in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien den Terror geschürt mit dem Ergebnis, dass  wir jetzt über 100.000 internationale Terroristen haben. Die Kriege und Interventionen waren Terrorzuchtprogramme. „Wir müssen mit dieser Strategie der  Bombardierung aufhören. Im Irak sind nach dem Einmarsch der USA die Schiiten an die Macht gekommen, und viele Millionen Sunniten (35% der irakischen Bevölkerung) sowie alle, die der Baath-Partei Saddam Husseins angehörten, nämlich die ganze frühere Elite, wurden völlig aus dem politischen Prozess ausgeschlossen. Sie werden seit  über zehn Jahren verfolgt, sie wurden in die Gefängnisse geworfen und von Todesschwadronen getötet, d.h. sie sind total frustriert. Und als diese IS-Terroristen kamen, haben sie sich nicht gegen sie gewehrt, sondern ihnen die Türen aufgemacht. Wenn man den IS besiegen will, muss man diese 35 Prozent der sunnitischen Bevölkerung und auch die Baathisten wieder in den politischen Prozess des Landes integrieren und ihnen die gleichen Rechte geben wie den Schiiten. Die Politiker müssen dieses endlich mal  kapieren.“

    In Syrien sei es noch komplizierter, meint Jürgen Todenhöfer. Aus seiner Sicht müsse man die sunnitischen Bevölkerungsschichten, vor allem in den Vororten stärker integrieren und ähnlich wie im Irak eine nationale Aussöhnung zwischen den regierenden Alawiten auf der einen und dem einfachen sunnitischen Volk  bzw.  seinen Minderheiten auf der anderen einen Seite  erreichen. „Der Westen hat sich lange geweigert, mit Assad zu sprechen, aber um Frieden zu schaffen, muss man mit allen sprechen. Die Amerikaner haben diesen Fehler gemacht, und viele Menschen sind in diesen Jahren gestorben. Man wird die friedliche Lösung in Syrien nur dann finden, wenn man mit Assad spricht. Er ist immer noch die mächtigste Figur in Syrien, ob man ihn jetzt mag oder nicht.“

    Themen:
    Terrorgruppierung Islamischer Staat (498)

    Zum Thema:

    Amerikaner fürchten IS viel mehr als Russland - Umfrage
    Vorwurf gegen USA: Terrorgruppe IS als heimliche „Reserve“
    Iranischer General: US-Luftwaffe beliefert IS heimlich mit Waffen und Geld
    Kampf gegen IS: Westen will Assad eventuell als Partner ins Boot holen
    Tags:
    Terrormiliz Daesh, Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat (Buch), NATO, Abu Bakr al-Baghdadi, Jürgen Todenhöfer, Deutschland, USA, Libyen, Syrien