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12:06 21 August 2019
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    Taliban-Offensive: „Herbe Niederlage für das Selbstverständnis Deutschlands“

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    Zwei Jahre nach dem Bundeswehr-Abzug aus Kundus haben die Taliban die Stadt in dieser Woche vorübergehend eingenommen. Nach der Offensive kritisierte der amtierende Gouverneur der Provinz, Daneschi, den Abzug der Bundeswehr aus der Region als verfrüht. Die Ereignisse in Kundus seien nur der Anfang, meint Afghanistan-Experte Prof. Conrad Schetter.

    Die Tatsache, dass die Taliban innerhalb von wenigen Stunden eine Großstadt wie Kundus eingenommen haben, verdeutliche, wie schwach die afghanische Regierung und das afghanische Militär seien, stellt der führende Afghanistan-Experte des Internationalen Konversionszentrums Bonn, Prof. Conrad Schetter, fest. „Die afghanische Regierung wird immer mehr auf Kabul zurückgedrängt, während der Rest des Landes von Taliban und Kriegsfürsten übernommen wird. Kundus ist der Anfang von einem Zustand, in dem das Land wieder in verschiedene Kriegsfürstentümer zu zerfallen droht.

    Das heißt, wir werden das, was wir jetzt in Kundus erlebt haben, immer häufiger erleben.“

    Laut einem „Spiegel“-Bericht will die Bundesregierung den Bundeswehreinsatz in Afghanistan über 2017 hinaus verlängern, wenn auch die US-Streitkräfte so lange im Land bleiben. Bisher ist der Ausbildungseinsatz bis Ende 2016 angelegt. Für Berlin sei Kundus in den letzten 15 Jahren einer der allerwichtigsten Orte gewesen. 

    „Man wollte hier zeigen, dass man in Afghanistan den Wiederaufbau des Landes in einer vorbildlichen Weise gestalten könnte“, so Conrad Schetter. „Das Ganze ist mit dem Angriff der Taliban gescheitert. Und ich denke, dass dies für das Selbstverständnis Deutschlands eine herbe Niederlage war.“ Dennoch sei weder die Bundeswehr noch eine andere fremde Armee im Stande, die Sicherheit im Land herzustellen. Die Rolle der Bundeswehr könne nach Ansicht des Experten eigentlich nur in der Ausbildung und in dem Training von Sicherheitskräften bestehen.

    Der Afghanistan-Experte ist sich sicher, dass die internationale Gemeinschaft für den Wiederaufbau des Landes einen langen Atem werde brauchen müssen. Die Ungewissheit sei auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Der erste lautet: Wie werden sich die USA verhalten?

    Werden sie wieder stärker nach Afghanistan hineingehen? Werden sie mehr in die Sicherheit investieren? Der zweite ist das Verhältnis zwischen den Taliban und dem Islamischen Staat. „Wir wissen sehr wenig darüber, wer der Islamische Staat in Afghanistan ist. Man weiß, dass gerade in Ostafghanistan immer häufiger Milizen unter dem Namen ‚Islamischer Staat‘ auftreten, die auch, anders als die Taliban, stärker gegen traditionelle Eliten vorgehen und in den Orten, wo sie sind, ein Terrorregime aufbauen. Mittlerweile ist es so, dass die Taliban sich in einem ernsten Konflikt mit dem IS befinden. Die Amerikaner, die in Afghanistan noch sind, konzentrieren sich sehr auf die Bekämpfung vom IS. Das führt dazu, dass etwa in Ostafghanistan ganz neue Allianzen entstehen. Durch den IS werden wir in vielen Teilen Afghanistans erleben, dass sich die Situation noch einmal zuspitzt“, resümiert Prof. Conrad Schetter.

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    Taliban, Conrad Schetter, Deutschland, USA, Afghanistan