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05:51 20 Juli 2019
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    Terrorgruppierung Islamischer Staat

    IS als neuer Nahost-Akteur: „Wir werden uns daran gewöhnen müssen“

    © AP Photo / Lefteris Pitarakis
    Politik
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    Als ernstzunehmendes Phänomen der Nahost-Politik lässt sich der „Islamische Staat“ (IS) in absehbarer Zukunft kaum beseitigen, prognostiziert der russische Orientalist Leonid Issajew. Den Erfolg der Terrorgruppe erklärt der Experte unter anderem mit ihrer beispiellosen Medienwirksamkeit.

    Issajew, der an der in Moskau ansässigen Higher School of Economics tätig ist, sagte im russischen Radiosender Kommersant FM: „Ich denke, weder die Menschen im Nahen Osten noch diejenigen, die für die dortige Situation verantwortlich sind, werden in nächster Zeit in der Lage sein, den Nahost-Knoten durchzuhauen bzw. zu lösen. Damit meine ich vor allem die globalen Akteure der internationalen Politik wie die USA, die EU sowie Russland, China und die weiteren UN-Vetomächte, die darauf aufpassen sollen, dass es nicht zu solchen Konflikten kommt.“

    Der „Islamische Staat“ sei ernst zu nehmen und bleibe offenbar lange bestehen: „Er ist eben eine Art Staat, denn er besitzt alle erforderlichen staatlichen Attribute. Ich denke, wir werden uns in nächster Zeit an dieses Phänomen gewöhnen müssen, weil es sich um einen neuen Akteur der regionalen Politik im Nahen Osten handelt. Sehen Sie sich sein neues Geld an, den islamischen Dirham. Darauf ist unsere Erde mit allen Kontinenten zu sehen. Damit demonstriert der ‚Islamische Staat‘ seine Ansprüche nicht bloß auf den Nahen Osten, sondern auf die ganze Welt.“

    Zur Vorgeschichte des „Islamischen Staates“ sagte Issajew: „Das ist ein ziemlich spontanes Phänomen, dass nur unter konkreten Bedingungen und an einem konkreten Ort entstehen konnte. Es gab keinen grenzübergreifenden Konflikt in Syrien und im Irak mit allen daraus resultierenden Konsequenzen, aber auch eine Zunahme islamischer Tendenzen, die durch den ‚Arabischen Frühling‘ aktiv geschürt wurden. Hätte es all dies nicht gegeben, hätten wir keinen ‚Islamischen Staat‘ bekommen.“ 

    Seit 2011 seien alle Länder der Region miteinander verzankt: „Vor dem ‚Arabischen Frühling‘ hatten die Türkei und Syrien ziemlich gute Beziehungen zueinander – nun ist Schluss damit. Assad hat im Jahr 2010 Katar besucht, der katarische Emir hat ihn mit großen Ehren empfangen – doch derzeit sind die Beziehungen äußerst schlecht, ebenso wie zwischen Syrien und Ägypten, geschweige denn Israel. Der Iran hat unterdessen schlechte Beziehungen zu allen Ländern der Region mit Ausnahme von Syrien und der schiitischen Regierung in Bagdad. Das Problem besteht darin, dass die Länder nicht in der Lage sind, eine einheitliche Front gegen den ‚Islamischen Staat‘ zu bilden, denn der Nahe Osten erlebt eine Krise der bilateralen Beziehungen. Das hat zur Entstehung des ‚Islamischen Staates‘ ebenfalls viel beigetragen.“

    Das Projekt IS entwickle sich schnell weiter. In Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gebe es viele reiche Menschen, die in dieses Projekt investieren, weil es ihnen ideologisch nahe sei, so Issajew.

    Ihm zufolge profitiert der IS auch von seiner kolossalen Medienwirksamkeit: „20 ägyptische Christen werden hingerichtet, indem man ihnen den Hals durchschneidet, ein Jordanier wird bei lebendigem Leib verbrannt. All dies ist so spektakulär, dass die Medien weltweit jeden Tag darüber berichten und immer mehr Sendezeit dem Thema widmen (…) Bei uns basieren alle Nachrichten auf irgendwelchen Problemen – gezeigt werden Flut, Mord, Flugzeugabsturz. Niemand zeigt einen Passagierjet, der etwa aus Moskau nach Paris erfolgreich geflogen ist. Man zeigt nur jenen Jet, der abgestürzt ist, sonst wird niemand sich das ansehen. Die IS-Kämpfer begreifen ausgezeichnet: Wenn sie einen jordanischen Piloten in einem Käfig verbrennen, findet das weltweit Resonanz. Alle von Kanada bis hin zu Australien werden sie zeigen und von ihnen sprechen.“

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    Terrormiliz Daesh, Terrormiliz, Terrorismus, EU, Leonid Issajew, Saudi-Arabien, Katar, Irak, Syrien, China, Russland, USA, Nahosten