18:32 22 Juni 2017
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    Armut in der Ukraine

    Zwei Jahre Maidan bringen Ukraine an den Bettelstab - Medien

    © AP Photo/ Emilio Morenatti
    Politik
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    Zwei Jahre nach dem Maidan ist die Bevölkerung der Ukraine im Elend angekommen. Das durchschnittliche Einkommen hat sich halbiert, die Kaufkraft der Bevölkerung ist zusammengebrochen. Westliche Investoren wollen jetzt ihr Geld aus dem Land abziehen, schreibt die Tageszeitung „Junge Welt“.

    Die ukrainische Führung verweise auf den Krieg als Ursache der schlechten Wirtschaftslage, schreibt der Autor Reinhard Lauterbach. Die westlichen Investoren hielten dies jedoch für eine Ausrede. Der wahre Grund seien die Kiewer Machthaber, die wenig bis nichts getan hätten, um Korruption und Insidergeschäfte zu unterbinden.

    Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko
    © AFP 2017/ TOBIAS SCHWARZ
    Im Schuldenstreit mit Russland versuchten alle Seiten offenbar, eine für jeden gesichtswahrende Lösung zu finden. Russland hatte angekündigt, die Ukraine auf Rückzahlung der drei Milliarden in London zu verklagen, lasse sich aber mit dem Einreichen der Klage Zeit. Der IWF habe Anfang Dezember zwar prinzipiell den Geldhahn offengehalten, aber konkret würde Cash nur fließen, wenn die Ukraine mit Russland „ehrlich verhandle“. Daran scheint man in Washington Zweifel zu haben. Dabei haben die ukrainischen Behörden die dritte Kreditrate des IWF für 2015, die eigentlich schon im August hätte ausgezahlt werden sollen, immer noch nicht bekommen.

    Darüber hinaus gehe der ukrainische Außenhandel stark zurück. Da Moskau den Transit ukrainischer Waren wegen des Beitritts der Ukraine zur EU-Freihandelszone stark eingeschränkt habe, würden deren Produkte jetzt über das Schwarze Meer, Georgien und Aserbaidschan sowie über das Kaspische Meer an dessen Ostufer transportiert, von wo aus sie dann ihre Bestimmungsorte erreichen sollen. Die turkmenischen und kasachischen Hafenkapazitäten dürften die Leistungsfähigkeit dieser neuen „Seidenstraße“ allerdings wesentlich begrenzen.

    Nach einer Analyse von Raiffeisen-International fehlten „der ukrainischen Wirtschaft wettbewerbsfähige Produkte für den EU-Binnenmarkt“. Westeuropäische Banken, die in der Vergangenheit in dem Land investiert haben, wollen ihre Beteiligungen abstoßen, „gegebenenfalls auch an russische Investoren“. Der größten ukrainischen Bank, der Priwatbank von Oligarch Igor Kolomojskij, drohe die Pleite. Die Bank könne aber nicht in die Insolvenz geschickt werden, weil auf ihren Konten 30 Prozent aller privaten Einlagen der Bevölkerung lägen und ein Banken-Run das Letzte wäre, was die Regierung in Kiew und ihre westlichen Unterstützer derzeit gebrauchen könnten.

    Die Lage der Bevölkerung könne nur als erschütternd beschrieben werden, betont der Autor. Das durchschnittliche Einkommen habe sich seit dem Ende der Janukowitsch-Ära halbiert und liege bei umgerechnet 156 Euro – auf einem der letzten Plätze Europas. Die Inflation lag 2014 bei 25, 2015 bei 34 Prozent. Die Binnenkaufkraft habe sich halbiert. Laut dem Autor beträgt die durchschnittliche Rente umgerechnet 80 Euro und wird Pensionären, die parallel noch einer Arbeit nachgehen, pauschal um 15 Prozent gekürzt.

    Kein Wunder, dass sich immer mehr Ukrainer nur noch von den auf der Datscha oder durch Verwandte auf dem Land angebauten Lebensmitteln ernähren. Auch Dienstleistungen aller Art würden laut Lauterbach bereits gern gegen Sachwerte erbracht.

    Die Schattenwirtschaft nehme nach Weltbank-Schätzung ein Volumen von 50 Prozent der Wirtschaftsleistung ein. Das jedoch könne man auch positiv sehen, meint der Autor. Die Realität sei wahrscheinlich besser als die Zahlen. Aber in die EU-Freihandelszone ist die Ukraine an den Bettelstab geraten.

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    Tags:
    Armut, Wirtschaft, Maidan, IWF, Kiew, Ukraine
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