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06:31 17 Juli 2019
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    Syrisch-türkische Grenze

    Syrien-Beschuss und Erdogans Motive: „Die Türkei ist erschrocken“

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    Politik
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    Die Türkei wagt nach Ansicht russischer Experten kaum einen Heereseinsatz in Syrien. Auch die türkische Militärspitze streitet entsprechende Pläne ab. Einen Artilleriebeschuss des syrischen Territoriums hat sie trotzdem befohlen – warum?

    Alexej Malaschenko, Experte des Carnegie Moscow Center, sagte der russischen Onlinezeitung gazeta.ru: „Der Vormarsch der Kurden im Norden Syriens ist für Erdogan sozusagen wie ein Messer im Rücken. Die Türkei ist offenbar halt erschrocken. Die Kurden, die längst eine Autonomie auf dem türkischen und auf dem syrischen Territorium fordern, haben plötzlich eine Chance bekommen. Und eine kurdische Autonomie würde einen sehr herben Rückschlag für die türkische Staatlichkeit bedeuten, aber auch für die persönliche Autorität Erdogans.“

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    Die türkische Artillerie hatte am Samstag kurdische Stellungen in Syrien unter Beschuss genommen. Damit reagierte die Türkei auf die Eroberung eines nördlich von Aleppo gelegenen Flugplatzes durch die Kurden-Miliz YPG. 

    Der russische Auslandsexperte Wladimir Jewsejew kommentierte für gazeta.ru: „Die Türkei versucht derzeit, die Kurden daran zu hindern, die syrischen Bezirke Afrin und Kobane zu vereinigen. Die türkische Artillerie will einen Keil dazwischen treiben.“

    Einen türkischen Einmarsch in Syrien hält Jewsejew allerdings für wenig wahrscheinlich: „Falls die Türkei beschließt, ihre Truppen nach Syrien zu entsenden, wird das ein Abenteuer sein. Die Türkei wäre nicht in der Lage, eine solche Offensive aus der Luft zu unterstützen. In Syrien sind russische Kampfjets sowie russische Luftabwehrsysteme im Einsatz, darunter auch S-400-Raketen auf dem Stützpunkt Chmeimim. Niemand wird der türkischen Luftwaffe erlauben, über Syrien zu fliegen. Falls die Türkei versucht, sich einen Korridor von ihrer Grenze bis nach Aleppo mit Unterstützung loyaler syrischer Kämpfer zu sichern, wird es sehr leicht sein, diesen Korridor zu unterbrechen.“

    Tatsächlich stritt der türkische Verteidigungsminister Ismet Yılmaz am Montag Pläne für einen Syrien-Einmarsch ab. Dieser komme nicht in Betracht, sagte der Minister, wie die Agentur Anadolu meldete. Und jene Medienberichte, wonach 100 türkische Soldaten bereits in Syrien seien, entsprechen laut Yılmaz nicht der Wahrheit.

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    Boris Dolgow, Experte des Orientalistik-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte am Montag der Agentur Ria Novosti: „Die Türkei wird keine groß angelegte Invasion mit vielen Soldaten und Kampffahrzeugen wagen – zumindest ohne US-Zustimmung (…) Es wäre ein ziemlich riskanter Schritt, eine Attacke ohne Nato-Zustimmung zu starten, denn dies würde einen richtigen Krieg bedeuten, in den weitere Nato-Mitglieder involviert werden könnten.“

    Dabei könnten kleinere Provokationen laut Dolgow den Türken dabei helfen, ihre Ziele in der Region zu erreichen: „Die von der Türkei unterstützten Gruppen erleiden in den letzten Monaten Niederlagen und stehen knapp vor einer Zerschlagung – nicht zuletzt wegen der russischen Luftangriffe in Syrien.“ Das derzeitige türkische Vorgehen ziele nun darauf ab, diese Gruppen zu retten, hieß es.

    Seinerseits kommentierte Malaschenko: „Moskau hat Ankara mehrmals vorgeworfen, den syrischen Friedensprozess destruktiv zu beeinflussen. Erdogan selbst bestätigte nun diese Vorwürfe, indem er gefährliche Kampfhandlungen startete.“

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    Tags:
    Kurden, NATO, Wladimir Jewsejew, Recep Tayyip Erdogan, Türkei, Syrien