13:32 24 Juni 2019
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    Tausenden türkischen Geisteswissenschaftlern drohen Disziplinarverfahren und Haftstrafen

    Unterdrückung in Türkei: 12 Forscher wegen Friedensappell festgenommen

    © Sputnik / Maksim Bogodvid
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    Über Tausend türkischen Geisteswissenschaftlern drohen Disziplinarverfahren und Haftstrafen, nachdem sie zu einem Stopp der Gewalt im Südosten des Landes aufgerufen haben, meldet die Agentur Anadolu. 21 Menschen wird die Verunglimpfung des Staates vorgeworfen, 12 Personen wurden bereits festgenommen.

    Die Wissenschaftler werden der „öffentlichen Herabwürdigung des Staates, des türkischen Volkes, der Regierung, des Parlaments und Gerichts“ und der „Propaganda für eine Terrororganisation“  beschuldigt.

    Am 10. Januar hatten 1128 türkischer Akademiker aus 89 türkischen Universitäten die Erklärung „Akademiker für den Frieden“ veröffentlicht, in der sie die türkischen Behörden dazu auffordern, die Gewalt gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Südosten des Landes zu beenden und den Weg zurück zum Verhandlungstisch zu finden, um das Problem mit der kurdischen Minderheit zu lösen. Diesen Aufruf haben beispielsweise auch weltbekannte Intellektuelle wie Noam Chomsky, Slavoj Žižek, Etienne Balibar und Judith Butler unterschrieben.

    „Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf Freiheit und Sicherheit vor Übergriffen, insbesondere das Verbot von Folter und Misshandlung, praktisch alle Freiheitsrechte, die durch die Verfassung und durch die Türkei unterzeichnete internationale Abkommen unter Schutz stehen, werden verletzt und außer Kraft gesetzt“, heißt es im Appell.

    Die von Straßenkämpfen zwischen Regierungskräften und PKK-Kämpfern zerrüttete Stadt Diyarbakir
    © Sputnik / Ömer Faruk Baran
    Die von Straßenkämpfen zwischen Regierungskräften und PKK-Kämpfern zerrüttete Stadt Diyarbakir

    Dieser Aufruf hat kurz danach allerdings heftige Kritik seitens des Präsidenten Erdogan höchstpersönlich ausgelöst: Das türkische Staatsoberhaupt bezeichnete die Akademiker während eines Auftritts als „erbärmliche Parodie auf Aufklärungs-Professoren“, „Banausen“ und als „Terrorunterstützer“, die angeblich zur fünften Kolonne gehören würden.

    „Das sind keine hellen Köpfe, sondern finstere Gestalten“, sagte Erdogan. Es würden Disziplinarverfahren und, wenn nötig, Entlassungen der Unterzeichner ins Auge gefasst, kündigte er an. Der Hochschulrat der Türkei erwäge ebenfalls rechtliche Schritte bis hin zum Ausschluss.

    Der umstrittene Panturkist Sedat Peker, der trotz rechtskräftiger Verurteilung wegen Mordes und Mafiahintergrund auf freiem Fuß ist – in der Türkei munkelt man von einem Deal mit dem Staat – drohte den Akademikern auf seiner Internetseite mit Rache: Das Blut der Wissenschaftler werde in Strömen vergossen werden und sie würden in Blutstrom baden, berichtete das Deutsch Türkische Journal.

    Die von Straßenkämpfen zwischen Regierungskräften und PKK-Kämpfern zerrüttete Stadt Diyarbakir
    © Sputnik / Ömer Faruk Baran
    Die von Straßenkämpfen zwischen Regierungskräften und PKK-Kämpfern zerrüttete Stadt Diyarbakir

    Zuvor war berichtet worden, dass bereits über 100.000 Menschen wegen der andauernden Gefechte der türkischen Regierungskräfte gegen die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Südosten der Türkei, wo insgesamt etwa 1,3 Millionen Menschen leben, auf der Flucht sind. Die Behörden der Türkei haben in einer Reihe der von Kurden bewohnten Regionen im Südosten des Landes eine Ausgangssperre verhängt. Zu den betroffenen Gegenden gehören das Viertel Sur der Stadt Diyarbakir, Djir und Sinopie in der Provinz Schirnak, aber auch in Nusaybin und Dargeçit, Provinz Mardin, wo die Straßenkämpfe zwischen Regierungskräften und PKK-Kämpfern andauern. Die Sicherheitskräfte haben acht der 13 höchst unsicheren Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht, in denen die kurdischen Kämpfer versuchten, autonome Gebiete zu schaffen, die von der zentralen Regierung nicht kontrolliert werden.

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    Tags:
    Repressionen, Grundwerte, Wissenschaft, Meinungsfreiheit, Kurden, Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Judith Butler, Etienne Balibar, Slavoj Žižek, Recep Tayyip Erdogan, Noam Chomsky, Türkei