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    Russischer Kampfjet an türkisch-syrischer Grenze abgeschossen (204)
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    Obwohl der „Islamische Staat“ die Türkei als „Zielscheibe“ betrachtet, will die türkische Führung ihn instrumentalisieren. Diese Meinung äußert ein russischer Orientalist. Er klärt über den Hintergrund der Fehde zwischen Erdogan und Assad auf und bietet drei Versionen an, wozu Ankara den jüngsten Abschuss einer russischen Su-24 brauchte.

    Vitali Naumkin, Chefforscher des Orientalistik-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte in einem am Dienstag veröffentlichten Interview für die „Rossijskaja Gaseta“: „Aus Sicht des ‚Islamischen Staates‘ ist die Türkei als Nato-Mitglied ein Verbündeter des Westens und der USA. Denn trotz der von Präsident Recep Tayyip Erdogan betriebenen Islamisierung ist die Türkei verfassungsmäßig ein weltlicher Staat. (…) Deshalb ist das Land für IS-Kämpfer eine Zielscheibe – ein Beleg dafür sind die bisherigen Anschläge in der Türkei. Andererseits gibt es in der Türkei Kräfte, die mit dem IS sympathisieren und ihm helfen. Mehr noch: Das türkische Regime, die Regierung selbst ist geneigt, den ‚Islamischen Staat‘ für ihre Zwecke auszunutzen, um gewisse Vorteile zu erzielen.“

    Naumkin erläutert, die türkische Führung wolle den IS gegen die Kurden instrumentalisieren, deren Eindämmung für Ankara vorrangig sei: „Ankara ist vor allem besorgt über den Aufstieg der Kurden, über deren militärische Stärke und über den Aufbau einer kurdischen Autonomie auf dem wesentlichen Territorium Syriens. Die Türkei versucht, das zu verhindern.“

    Außerdem nutzt die Türkei laut Naumkin den IS aus, um den Sturz von Baschar Assad herbeizuführen: „Von der türkischen Provinz Hatay aus werden Terrorgruppen in Syrien mit Waffen beliefert. Über Hatay wird auch syrisches Öl geschmuggelt.“

    Der Experte sagt, zuvor habe es gute persönliche Beziehungen zwischen Erdogan und Assad gegeben: „Doch nachdem es in Syrien 2011 zu schweren Unruhen gekommen war, nahm Erdogan die äußerst harte Position gegenüber Damaskus ein, wonach Assad sofort entmachtet werden müsse. Denn in Ankara ging man davon aus, dass Assad nicht lange durchhalten kann und bald gestützt wird – ganz in der Art, wie es zuvor in Tunesien, Ägypten oder Libyen geschehen war. Damit lag die türkische Führung falsch, will das jedoch nicht zugeben.“

    Naumkin konkretisiert: „Ich denke, die Türkei hat einfach falsch kalkuliert. Ein Assad-Rücktritt war ihr Wunschdenken. Demnach sollen die arabischen Nationalisten in Syrien (vertreten durch die Baath-Regierung mit Assad an der Spitze) von einer neuen Staatsmacht abgelöst werden. Auf diese wollte man in der Türkei Einfluss nehmen – und möglicherweise auch die Gelegenheit nutzen, um Privilegien für Ankara zu erzielen und Syrien vielleicht sogar zu unterwerfen. In der Türkei, deren gegenwärtige Führung neo-osmanische Ansichten hat, wird davon geträumt, Syrien oder dessen an die Türkei grenzenden Teil zu unterwerfen und in ein Protektorat zu verwandeln. Und – was am wichtigsten ist – man will dort wiederum die Entstehung einer kurdischen Autonomie oder erst recht eines kurdischen Staates verhindern.“

    © Ruptly .
    Kampfjet-Abschuss: Russlands Verteidigungsamt zeigt Su-24-Flugdaten

    Auf die Frage, ob und inwieweit der türkische Kurs den Ansichten des Westens entspricht, antwortet der Experte: „In die Nato war die Türkei nur mit dem Ziel aufgenommen worden, zu einem Vorposten gegen die Sowjetunion gemacht zu werden. Die Nato kann die Türkei kaum als verlässliches Mitglied bezeichnen. Denn bei vielen Ereignissen folgten die Türken ihrem eigenen Kurs. Die Türkei hatte etwa an der Irak-Invasion im Jahr 2003 nicht teilgenommen und jenen Einsatz missbilligt.“

    „Doch die jüngste Provokation der Türken mit dem russischen Kampfjet geht möglicherweise eben auf ihre Absicht zurück, den USA und dem Westen zu zeigen, dass die Türkei zu ihnen halte und keiner allzu engen Annäherung mit Russland beschuldigt werden dürfe. Ich denke, dieses Motiv spielte eine wichtige Rolle, als sich die Türken für diesen beispiellos rechtswidrigen Akt entschieden“, so Naumkin.

    Er bot auch zwei weitere Versionen zum Su-24-Abschuss durch die Türkei an: „Die zweite Version beinhaltet die Notwendigkeit, die Eliten um Erdogan nationalistisch zu konsolidieren. Dieser fürchtet ja trotz seines Wahlsieges um seine innenpolitische Lage und hält die erreichten Zustimmungswerte für ungenügend. Nun versucht Erdogan, eine solche Konsolidierung durchzusetzen und eine nationalistische antirussische Stimmung hervorzurufen, um seine eigene Macht zu festigen (…).

    Und es gibt schließlich eine dritte Version. Es geht um einen Faktor der Rache. Erdogan hatte ja Russland vorgeworfen, Luftangriffe gegen die Turkomanen geflogen zu haben. Da kenne ich keine Details. Ich weiß nur, dass die syrische Regierungsarmee im Laufe ihrer Offensive auf Milizen der Turkomanen-Opposition stößt. Russland leistet unterdessen Unterstützung für die syrische Armee. Doch Erdogan hat die Verluste unter den Turkomanen-Milizen (diese Verluste gab es wirklich) instrumentalisiert, um Argumente für sein Vorgehen zu bekommen.“

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    Tags:
    Su-24, NATO, Terrormiliz Daesh, Recep Tayyip Erdogan, Russland, Türkei