05:38 10 Dezember 2018
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    Egon Krenz

    Egon Krenz: Der Kalte Krieg war nie zu Ende

    © AFP 2018 / Odd Andersen
    Politik
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    Als einen „großen Irrtum“ bewertet Egon Krenz, letzter Vorsitzender des Staatsrates der DDR, die Vorstellung, der Kalte Krieg sei Anfang der 90erjahre zu Ende gegangen. Insofern kommt für ihn die jetzige Abkühlung in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen nicht überraschend.

    „Michail Gorbatschow hat Ende November 1989 in Malta den Kalten Krieg für beendet erklärt, und er hat sich gewundert, dass Bush senior ihm nicht das gleiche versprach, dass Bush senior gesagt hat, die Amerikaner sind Sieger im Kalten Krieg — während Gorbatschow meinte, wieso — der Kalte Krieg ist zu Ende, da gibt es nun weder Sieger noch Besiegte, da gibt es nur Gewinner“, so Krenz in einem Sputniknews-Gespräch mit Armin Siebert.

    „Die Amerikaner haben das anders gesehen, für die Amerikaner ist die deutsche Einheit nicht so wichtig, weil es für die Deutschen wichtig war — für die Amerikaner ist die Deutsche Einheit wichtig, weil die Sowjetischen Streitkräfte aus Mitteleuropa abgezogen sind“, betonte die letzte politische „Nummer 1“ in der DDR-Geschichte.

    „Frau Merkel sagt, Putin habe die europäische Nachkriegsordnung verletzt. Ja da muss ich doch fragen, welche denn? Was nach dem Krieg auf der russischen Krim 1945 in Jalta besprochen wurde oder auch das, was in Potsdam besprochen worden ist, was die Nachkriegsordnung festgelegt hat, das war doch ein Europa ohne Militärmächte, ohne Militärkoalitionen. Da gab es doch keine Nato und keinen Warschauer Vertrag. Aber heute ist der Warschauer Vertrag zu Ende und die Nato ist bis an die Grenzen Russlands vorgeschoben. Also wer da die Nachkriegsordnung verletzt hat, das steht doch auf einem ganz anderen Blatt.“

    Im Zusammenhang mit der Diskussion, der Westen habe Moskau niemals einen Verzicht auf die Osterweiterung der Nato versprochen,  stellte Krenz fest:

    „Im April 1990 hat der damalige Generalsekretär der Nato Wörner ganz öffentlich erklärt, dass die Sowjetunion ihre Sicherheitsgarantieren hat, weil man nicht die Absicht habe, die Nato jenseits der Grenze der BRD auszudehnen, das ist bewiesen, das steht auch heute noch in der Dokumentation der Nato. Dann ist der Warschauer Vertrag aufgelöst worden und die Länder die zwischen Russland und Deutschland liegen, sind inzwischen alle in der Nato zum größten Teil mit Ausnahme der Russischen Föderation.“

    „Putin hat doch in aller Deutlichkeit sowohl vor dem Deutschen Bundestag als auch vor der Sicherheitskonferenz in München gesagt, dass man nicht mit Russland umgehen soll, als würde es gar nicht existieren“, fügte er hinzu.

    USA-Russland-Beziehungen
    © Sputnik / Konstantin Chalabov
    Dabei habe der russische Staatschef dem Westen eine Version „von Lissabon bis Wladiwostok“ skizziert, die eine „Win-Win-Situation“ für alle wäre. „Ich denke die deutsche Regierung muss akzeptieren, dass Deutschland nur eine Perspektive mit Russland hat“, sagte Krenz. Die Bundesregierung sei zwar zu einem solchen Kurs fähig, sie wolle es aber – mit Rücksicht auf die USA – diesen Kurs nicht umsetzen. „Natürlich hängt das damit zusammen, dass die Interessen der USA nach wie vor so sind, dass man nicht gerne sieht, dass Deutschland und Russland freundschaftlich miteinander verbunden sind.“

    Die jetzige Entwicklung in der Welt lasse keine mehr oder weniger zuverlässige Prognose zu, meinte Krenz. „Die Welt ist so durcheinander geraten, dass ich lieber keine Prognose abgeben möchte. Und die Welt ist vor allem deshalb durcheinander geraten, weil in Folge der Auflösung der Sowjetunion Kriege geführt werden, die jetzt die starke Flüchtlingsbewegung hervorrufen.“

    „Die DDR war, trotz allem was man kritisieren kann, der bisher einzige deutsche Staat, der nie einen Krieg geführt hat. Und das zählt bei mir mehr, als die Buntheit und wirklich viele Dinge die sich positiv entwickelt haben“, erklärte der ehemalige Top-Repräsentant der DDR.

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    Tags:
    Warschauer Vertrag, NATO, Angela Merkel, Wladimir Putin, Egon Krenz, Michail Gorbatschow, Deutschland, USA, Russland