08:23 22 September 2017
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    Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und US-Staatschef Barack Obama

    Washington vs. Moskau: „Schlimmer als im Kalten Krieg“

    © AFP 2017/ Greg Baker
    Politik
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    In der postsowjetischen Ära scheint die ideologische Konfrontation zwischen Washington und Moskau in gewisser Hinsicht sogar härter zu sein, als während der Sowjetzeit. Zu diesem Schluss gelangt ein russischer Historiker. Er erklärt, welche Faktoren die USA besonders irritieren.

    „Schlimmer als im Kalten Krieg“: So betitelt der Historiker Alexej Fenenko, Experte des Instituts für internationale Sicherheit der Russischen Akademie der Wissenschaften, seinen Gastbeitrag für die neue Ausgabe des Magazins „Russia in Global Affairs“. Er schreibt: „Der Zerfall der Sowjetunion hat eine Welle von Behauptungen ausgelöst, wonach es nun keine ideologischen Widersprüche zwischen Moskau und Washington mehr gebe. Doch in Wirklichkeit kamen reale ideologische Widersprüche erst nach 1993 zum Vorschein.“ 

    „Nach einer kurzen Phase von betont proamerikanischer Rhetorik weigerte sich Russland seit Ende 1994 offiziell, US-Konzepte in Sachen Führung und Demokratie-Verbreitung anzuerkennen. Im Jahr 1997 bot Russland gemeinsam mit China die Idee einer multipolaren Welt an. Washington, das die Führungsrolle in der damals entstehenden Weltordnung beanspruchte, reagierte nervös. Die neue ideologische Konfrontation erwies sich als härter im Vergleich zur einstigen Konfrontation zwischen Kommunismus und Liberalismus. Nun ging es nicht mehr um eine Koexistenz zweier Lager, sondern um Aufbau-Varianten einer globalen Welt. Im Gegensatz zur Sowjetunion und den USA hatten Russland und Amerika keine Möglichkeit mehr, sich in ihr jeweiliges Haus zurückziehen “, so Fenenko.

    Aus seiner Sicht gab es damals zwei Faktoren, die die USA besonders irritierten: „Erstens konnte Moskau trotz aller Schwierigkeiten des Zeitraums von 1990 bis 1993 das sowjetische Militär- und vor allem das Nuklear-Potenzial behalten. Russland blieb das einzige Land, das in der Lage wäre, Amerika unmittelbar zu vernichten bzw. einen Krieg mit vergleichbaren Waffen gegen Amerika zu führen. Zweitens behielt Russland den Status als UN-Vetomacht, der ihm bei Bedarf ermöglicht, Washingtons Aktivitäten zu blockieren oder um Legitimität zu bringen.“   

    „Trotz aller Deklarationen von einer ‚strategischen Partnerschaft‘ zielte die US-Politik darauf ab, das russische strategische Potenzial auf einen für die USA ungefährlichen Stand drastisch zu reduzieren (und im Idealfall überhaupt zu liquidieren). Die USA waren an keiner Wirtschafts-Modernisierung in Russland interessiert, denn diese setzte auch eine Modernisierung der russischen Rüstungsindustrie voraus“, schreibt der Historiker weiter.

    Er postuliert: „Die Missgunst der US-Elite nahm zu, als diese begriff, dass ihr nicht so viele Mittel zur Verfügung stehen, um Russland real zu ‚bestrafen‘. Zwar kann man Nadelstiche in Form von Sanktionen gegen russische Unternehmen beschließen oder die Menschenrechtssituation in Russland abermals bemängeln. Doch die Ukraine-Krise zeigte, dass der wirtschaftliche Kampf gegen Russland nur in dem Fall den USA eine Dividende bringen wird, wenn Amerika sich die absolute Rückendeckung durch die EU sichert – dies ist möglich, aber ziemlich fragil.“ 

    „Ungefähr seit Herbst 1994 begann Washington, auf seine Unterstützung für Boris Jelzin zu verzichten. Die US-Regierung sprach von einem Scheitern des demokratischen Transits in Russland und davon, dass sich in Moskau ein ‚neozaristisches‘ (lies: US-feindliches) Regime etabliere. In der öffentlichen Meinung der USA setzte sich die Ansicht durch, dass Russland kein ‚ordentliches‘ Land sei und für eine Demokratisierung kaum geeignet. In Russland wurden die Vereinigten Staaten indes immer mehr als Macht wahrgenommen, deren Politik die Existenz Russlands gefährdet. Seit Anfang 2007 sprachen die beiden Länder weder von einer Partnerschaft mehr noch von ihrer Absicht, eine Partnerschaft aufzubauen. Die gegenseitige Irritierung begann sich auf Ebene der offiziellen Rhetorik zu manifestieren“, so der Kommentar.

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    Tags:
    Kalter Krieg, Alexej Fenenko, Russland, USA
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