17:33 23 Juni 2017
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    Russischer Experte: Deutschland braucht ein Gegengewicht in Europa

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    Deutschland braucht ein weiteres starkes europäisches Land, das zu seinem Gegengewicht wird und mit dessen Partnerschaft das deutsche Wirtschaftswachstum legitimiert wird, meint der Vorsitzende des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik Fjodor Lukjanow.

    Suche nach dem Gegengewicht

    “Zu einem der Probleme für Deutschland wird, dass es einfach viel zu stark wurde, genauer gesagt — alle übrigen wurden zu schwach. Heute erfüllt Frankreich wegen der inneren Probleme, der Führungskrise nicht jene Funktion, die es früher erfüllte. Das Wichtigste ist, dass dies ein Problem Deutschlands ist, weil Deutschland wegen seiner Vergangenheit ein Land braucht, das sein Wachstum legitimiert“, sagte Lukjanow am Montag bei seiner Antrittsvorlesung als Dozent an der Moskauer Wirtschaftshochschule (Higher School of Economics).

    Nach Ansicht des Experten wird andernfalls „das deutsche Wachstum“ immer mehr Besorgnis unter den übrigen europäischen Ländern hervorrufen.

    Er ergänzte, dass einer der Faktoren, der heute direkt die Beziehung Berlins zu Moskau beeinflusst, die Veränderung des Kräftegleichgewichts in Europa und das Bedürfnis Deutschlands ist, ein äußeres Gegengewicht nach „dem Verlust“ Frankreichs zu finden.

    “Unter diesen Bedingungen kommt unter Berücksichtigung der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen nicht überraschend eine große Bedeutung Polens als Land zu, das erstens sehr aktiv, zweitens groß genug und wirtschaftlich vollkommen erfolgreich ist. Diese Notwendigkeit, einen Partner zu finden, der gleichzeitig die Führerschaft legitimieren würde, führt meiner Meinung nach zu einer Annäherung an Polen“, sagte der Experte.

    Lukjanow hob hervor, dass Deutschland heute mit der Vergangenheitsbewältigung und der —aufarbeitung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „das moralische Recht empfinden darf, sich gegenüber anderen Ländern zu positionieren — weil angenommen wurde, dass andere die Politik anderer Länder bewerten können, und die Deutschen dürfen es nicht aufgrund dessen, was sie im 20. Jahrhundert getan hatten“.

    Drucks seitens der USA

    Zu meinen, dass die Regierung der USA einen entscheidenden Einfluss auf die Handlungen Deutschlands ausübt, wäre nach Ansicht des Experten eine Vereinfachung.

    “Es beginnt der Eindruck zu entstehen, dass unser Verständnis der Prozesse, die in Deutschland ablaufen, wenn man den öffentlichen Bereich nimmt, realitätsfern sind. Wir hören oft das Erstaunen, warum ausgerechnet Deutschland nach der Krise in der Ukraine eine harte Position eingenommen hat. Jetzt hört man „einfache“ Erklärungsversuche in der Art, dass die US-Administration und andere Kreise die deutsche Regierung und konkret Kanzlerin Merkel in Schach halten und ihr nicht gestatten, so zu handeln, wie sie es will. Das ist eine äußerst vereinfachte Schlussfolgerung“, so der Politologe.

    Seiner Meinung nach ist es dumm, „die engen atlantischen Beziehungen zu negieren, die jahrzehntelang nach dem Zweiten Weltkrieg gepflegt und zwischen den USA und Deutschland vertieft wurden“. Dennoch sind laut Lukjanow die Beziehungen Deutschlands und der USA im Großen und Ganzen kompliziert und widersprüchlich.

    "Einerseits sucht Deutschland die Notwendigkeit einer transatlantischen Einheit besonders sorgfältig aus, da es versteht, dass seine Führerschaft verschiedenartige Emotionen bei anderen Ländern hervorrufen kann, andererseits gibt es die Emotionen, die die Skandale um die Abhöraktivitäten bewirkt haben, die Ausweisung des CIA-Residenten im vorigen Jahr aus Berlin — all das führt zu den ernsten Dissonanzen in den Beziehungen Washingtons und Berlins“, erklärte Lukjanow.

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    Tags:
    Angela Merkel, Fjodor Lukjanow, Deutschland, USA, Russland, Polen
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