03:37 11 Dezember 2019
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    Egon Krenz und Michail Gorbatschow

    Frage an Gorbatschow: „Steht ihr zu eurer Vaterschaft?“ – Egon Krenz über November 89

    © Sputnik / Vladimir Vyatkin
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    „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ - soll Michail Gorbatschow über die DDR-Führung gesagt haben, die nach seiner Ansicht mit der Perestroika zögerte. Egon Krenz, der Spitzenpolitiker zum Zeitpunkt der Maueröffnung, weiß, wie es sich wirklich abgespielt hat. Ein Interview.

    Herr Krenz, Sie waren bereits 1971, also mit 34 Jahren, Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Wie war das Verhältnis zur Sowjetunion?

    Wir haben uns immer als Bruderstaaten empfunden, und die DDR-Führung und auch sehr viele Menschen in der DDR waren der Meinung, dass die DDR nur eine Perspektive an der Seite der Sowjetunion hat. Die Außenhandelsbilanz der beiden Länder sah so aus, dass wir für die Sowjetunion und die Sowjetunion für uns wichtigste Handelspartner waren. Nicht umsonst wurde gesagt, dass die Freundschaft das Herz der Beziehungen war. Und so ist das ja auch über viele Jahre gewesen.

    Dann kam die Perestroika-Zeit, und das erste Mal ging die DDR den Kurs der großen Sowjetunion nicht mit. Warum?

    So kann man das nicht sagen. Ich war ja mit Honecker damals zur Beisetzung von Tschernenko und habe die erste Beratung erlebt, die Michail Gorbatschow mit allen sozialistischen Ländern in Moskau gemacht hat — damals ging es nicht darum, wie es heute heißt, dass alle sozialistischen Länder ihre Freiheiten haben sollten, losgelöst von der Sowjetunion. Das wird heute so propagiert, damals ging es am 12.März 1985 um die Verlängerung des Warschauer Vertrages. Und da waren sich alle mit Ausnahme von Rumänien einig, vor allem die DDR und die Sowjetunion waren sich einig. Ich habe das erste Telefongespräch erlebt, gewissermaßen sogar übersetzt, das Michail Gorbatschow mit Honecker geführt hat. Und das stand unter dem Motto – „Wir haben eine neue Führung, ich bin der neue Generalsekretär, inhaltlich wird es keine Veränderungen geben“.

    Das war das erste Gespräch zwischen Honecker und Gorbatschow. Und Honecker hat damals Gorbatschow auch vertraut. Denn natürlich war es notwendig, etwas zu verändern. Innerhalb kurzer Zeit waren drei Generalsekretäre gestorben: Breschnew, Andropow, Tschernenko. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Politik, aber ich kann nicht sagen, dass der Amtsbeginn von Gorbatschow Auswirkungen gehabt hat.

    Und was passiert dann — 1987 und 1988?

    Davor liegen noch zwei Dinge, die heute überhaupt nie genannt werden. Das erste Problem: Gorbatschow und Honecker waren sich nicht einig über die Beziehungen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Erich Honecker hatte seit 1982 eine Einladung, die Bundesrepublik Deutschland zu besuchen, und die sowjetische Führung ist immer dagegen gewesen. Und als Gorbatschow dann Generalsekretär wurde, stand die sowjetische Führung auf dem Standpunkt, erst müsse Gorbatschow in die Bundesrepublik fahren, danach dürfe Honecker fahren.
    Es gab dann 1986 hier in Berlin im Zusammenhang mit dem Parteitag der SED eine Aussprache zwischen der Delegation unter der Leitung von Gorbatschow und dem SED-Politbüro Und da gab es folgenden Dialog. Gorbatschow sagte: „Erich, was soll ich meinem Volk sagen, wenn du in die Bundesrepublik fährst und ich nicht? Und darauf hat Honecker ziemlich mannhaft gesagt: Michail Sergejewitsch, was soll ich den DDR-Bürgern sagen, die gute Beziehungen wollen und vor allem in beiden Staaten keine Raketen?“ So ist man dann auseinander gegangen, und er ist dann 1986 nicht gefahren, sondern 1987.

    Das ist der erste Punkt und der zweite Punkt ist, dass die sowjetische Führung unter Gorbatschow etwas schlecht auf die Beziehungen geschaut hat, die sich zwischen der DDR und der Volksrepublik China entwickelten. Wir hatten inzwischen gute Beziehungen. Das hing damit zusammen, dass in China der Generalsekretär Hu Yaobang einstmals der Chef des Jugendverbandes Chinas war, als Erich Honecker der Chef der FDJ war. Da hatten sich gute persönliche Kontakte entwickelt, und 1985 ist seit langem dann wieder eine Delegation der DDR nach Peking gefahren. Die wurde geleitet von dem Kandidaten des Politbüros Gerhard Schürer. Der damalige Generalsekretär der kommunistischen Partei Chinas hat dem Genossen Schürer gesagt: „Hier haben Sie meine Rede im Wortlaut, wenn Sie wollen, können sie die auch dem Genossen Gorbatschow übermitteln.“ Das haben wir getan, und die sowjetische Führung hat lange darauf nicht geantwortet. Und als sie dann geantwortet hat, war der Grundsatz: Die Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China können und dürfen nicht besser sein, als die Beziehungen der Sowjetunion zur Volksrepublik China.

    Das waren im Grunde genommen die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Honecker und Gorbatschow. Das wird heute verschwiegen, weil man natürlich gerne möchte, dass der DDR angehängt wird, sie ist gegen den großen Bruder zu Felde gezogen. Das ist nicht wahr, vor allem deshalb, weil Gorbatschow selbst gesagt hat,  was wir in der Sowjetunion gemacht haben mit Glasnost und Perestroika, das ist das, was ihr mit dem XIII. Parteitag 1971 gemacht habt. Er hat auch versucht, dass diese Meinungsverschiedenheiten nicht zu Stande kamen.

    Trotzdem ging es ja dann sehr schnell: Das sowjetische Magazin „Sputnik“ wurde verboten und diverse Sachen wurden zum ersten Mal nicht konform gemacht mit der Sowjetunion.

    „Sputnik“ ist eine Tragödie, das ist die Entscheidung eines Einzelnen, von Erich Honecker, die nicht notwendig war, die aber damit zusammenhing, das Erich Honecker über zehn Jahre lang im faschistischen Konzentrationslager war bzw. im Gefängnis im Brandenburg. Nun erschien aber im „Sputnik“ das erste Mal ein Titelbild, wo Hitler und Stalin auf eine Ebene gestellt wurden. Das war für einen Mann, der für seine sozialistische Idee im Gefängnis gesessen hat, natürlich eine Tragödie, aber das hat nicht gerechtfertigt, dass diese Zeitschrift verboten wurde.

    Wie eng war denn die Kommunikation mit Moskau noch gewesen 88/89? Und wer hatte den heißesten Draht gehabt?

    Offiziell war diese Kommunikation immer in Ordnung und 1989, ich hatte ja — vielleicht auch durch mein Alter bedingt, ich war der jüngste im Politbüro — Gorbatschow vertraut und war der Meinung, es muss sich etwas ändern. Am ersten November 89 war ich sein Gast in Moskau. Wir haben vier Stunden in seinem Arbeitszimmer gesessen und debattiert. Ich bin damals mit sehr guten Gedanken und Gefühlen weggegangen, vor allem weil er mir am 01. November 1989 noch gesagt hat, die deutsche Einheit steht nicht auf der Tagesordnung.

    Da habe ich ihn gefragt, sag mal, steht ihr eigentlich noch zu eurer Vaterschaft? Und er hat gefragt, warum ich solche Fragen stelle. Da habe ich gesagt: „Die DDR ist im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entstanden, und des darauf folgenden Kalten Krieges. Das heißt, sie ist auch euer Kind. Und wenn du jetzt den Kalten Krieg für beendet erklärst, dann entsteht die Frage was wird aus der DDR? Darauf hat er gesagt, wie ich ihnen so etwas zutrauen könnte, schließlich sei die DDR nach den Völkern der Sowjetunion den Russen das liebste.

    Acht Tage später war alles plötzlich ganz anders. Wie war dann in den folgenden Monaten die Kommunikation mit Moskau?

    Naja, ich kann das konkret nur noch bis Anfang Dezember 89 sagen, alles andere habe ich dann nur noch aus der Öffentlichkeit erlebt. Aber als am 09. November morgens in Moskau die Politik aktiv wurde, rief mich der sowjetische Botschafter Kotschemassow an und sagte, in Moskau sei man doch beunruhigt über die Geschehnisse, die sich in der Nacht vom 09. zum 10. November vollzogen hätten.

    Darauf habe ich gefragt: „Warum beunruhigt, wir haben doch abgesprochen, dass die Grenze geöffnet wird?“ Und Kotschemassow sagte: „Ja, zwischen beiden deutschen Staaten, aber nicht in Berlin! In Berlin haben wir doch den Vier-Mächte-Status, da seid ihr gar nicht berechtigt gewesen, die Grenzen zu öffnen.“ Das war für mich eine sehr komplizierte Situation, ich habe darauf ein Telegramm an Gorbatschow geschickt, habe ihm die Situation erklärt. Zweieinhalb Stunden später rief mich der sowjetische Botschafter wieder an und sagte: „Im Namen der Sowjetunion und im Namen der sowjetischen Führung gratulieren wir Ihnen zu dem mutigen Schritt, die Berliner Mauer geöffnet zu haben!“

    Warum hat die DDR so spät reagiert?

    Wieso so spät reagiert? Sehen Sie, die Beziehungen von Staaten hängen ja immer von beiden Seiten ab. Natürlich wäre eine Entscheidung, die Grenze zu öffnen ein Jahr früher besser gewesen, sogar vielleicht fünf Jahre früher besser gewesen, aber so waren damals die Beziehungen nicht, es war Kalter Krieg und ich glaube, auch die sowjetische Führung hat sich mehr oder weniger der Situation gebeugt. Sonst wäre die Sache nicht so verlaufen wie sie denn verlaufen ist. Und der frühere Botschafter Kotschemassow hat nachträglich auch versichert, es gab durchaus Überlegungen von Generälen, dass man auch die Grenze durchaus wieder schließen könnte.

    Zumal die Sowjetunion ja auch zu Hause genug andere Probleme hatte… Wie würden sie rückblickend die historische Bedeutung Gorbatschows bewerten? Denn die ist ja in Russland sehr anders als sie im Westen ist.

    Ja, sie war in Russland immer anders. Ich habe ja durch mein Studium in Moskau sehr viele Freunde dort, nach wie vor, bis heute. Die Euphorie, die im Westen war, war in Russland nicht vorhanden und ist bis heute nicht vorhanden. Das hängt natürlich damit zusammen, dass der Westen froh war, dass da jemand war, der die Interessen des Westens im Blick hatte, während man in Russland bemängelt hat, dass er nicht unbedingt die russischen Interessen vertreten hat. Das ist übrigens bis heute so, mit Gorbatschow und mit Jelzin. Mit denen konnte der Westen umgehen. Putin vertritt russische Interessen, und der Westen muss sich daran gewöhnen, dass seine Werte nicht unbedingt die russischen Werte sind und dass Russland eine Tradition hat, dass Russland eine Geschichte hat und dass man mit einem Land, das so viele Opfer im Zweiten Weltkrieg hatte, nicht so umspringen kann, wie man mit dem eigenen Land umspringen kann.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Perestroika, Berliner Mauer, FDJ, SED, DDR, Sowjetunion, Hu Yaobang, Erich Honecker, Egon Krenz, Adolf Hitler, Josef Stalin, Michail Gorbatschow, Deutschland, China