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    Die Türkei ist mit einem ganzen Netzwerk von radikalen islamistischen Gruppierungen verbunden und hat im Grunde dieselben Feinde wie die Terrormiliz „Islamischer Staat", schreibt der Experte für internationale Beziehungen und Dozent der Marmara-Universität zu Istanbul, Behlül Özkan, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Politico“.

    Diese dubiosen Verbindungen seien erst nach dem Abschuss des russischen Bombers Su-24 Ende November ans Licht gekommen. 

    Eine der strittigsten Fragen ist die Unterstützung der Opposition in Syrien: Ankara unterstützt andere Gruppierungen als seine Verbündeten, mit der Entstehung des „Islamischen Staates" nahmen diese Diskrepanzen zusätzlich zu.

    Einige hochrangige US-Vertreter hatten die Türkei auch früher für Kontakte zu radikalen Islamisten kritisiert. US-Vizepräsident Joe Biden warf Ankara vor, „alle zu unterstützen, die gegen Assad kämpfen“, darunter auch die Al-Nusra-Front und andere Extremistengruppen.

    „Trotz aller Erklärungen erhielten die Radikalen in Syrien regelmäßig militärische Hilfe von Saudi-Arabien und Katar – dabei vermittelte die Türkei und die CIA wusste das genau“, so Özkan.

    Aktuell kämpfe Ankara gegen drei Feinde des „Islamischen Staates", und zwar gegen die Kurden, die Schiiten und den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Seit dem sogenannten Arabischen Frühling im Jahr 2011 unternahmen die Türken alles für einen Sturz Assads. Die Kurden, die seit vielen Monaten bei Kobane und Hasek gegen den IS kämpfen, gehören dem syrischen Zweig der kurdischen Arbeiterpartei PKK an, gegen die Ankara schon seit mehr als 30 Jahren gewalttätig vorgeht. Darüber hinaus wäre die türkische Führung glücklich, wenn  im Irak nicht die Schiiten an der Macht stehen würden. Zudem mache Ankara der wachsende Einfluss des Irans im südlichen Irak Sorgen.

    „Die Türkei und IS haben dieselben regionale Feinde“, schlussfolgert Özkan.

    Als schärfsten und dabei konsequentesten Kritiker der türkischen Politiklinie gegenüber dem IS nennt der Experte den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der den Abschuss des Su-24-Jets durch die Türken als „einen Schlag in den Rücken durch Helfershelfer der Terroristen“ bezeichnet hatte.

    Moskau warf Ankara vor allem den Ankauf von auf durch den IS kontrolliertem Territorium geförderten Öls vor. Das US-Finanzministerium erklärte jedoch daraufhin, das IS-Öl würde Assads Regime kaufen, welches eben Russlands Unterstützung genieße. Der Sprecher Adam Szubin räumte allerdings ein, dass „ein Teil dieses Öls auch über die Grenze in die Türkei transportiert wird“.

    Behlül Özkan verwies darauf, dass die Behauptungen, der IS würde die „löchrigen“ Grenzen des Iraks und Syriens und den wegen der regionalen Konflikte entstandenen Schwarzmarkt nutzen, um sein Öl der Türkei und anderen Nachbarländern zu verkaufen, nicht neu seien.

    Unter anderem hatte US-Außenminister John Kerry bereits 2014 die Türkei und den Libanon als „wichtigste Zielpunkte“ des IS-Ölschmuggels bezeichnet. Türkische Medien berichteten ihrerseits auch von Menschenhandel an der Grenze zwischen der Türkei und IS. Laut Medienberichten drückten die durch den IS geschmierten Ordnungskräfte im Land bei solchen Verbrechen beide Augen zu. 

    Beunruhigend findet Özkan auch den Umstand, dass viele türkische Islamisten Sympathie für den IS empfinden. Dabei  beruft sich der Experte auf einen im September in der New York Times erschienenen Artikel, in dem die Aktivitäten eines Rekrutierungszentrums für Islamisten in Ankara beschrieben wurden.

    Im Juli hatte im Zentrum Istanbuls eine Aktion der IS-Anhänger zum Ende des Ramadans stattgefunden, die Polizei hielt sich heraus. Zudem kursierten immer wieder Informationen, dass verletzte IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern behandelt würden. 

    Die Situation spitzte sich zu, als bekannt wurde, dass der IS türkische Staatsbürger für Terroraktionen in der Türkei nutzte. Im Oktober verübten beispielsweise zwei Selbstmordattentäter in Ankara den größten Terroranschlag in der Geschichte der Türkei, bei der mehr als 100 Menschen getötet wurden.

    Würden jedoch die türkischen Behörden härter gegen den IS vorgehen, könnten die Terrorkämpfer die Türkei, so Özkan, leicht in ein Kriegsgebiet verwandeln. In diesem Zusammenhang erinnerte der Experte an die Anschläge in Paris vom 13. November. Dabei behaupten die Behörden in Ankara aber nach wie vor, der IS wäre „ein Symptom, aber nicht das Hauptproblem“.

    Die in der Türkei regierende „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ besteht darauf, dass der Sturz des syrischen Präsidenten Assad den Anti-IS-Kampf erleichtern würde. Dennoch unterstützt keiner der in den Konflikt involvierten regionalen oder globalen Akteure das Vorgehen der Türken. Diese Länder denken vor allem daran, wie die Terrormiliz IS, nicht Assad, vernichtet werden könnte. Ankara müsse dieser Strategie zustimmen, selbst wenn es dafür einen hohen Preis zahlen müsse.

    Deshalb grübelten die türkischen Behörden jetzt besonders darüber nach, wie sie sich aus dieser IS-Affäre herauswinden könnten, schließt Behlül Özkan.

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    Tags:
    Su-24, Terrormiliz Daesh, CIA, Dschabhat al-Nusra, Behlül Özkan, Baschar al-Assad, Joe Biden, Syrien, Türkei