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22:10 15 Juli 2019
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    Alexis Tsipras

    Tsipras erinnert an Schuldenerlass für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

    © REUTERS / Vincent Kessler
    Politik
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    Griechenland: Schuldenkrise und Austritt aus Eurozone (94)
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    Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat seine Gläubiger dazu aufgerufen, Griechenland auf dieselbe Weise zu behandeln, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt wurde. 50 Prozent der deutschen Schulden wurden abgeschrieben und die verbleibenden Rückzahlungen erstreckten sich über Jahrzehnte.

    Tsipras sagte zu den EU-Abgeordneten: „Der stärkste Moment der Solidarität in der neueren europäischen Geschichte war 1953, als Ihr Land [Deutschland] aus den beiden Weltkriegen ausgetreten war und Europa in der Londoner Konferenz seine höchstmögliche Solidarität zeigte“.

    „50 Prozent der deutschen Schuld wurden damals abgeschrieben. Und das war die größte Erweiterung der Solidarität in der europäischen neueren Geschichte“.

    Tsipras argumentierte, dass Griechenlands Schulden teilweise abgeschrieben werden sollten, wobei der Rest im Laufe von Jahren zurückgezahlt werden dürfte – genauso wie es Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubt worden sei. Er verwies darauf, dass Deutschland heute ironischerweise auf weitere Sparmaßnahmen dränge und keinen Schuldenerlass für die überlasteten Griechen erwägen wolle.

    Das Londoner Abkommen über die deutschen Auslandsschulden war ein Entschuldungsvertrag, der 1953 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Gläubigerländern geschlossen wurde. Damals war die Wirtschaft Deutschlands zerrüttet und das Land hatte noch entsprechend dem Versailler Vertrag Vorkriegsschulden aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

    Auf Grund des Versailler Vertrages musste Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg Reparationen an die Siegermächte zahlen. Deutschland war damals eine zerrüttete Nation und hatte es äußerst schwer, die Schulden zurückzuzahlen. Verschlimmert wurde die Situation durch den Wall-Street-Crash 1929, der die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzte – nicht unähnlich der Krise von 2007-8, die die heutigen Probleme Griechenlands ausgelöst hat.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg koppelte das Londoner Abkommen die Vorkriegsschulden laut dem Versailler Vertrag mit den Nachkriegsschulden aus dem Zweiten Weltkrieg. Dabei erhielt Deutschland einen 50-prozentigen Schuldnachlass mit dem Recht, die restliche Summe im Laufe von 30 Jahren zu zahlen.

    Laut dem Abkommen durfte Deutschland seine Schulden also erst zurückzahlen,  wenn die Wirtschaft des Landes zu wachsen begann. Dies bot Deutschland einen Anreiz, seine wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, und begünstigte den Import deutscher Waren durch die Gläubiger. Unter diesen Bedingungen entwickelte sich die deutsche Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten sehr stark. 1990 und 2010 leistete Deutschland seine letzten Rückzahlungen.

    Tsipras bezieht sich auf den Geist des Londoner Abkommens und verdeutlicht dabei die Heuchelei Deutschlands, das Griechenland nicht die gleichen Bedingungen gewähren will, die Deutschland in den Nachkriegsjahren selbst genossen hat. Falls Tsipras seinen Willen durchsetzt, könnte sich die Geschichte wiederholen.

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    EU, Alexis Tsipras, Griechenland