06:25 26 September 2018
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    Situation in Syrien

    „Inside IS“: Jürgen Todenhöfer über Assad, Terrormiliz und „dumme Strategien“

    © REUTERS / Hosam Katan
    Politik
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    Kampf gegen den IS (813)
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    Apropos Syrien: Der Publizist und ehemalige CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer hat nicht nur mit Präsident Assad gesprochen, in seinem aktuellen Buch „Inside IS“ beschreibt er auch seine Begegnung mit den Kämpfern des Islamischen Staates in Syrien. Alle bisherigen Anti-IS-Strategien sind nach seiner Ansicht unwirksam. Ein Interview.

    Herr Todenhöfer, am Rande der aktuellen UN-Vollversammlung haben Russlands Präsident Putin und US-Präsident Obama über das Vorgehen in Syrien gesprochen. Streitpunkt ist weiterhin, ob Syriens Präsident Assad in einen möglichen Friedensprozess mit einbezogen werden soll. Die USA wollen stattdessen lieber die Opposition im Kampf gegen den IS stärken. Welche Taktik kann Ihrer Meinung nach aufgehen?
     
    Ich finde, dass man im Kampf gegen den IS, den ich für einen Menschheits- und Islamfeind halte, alle Kräfte bündeln muss. Und das Wichtigste ist im Augenblick, dass man verhindert, dass Saudi Arabien, Kuweit und Katar den Terroristen in Syrien weiter Geld und Waffen liefern. Das ist das Allerwichtigste. Und wenn man gegen eine Terroristenarmee dieser Größe kämpft, dann muss man alle Kräfte zusammenfassen, das ist wirklich selbstverständlich. Ich habe sehr viele Freunde in der syrischen Opposition.

    Aber die politische Opposition spielt in der militärischen Auseinandersetzung überhaupt keine Rolle mehr. Sie haben im Irak und in Syrien in erster Linie einen Kampf der Regierung — in Syrien der Regierung Assad — gegen vom Ausland bezahlte Extremisten und Terroristen. Und diese bezahlten Extremisten und Terroristen sind häufig selbst Ausländer. 70 Prozent der IS-Kämpfer in Syrien sind Ausländer.

    Und: In Syrien gibt es eben keine gemäßigten Gruppen mehr. Es ist sehr schwer jemanden zu finden, außer der syrischen Armee, der gegen den IS kämpfen sollte. Und deswegen sage ich erstens: Die Waffenlieferungen und Geldlieferungen an die Terroristen in Syrien einstellen und zweitens wird man ein vorrübergehendes Zweckbündnis mit Assad schließen müssen, um mit dessen Armee den IS zu bekämpfen und übrigens auch Al Qaida, die dort unter dem Namen Gabhat an-Nusra kämpft, zu besiegen. Es gibt einfach keine andere Möglichkeit. Und Putin hat in seiner Rede zu Recht darauf hingewiesen: Im Krieg gegen Nazi-Deutschland — und der IS hat etwas von dem blutigen Fanatismus der Nazis — haben sich auch die unterschiedlichsten Leute verbündet. Und auch hier gibt es keine Alternative. Man muss die Kräfte bündeln.
     
    Die Bundesregierung jedenfalls hat plötzlich eine Kehrtwende vollzogen. Kanzlerin Merkel sagte, man müsse mit allen Kräften in Syrien reden, so auch mit Assad. Aber kommt diese Einsicht nicht eigentlich zu spät, wenn man sich die hier ankommenden Flüchtlingsströme anschaut?
     

    Die Flüchtlinge sind ja diejenigen, die davon gekommen sind. Hunderttausende sind aber in den letzten drei Jahren gestorben. Und ich hatte mehrere Gespräche mit allen Terrorgruppen in Syrien, aber auch mehrfach mit dem Präsidenten Assad. Ich hatte 2013 im Frühjahr zwei stundenlange Gespräche mit Assad innerhalb von drei Tagen. Und wir haben dort auch darüber gesprochen, ob es eine Situation gäbe, bei der Assad der Auffassung wäre, dass er nicht mehr gebraucht würde. Und Assad hat weitreichende Vorschläge in dieser Frage gemacht, wenn es, so wörtlich "zu einem stabilen Frieden in der Region" käme.

    Ich habe diesen Vorschlag und auch andere Vorschläge bezüglich einer geheimdienstlichen Zusammenarbeit im Kampf gegen Al Qaida auf Expertenebene nicht nur der Bundesregierung, sondern auch dem Weißen Haus mitgeteilt. Und die Antwort der Amerikaner hieß: "Mit dem Kerl reden wir nicht."
    Jetzt merken sie, dass sie gegenüber dem IS keine Chance haben, mit ihrer bisherigen Strategie ohne Assad. Und jetzt kommen sie mit zweieinhalb Jahren Verspätung auf die ursprünglichen Vorschläge einer militärischen und geheimdienstlichen Zusammenarbeit zurück. Und mich macht das unendlich wütend und traurig, weil in dieser Zeit viele Menschen gestorben sind.“
    Ich finanziere mit dem Honorar eines meiner Bücher schwer verletzte Kinder in Syrien. Ich habe bisher über 50 syrischen Kindern Prothesen für Arme und abgerissene Beine besorgt. Und es werden jeden Tag mehr. Und nur weil die Amerikaner gesagt haben, mit dem Mann reden wir nicht.

    Und sie wollten nicht mit ihm reden, weil sie ihn zusammen mit IS und mit Al Qaida beseitigen wollten. Und das wollten sie nicht etwa, um einen Diktator zu beseitigen — die Amerikaner abreiten überall auf der Welt mit Diktatoren zusammen. Sondern sie wollten ihn stürzen, weil sie einen Verbündeten des Iran stürzen wollten. Das ist vom Geheimdienst des amerikanischen Verteidigungsministeriums bereits im August 2012 ausführlich dargestellt und vor wenigen Wochen von dem damaligen Geheimdienstchef des DIA, Lieutenant General Michael Flynn, ausdrücklich bestätigt worden.

    Erstens: Schon der Aufstand 2012 wurde nicht von demokratischen Demonstranten, sondern von Extremisten und Terroristen angeführt. Zweitens: Der Westen und einige arabische Staaten im Osten Syriens wollten ein salafistisches Hoheitsgebiet, weil sie hofften, dass dadurch Syrien vom schiitischen Einfluss Irans und des Irak abgeschnitten würde.

    Und der DIA wies damals darauf hin, dass dadurch die Gefahr bestünde, das der so genannten ISI (Islamischer Staat im Irak) einen islamischen Staat in Syrien und dem Irak ausrufen würde. Und das Weiße Haus war darüber unterrichtet. Und Micheal Flynn betonte in einem Interview, das Weiße Haus habe darüber nicht die Augen verschlossen. Er sagte: "It was a willfull decision", es war eine bewusste Entscheidung. Man hat mit Terroristen zusammengearbeitet, mit dem Terrorismus gespielt, um die Vorherrschaft Irans zu begrenzen. Das ist ein ganz, ganz schmutziges und trauriges Spiel auf dem Rücken der syrischen Bevölkerung."
     
    Nun haben Sie mit Assad gesprochen, auch wenn es jetzt schon ein paar Jahre her ist. Was glauben Sie: Würde Assad überhaupt in der jetzigen Situation Gespräche mit dem Westen eingehen, wenn man sich denn dort darauf einigen würde?
    Ich habe mich ja vorhin für ein vorübergehendes Zweckbündnis ausgesprochen, ich habe mich nicht für eine Liebesbeziehung ausgesprochen. Und Assad wird das wahrscheinlich ähnlich sehen. Ich habe dazu zwei Anmerkungen. Erstens: Obama besteht immer noch darauf, dass am Ende Assad zurücktreten müsse. Das haben aber nicht die Amerikaner zu entscheiden. Das hat ausschließlich das syrische Volk zu entscheiden. Und wenn das syrische Volk Assad nicht mehr will, dass wird es Assad abwählen, und wenn es Assad will, dann wird es ihn wählen.

    Eine ganz andere Frage ist, ob Assad überhaupt noch Lust haben wird, wenn es zu einer Friedenslösung kommt, Präsident zu bleiben. Er hat immer wieder gesagt, dass er nicht Präsident auf Lebenszeit sein möchte. Aber der Westen macht eine unglaubliche Dummheit, indem er jeden Tag betont, Assad müsse hinterher gehen. Das ist doch einfach dumm. Da hätten wir ja bei George W. Bush permanent Rücktrittsforderungen gegenüber dem amerikanischen Präsidenten aufstellen müssen, weil er über eine Million Menschen getötet hat."
     
    Sie waren auch bei Kämpfern des IS zu Besuch. Lässt man sich dort eigentlich durch den Westen einschüchtern, wie sieht man dort eine mögliche Anti-Terror-Koalition?
     
    Ich war zehn Tage bei dem IS, ich habe zehn Tage mit den Menschen dort zusammen gelebt, ich habe auf demselben Fußboden geschlafen, mit denen gefrühstückt, zu Mittag gegessen, zu Abend gegessen, oder auch gar nichts gegessen, an manchen Tagen gab es nichts zu essen und nichts zu trinken. Ich habe diese Menschen wirklich erlebt. Diese Menschen sind Ergebnisse einer Gehirnwäsche, völlig fanatisierte Killer. Ich sag das jetzt mal ganz hart, weil man da einfach nicht drum herum reden kann. Und das hat auch mit dem Islam nichts zu tun. Die meisten sind muslimische oder islamische Analphabeten. Diese Leute kann man besiegen.

    Man kann sie besiegen, indem man eben zum Beispiel die Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien, Kuweit und Katar sowie die Geldlieferungen unterbindet. Die gehen zwar zuerst an Al Qaida, an Gabhat al-Nusra, aber dort holt IS sich das Geld und die Waffen. Das wäre eine Gefahr für Sie. Eine Gefahr für den IS wäre es auch, wenn im Irak die sunnitische Minderheitsbevölkerung, das sind insgesamt 35 Prozent, die den IS unterstützt, weil er gegen die schiitische Regierung kämpft und die sunnitische Bevölkerung sich von der schiitischen ausgeschlossen fühlt. Wenn man es im Irak schaffen würde, dass die sunnitische Bevölkerung dem IS ihre Unterstützung entzieht, dann ist das so, als würde man einem Fisch das Wasser entziehen. Der IS wäre erledigt. Ein Szenario vor dem der IS Angst haben muss.

    Der IS braucht ständigen Nachwuchs von westlichen Kämpfern oder Kämpfern aus dem sowjetischen Gebiet. Diese Leute gehen aber nur in den sogenannten islamischen Staat, weil sie glauben, dass seien echte Muslime. Die meisten Leute wissen nicht, dass der islamische Staat permanent gegen den Islam verstößt, dass der islamische Staat zu 95 Prozent Muslime tötete.
     
    Das heißt, wir müssten dem IS die islamische Maske vom Gesicht reißen und müssen in einer öffentlichen Kampagne den jungen Muslimen in Deutschland, Frankreich, England, den Niederlanden und wahrscheinlich auch in Russland klar machen, dass wenn sie dort hingehen, helfen sie dem Islam nicht, sondern sie schaden dem Islam.

    Was ihn absolut nicht gefährden wird sind Bombenangriffe. Ich habe die Bombenbedrohung beim IS mehrfach erlebt. Als ich mit dem IS durch Syrien gefahren bin, sind wir nie in Kolonnen gefahren. Wir waren drei Autos und diese Autos waren auf zwei — drei Kilometer verteilt. Dazwischen waren Lastwagen. Und eines unserer drei Autos war ein Lastwagen. Und niemand wusste, dass da Terroristen drin sind.
    Wenn Sie Mossul nehmen oder wenn sie Rakka nehmen, die wohnen doch nicht auf einer Stelle oder in einer Kaserne. In Mossul, einer Stadt, wo vielleicht jetzt noch 1,5 Mio. Menschen leben, gibt es zwischen etwa 10 000 IS Kämpfer, und die sind auf tausende von Wohnungen verteilt. Die sind nie zusammen. Und wenn sie die schlagen wollen, dann müssen sie ganz Mossul in Schutt und Asche legen. Bombardierung bringt gar nichts. Das hat in Afghanistan nichts gebracht, das sieht man jetzt — die Taliban überrennen gerade Kunduz.

    Wir haben mit unseren Bombardierungen vor allem viele Zivilisten getötet, weit über eine Million, vor allem in Afghanistan und im Irak. Und wir haben so den Terrorismus gezüchtet.

    Herr Todenhöfer, viele Experten sprechen beim Kampf gegen den islamischen Staat ja von der Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Würden Sie auch soweit gehen?
     

    Ja, ich halte ihn für gefährlicher als viele ihn darstellen. Ich glaube, das Putin ihn richtig darstellt, dass er die Gefährlichkeit erkannt hat, das sind alles total fanatisierte Einzelkämpfer — und deshalb sehr gefährlich. Sie wollen ja alle Andersgläubigen töten, alle Shias, alle Angehörigen der nicht abrahamitischen Religionen. Sie wollen auch alle demokratischen Muslime in der Welt töten, weil nur Gott die Gesetze machen darf. Also eine wahnsinnig gefährliche Mörderbande, die das Potential hat, im mittleren Osten die wichtigste Macht zu werden. Wenn wir nicht einen Stopp der Waffen aus Saudi-Arabien durchsetzen, werden sie überall, nicht nur im mittleren Osten, furchtbares Unheil anrichten. Die sind sehr gefährlich und deshalb müssen wir eine klügere Strategie als bisher gegen diese Leute benutzen.

    Interview: Marcel Joppa

    Das Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ ist aktuell im Handel erhältlich. Der Erlös kommt einem Schul-Stipendium für Kinder im Gazastreifen zu Gute.

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    Tags:
    Terrormiliz Daesh, Al-Qaida, Baschar al-Assad, Gazastreifen, Irak