15:55 18 Dezember 2017
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    SPD-Politiker Nils Diederich

    SPD-Urgestein Diederich: Helmut Schmidt hinterlässt große Lücke

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    Politik
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    Der Tod von Altkanzler Helmut Schmidt ist bundesweit auf große Anteilnahme gestoßen. Bis heute hatte sein Wort im politischen Alltag Gewicht. „Herausragende, profilierte Persönlichkeiten gibt es in Deutschland ja nicht so viele.“ sagt dabei der ehemalige SPD-Abgeordnete und Politologe, Prof. Dr. Nils Diederich (81).

    Herr Dr. Diederich, Sie selbst sind seit 1952 SPD-Mitglied. Welche Erinnerungen haben Sie als erstes, wenn Sie an Helmut Schmidt denken?

    Die erste Erinnerung ist die, dass ich ihn als Bundestagsabgeordneten im Bundestag, als Kanzler von 1976 bis 1983 erlebt habe. Das war ein sehr großes Erlebnis in zweierlei Hinsicht. Erstens waren dort die drei großen Leute der Sozialdemokratie am Vorstandstisch versammelt: Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner. Alle drei unterschieden sich sehr stark. Und was ich an Helmut Schmidt vom ersten Tag an geschätzt habe, ist die Festigkeit seines Urteils. Er hat eigentlich nie geschwankt und trotzdem hatte man den Eindruck, dass er seine Urteile sehr gut begründete.

    Zweitens war Helmut Schmidts Haltung ein Erlebnis. Er war der erste Diener seines Staates, seines Volkes. Er hat seine Positionen immer dargestellt, als Dienstleistungen für das ganze Volk. Und diese Dinge haben mich ganz besonders beeindruckt.

    Was waren die größten Unterschiede zu seinem Vorgänger Willy Brandt? Schmidt ist ja in sehr große Fußstapfen getreten.  

    Der große Unterschied war, Willy Brandt war ein intellektuell denkender und nachdenkender Mensch, auch oftmals zögernd in seinen Entscheidungen. Er war zwar großartig in seinen Reden, aber nicht immer sehr führungsstark. Während Helmut Schmidt eigentlich das genaue Gegenteil war: Immer sehr entschieden, sehr klar. Zwar intellektuell immer auf der Höhe, ein umfassend gebildeter und wissender Mensch, aber er hat nie das Intellektuelle herausgestellt, sondern die Orientierung zum Handeln. Bei Schmidt hatte man den Eindruck, dass alles danach drängt: Wenn ein Problem auftaucht, muss ich erkennen, wie das Problem zu lösen ist. Und das war eine sehr klare, sehr entschiedene Haltung.

    Nun hat Schmidt Deutschland nicht nur während seiner Kanzlerschaft geprägt, auch danach war er durch seine Bücher und Reden immer wieder präsent. Wie glauben Sie, hat Schmidt auch nach seiner aktiven Zeit noch auf das Land eingewirkt?

    Er war immer ein Maßstab, an dem man alle seine Nachfolger gemessen hat. Klar waren die alle anders, vor allem Helmut Kohl, aber trotzdem war es immer so, als wenn Helmut Schmidt über diesen Nachfolgern schwebt und auf sie herabblicken konnte. Und er hat natürlich durch seine Bücher die Diskussion nachhaltig beeinflusst und bei Vielem ist ihm ja im Nachhinein Recht gegeben worden. Gerade zum Beispiel in der Nachrüstungsfrage hat sich herausgestellt, dass sich seine Haltung nachträglich als richtig erwiesen hat. 

    Welches politische Erbe bleibt von Helmut Schmidt?

    Es ist außerordentlich schwierig, ob Staatsmänner ein "Erbe" hinterlassen. Er hat natürlich in einer schwierigen Zeit Deutschland durch die Klippen geschifft. Aber inzwischen sind so viele Dinge vergangen, die deutsche Vereinigung, die Kanzlerschaft Kohls mit vielen Veränderungen, auch die Kanzlerschaft Schröders. Das Erbe ist mehr in der historischen Bedeutung zu sehen, als in tagtäglichen und praktischen Dingen. Er war ja ein großer Pragmatiker und wenn man so will, hat Schröder an diese Politik angeknüpft. Aber mit einem Reform-Antrieb, der Agenda 2010.     

    Nun sagen viele Beobachter, die Stimme von Helmut Schmidt hatte auch bis zum Schluss Gewicht. Wird er eine Lücke hinterlassen, nicht nur für die SPD?

    Der Zeit-Herausgeber und fruehere Bundeskanzler Helmut Schmidt
    © AP Photo/ APN/Malte Christians

    Zweifellos. Nicht nur für die SPD. Er hinterlässt hierzulande natürlich auch eine Lücke. Herausragende, profilierte und auf einer selbstständigen Position stehende Persönlichkeiten gibt es in Deutschland ja nicht so viele. Und da fehlt uns natürlich ein Helmut Schmidt. Und zuletzt haben ihn ja alle nicht nur geachtet, sondern man hat auch auf sein Wort und Urteil gehört. Auch wenn er sich manchmal vielleicht geirrt hat: Er hat ja Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten gefördert und dass das eine unglückliche Kandidatur war, darüber sind sich alle einig. Aber das schmälert überhaupt nicht Schmidts Bedeutung.

    Interview: Marcel Joppa 

     

    Tags:
    Nils Diederich, Helmut Schmidt, Deutschland
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