16:46 18 August 2017
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    „Überraschungen auf Schritt und Tritt“: USA mangelt es extrem an Russland-Kennern

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    Politik
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    Dem amerikanischen Establishment mangelt es akut an kompetenten Russland-Experten. Das ist der Grund, warum die US-Regierung immer wieder von Moskau überrumpelt wird, schreibt die Zeitung „The Washington Post“.

    Sowohl Kongressmitglieder als auch die Expertengemeinschaft als auch ehemalige Regierungsbeamte vermuten, dass der Mangel an Russland-Experten der US-Politik der USA schadet, schreibt „The Washington Post“ in der am Donnerstag-Ausgabe. Die Hauptursache ist demnach die mangelnde Finanzierung der Russland-Studien in stattlichen Institutionen, Universitäten und analytischen Zentren (ThinkTanks), was ein rekordmäßiges Sinken des Interesses an der russischen Sprache unter den Studenten gefördert hat, meint die Ausgabe. „Wie die Experten sagen, ist es somit unvermeidlich, dass die USA solange in einer strategisch schlimmen Lage sein werden, bis sie die verlorene Zeit wettgemacht und eine neue Kohorte von Russland-Experten geschaffen haben.“

    Überraschungen auf Schritt und Tritt

    Führende Experten für Aufklärung und nationale Sicherheit warnen, dass das Wissen über Russland und die Möglichkeit, Informationen über seine Absichten zu sammeln, unter dem erforderlichen Niveau liegen. „Experten, Gesetzgeber und ehemalige Regierungsbeamte beschreiben die nationalen Sicherheitsorgane, die seinerzeit voller erfahrener Russland-Experten waren, darunter auch auf höchster Entscheidungsebene, sich jetzt aber auf ein freieres Regime  stützen – auf  weniger ranghohe Experten, die keine Möglichkeit haben, auf die Politik Einfluss zu nehmen“, so die Ausgabe.

    Im Ergebnis seien Russlands Handlungen für das Establishment in den USA unkalkulierbar, geben einflussreiche Kongressmitglieder zu. „Ein jeder Schritt war für uns eine Überraschung. Eine Überraschung war, als sie auf die Krim gegangen sind, eine Überraschung war, als sie nach Syrien gegangen sind“, erklärte der einflussreiche Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat des Landes, John McCain, Vorsitzender des Senatsausschusses für die Streitkräfte. Der Chef des Senatsausschusses für Aufklärung, Richard Barr, sagte, die Experten-Möglichkeiten der Regierung zu Russland seien „geschrumpft“. „Wir müssen die Bemühungen verdoppeln, um Russland auf neue Art zu sehen“, meint Barr.

    Unter den kompetenten Russland-Experten nennen Quellen der Ausgabe die  führende Beraterin des Präsidenten Obama, Celeste Wallander, und die Assistentin des US-Außenministers, Victoria Nuland. Sie bemerken jedoch, dass es in der Regierung fast keine anderen Leute mit einem solchen Wissensstand gebe.

    „Begibt sich ein ranghoher Regierungsbeamter auf den Kapitol-Hügel (zur Aussage vor dem Kongress – Red.), nimmt man an, dass er ein Expertenwissen besitzt. Das ‚schmutzige‘ Geheimnis besteht jedoch darin, dass unsere Möglichkeiten schrecklich schlecht sind“, sagte Matthes Rojansky, Direktor des Kennan Institute, das sich mit Russland befasst. Er erzählte, er habe Beamten von Weißrussland erzählt, von denen kein einziger je dort gewesen sei. Ganze Struktureinheiten des Nato-Apparats haben keine einzige Person, die die russische Presse lesen könne, ergänzte  Rojansky.

    Veränderungen herangereift

    Das Mitglied des Repräsentantenhaus-Ausschusses für Aufklärung, Adam Schiff, sagte, Russland sei eine geringere Priorität gewesen, solange es nicht als Bedrohung wahrgenommen wurde. Nun aber seien Veränderungen „gewiss erforderlich“, so der Kongressabgeordnete. Aber man werde in einem Tag keine Russland-Experten ausbilden können. Russlands Politik sei schwer zu kalkulieren. Dort seien die elektronische Aufklärung und die operative Sicherheit gut entwickelt, bemerkte er außerdem.

    Was die Kalkulierbarkeit betrifft, so ist die Russland-Forscherin Fiona Hill, früher Spezialistin des Nationalen Aufklärungsrates und jetzt eine Direktorin der Brookings Institution, mit ihm nicht einverstanden. „Das ist, als würde man sagen, man hat uns nichts über die eigene Strategie erzählt, also können wir sie auch nicht erraten, wobei das (in Wirklichkeit) Zeit, Anstrengungen und Expertenwissen erfordert“, sagte Hill.

    Russlands Handlungen hätten seine Erforschung in den USA ebenfalls erschwert, meinen die Experten. Insbesondere klagen sie darüber, dass die Reduzierung der Studentenaustausch-Programme die Ausbildung amerikanischer Spezialisten, die sich in der russischen Thematik auskennen, behindere. „Das anhaltende diplomatische und sanktionsbedingte Gegenüberstehen zwischen den USA und Russland hat bereits die Möglichkeiten für einen Bildungs- und Business-Austausch verringert, und die russischen Gesetze gegen ‚ausländische Agenten‘ und ‚unerwünschte Organisationen‘ erschweren es den Amerikanern, Zeit im Land zu verbringen“, schreibt die Zeitung.

    Der ehemalige US-Botschafter in Russland, Michael McFaul, erklärte, Amerika habe einen Fehler gemacht, als es meinte, Russland sei schwach, da es jetzt eine der Großmächte sei, was sich in den nächsten Zeit nicht ändern werde. „Der vor 20 Jahren zugelassene Fehler bestand in der Annahme, dass Russland eine schwache Macht, eine Macht im Verfall sei. Ob es eine große oder mittlere Macht ist – darüber kann man streiten. Aber es ist eine Großmacht, sie gehört zu den  fünf oder zehn führenden Wirtschaften, es ist die führende Atommacht in der Welt und jetzt, berücksichtigt man die von Putin in die Armee  getätigten Investitionen, ist es eine der größten Militärmächte in der Welt. Diese Tendenzen werden sich im Laufe der nächsten 20 oder 30 Jahre nicht ändern“, sagte McFaul.

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    Tags:
    Michael McFaul, Fiona Hill, Matthes Rojansky, Richard Barr, John McCain, USA, Russland
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