20:25 25 Februar 2020
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    Unter allen Gegenständen der Ausstellung "Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit" im Martin-Gropius-Bau in Berlin hebt Dr. Jorg Morré, Museumsdirektor Berlin-Karlshorst und ihr deutscher Kurator, den Kugelschreiber hervor, mit dem Lothar de Maizière für die DDR 1990 den 2+4-Vertrag unterschrieben hat.

    „Soweit so gut“, sagte er im Sputniknews-Interview mit Nikolaj Jolkin bei der Eröffnung der gleichen Ausstellung in Moskau, „aber der letzte DDR-Ministerpräsident hat zugegeben, er habe diesen Kugelschreiber nach der Unterzeichnung gestohlen, wie übrigens alle seine Kollegen ihre Kugelschreiber. Da sieht man, wie normal die Geschichte auch ist. Es war allen Beteiligten damals klar: Das ist ein historischer Moment.“

    Jörg Morré (links) im Gespräch mit Nikolai Jolkin
    © Sputnik /
    Jörg Morré (links) im Gespräch mit Nikolai Jolkin

    Den größten Unterschied zwischen den beiden Ausstellungen, die das deutsch-russische Gemeinschaftsteam gestaltet hatte, sieht Jorg Morré im Design. In Moskau sei es klassisch – an den Wänden entlang, Tisch- und Glasvitrinen und dreidimensionale Exponate. In Berlin sei die Ausstellung mehr auf die Graphik und das farbenfrohe Design angelegt, in das Archiv-Dokumente eingebettet worden sind. „In Berlin zeigen wir ausschließlich Kopien, weil deutsche Archive Dokumente für Ausstellungen nicht hergeben“, so Morré. „Es hat aber den Vorteil, dass die deutschen Besucher in diesen Dokumenten blättern können. In Moskau sind zwar Originale ausgestellt, aber man darf sie nicht anfassen.“

    Den Vorwurf der Tageszeitung „Die Welt“, die Ausstellung sei naiv, teilt er nicht. „Das Ziel dieses Projektes ist, dass wir uns gemeinsam einer Geschichtsbetrachtung aussetzen. Es war aber klar, dass wir nicht überall zu gemeinsamen Bewertungen kommen. Von daher wäre es naiv anzunehmen, dass wir am Ende eine gemeinsame Meinung hätten. Diesen Vorwurf lasse ich so nicht gelten, obwohl ich nicht mit allen Entscheidungen bei der Gestaltung der Ausstellungen zufrieden bin. Das gebe ich gerne zu. Es gibt jetzt aber in Moskau wie in Berlin sehenswerte Ausstellungen. Das Schönste wäre, man könnte beide Ausstellungen besuchen!“

    Ausstellung Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit in Moskau
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Ausstellung "Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit" in Moskau

    „Die unausbleiblichen Widersprüche und  Differenzen bei der gemeinsamen Arbeit zu überwinden, hat das gegenseitige Streben des deutsch-russischen Teams nach der Wahrheit der Geschichte geholfen“, stellte Russlands Vize-Kulturministerin Alla Manilowa fest. „Vor dem Hintergrund der sich mehrenden Versuche, die Geschichte umzuschreiben und sie zu fälschen, was einen Protest in der russischen Gesellschaft auslöst, werden die russischen Besucher das sich in dieser Ausstellung widerspiegelnde Streben nach historischer Wahrheit hoch einschätzen. Denn die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland besitzen eine eigenständige Bedeutung und  sind für die Geschicke Europas besonders wichtig.“  

    Der Ministerialdirektor und Amtschef bei dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Günter Winands, setzte diesen Gedanken fort: „Es sind nicht nur 330 Exponate in Moskau, die das zwischen Nähe und Distanz schwankende deutsch-russische Verhältnis seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren beleuchten. Auch die konkrete Arbeit an diesen Ausstellungen ist ein Beispiel für ein zähes, von Fortschritten wie von Rückschlägen gezeichnetes Ringen um Annährung.“

    Ausstellung Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit in Moskau
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Ausstellung "Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit" in Moskau

    „Russland und Deutschland haben im Moment politisch nicht einfache Verhältnisse vor dem Hintergrund der Ukraine und der Krim“, sagte Winands. „Es gibt hier deutliche Meinungsunterschiede. Und wir können darüber jetzt nicht einfach wegsehen. Aber gerade deshalb ist es keine Selbstverständlichkeit, jedoch ein gutes Zeichen, dass wir heute diese Ausstellung eröffnen. Sie zeigt nämlich, dass die deutsch-russische Geschichte immer wieder Höhepunkte, aber auch schwierige Zeiten hinter sich hat, die sie dennoch gemeistert hat.“

    Die Ausstellung beginne mit dem Kriegsende, fährt Günter Winands fort, mit einer Niederlage Deutschlands, die man in Deutschland lange nicht als Befreiung empfunden habe, wie es heute der Fall sei. „Es lohnt sich, Texte und auch zwischen den Zeilen zu lesen. Und wenn man sieht, dass es immer wieder in unseren Beziehungen Schwierigkeiten gab, und wir sie immer wieder gemeistert haben, so bin ich zuversichtlich, dass wir auch die jetzigen Schwierigkeiten hoffentlich bald überwunden haben.“

    Der Kulturbeamte teilte den großen Zuspruch bei der Ausstellung in Berlin mit, mehr als man erwartet habe. Die Medien hätten über sie groß berichtet. Und er sei sich sicher, wenn er den Medien-Auftrieb in Moskau sehe, dass es genauso auch hier der Fall sein werde.   

    Im Unterschied zu der Berliner Schau sind in Moskau  viele Gegenstände ausgestellt, die politisch bedingt vor allen Dingen die engen Beziehungen zwischen den Sowjetmenschen und den DDR-Bürgern verdeutlichen. Etwa einige DDR-Alltagsgegenstände wie Bekleidung, Möbel und Geschirr, welche in der Sowjetunion sehr beliebt waren und heute Nostalgie hervorrufen. Die allgemeine Konzeption beider Ausstellungen ist aber gleich geblieben, weil sie in der Zusammenarbeit der Deutschen und Russen abgestimmt gestaltet wurde.

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    Russland und Deutschland. Von der Konfrontation zur Zusammenarbeit, Alla Manilowa, Jorg Morré, Nikolaj Jolkin, Deutschland, Russland