13:05 21 November 2019
SNA Radio
    Michail Gorbatschow als Generalsekretär des ZK der KPdSU

    Gehasst und gepriesen: Streitfigur Gorbatschow spaltet Russland bis heute

    © Sputnik / Boris Babanov
    Politik
    Zum Kurzlink
    629824
    Abonnieren

    Der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, der am Mittwoch seinen 85. Geburtstag feiert, zählt wohl zu den widersprüchlichsten Figuren der russischen Geschichte. Über die von ihm eingeleitete Perestroika wird bis heute vehement gestritten. Die einen hassen Gorbatschow, die anderen würdigen sein Schaffen.

    Kritik: „Das kann ich ihm nicht verzeihen“ 

    Der russische Buchautor Nikolai Starikow kommentiert für die Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“: „Als die Perestroika begann, war ich 15 Jahre alt. 1987 nahm ich mein Studium an einer Hochschule für Ingenieurwesen und Wirtschaft auf. Als ich mein Diplom erhielt, gab es im Land keine Wirtschaft oder Chemieindustrie mehr, wo ich tätig sein könnte. Viele wie ich waren gezwungen, als Wächter ihr Geld zu verdienen oder Zeitungen in Vorortszügen zu verkaufen. Und es fällt mir schwer, Gorbatschow dies zu verzeihen.“

    • Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der UdSSR
      Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der UdSSR
      © AP Photo / Boris Yurchenko
    • Michail Gorbatschow
      Michail Gorbatschow
      © AP Photo / Hо/Time Magazine
    • Michail Gorbatschow in Kasachstan (1991)
      Michail Gorbatschow in Kasachstan (1991)
      © Sputnik / Boris Babanov
    • Michail Gorbatschow  und Boris Jelzin (1991)
      Michail Gorbatschow und Boris Jelzin (1991)
      © Sputnik / Boris Babanov
    • Michail Gorbatschow in Kasachstan (1991)
      Michail Gorbatschow in Kasachstan (1991)
      © Sputnik / Boris Babanov
    • US-Präsident George H. W. Bush und der erste und letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow
      US-Präsident George H. W. Bush und der erste und letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow
      © Sputnik / Yuriy Somov
    • Michail Gorbatschow
      Michail Gorbatschow
      © Sputnik / Alexei Danichev
    • Russlands Präsident Wladimir Putin und der erste und letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow
      Russlands Präsident Wladimir Putin und der erste und letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow
      © Sputnik / Dmitriy Astakhov
    • Michail Gorbatschow und seine Frau Raisa in Indien (1986)
      Michail Gorbatschow und seine Frau Raisa in Indien (1986)
      © AP Photo / Boris Yurchenko
    1 / 9
    © AP Photo / Boris Yurchenko
    Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der UdSSR

    „Ich kann ihm nicht verzeihen, dass einige aus meinem Schuljahrgang an Drogen starben; dass manche von meinen Bekannten in ethnischen Konflikten getötet wurden, die überall im Land entbrannten; dass mancher zum Säufer wurde und verkam, weil er infolge der Reformen keine Arbeit mehr finden konnte. Ich kann Gorbatschow weder unsere Offiziere verzeihen, die aus

    Deutschland buchstäblich ins freie Feld verlegt wurden, noch unsere verratenen Verbündeten – von Afghanistan bis Kuba“, so Starikow.

    „Mit einem Griff zerstörte er das Wirtschaftsbündnis unserer Verbündeten, den RGW, indem er diesen auf Dollar-Verrechnungen umstellte. Ohne besondere Not löste er auch das militärpolitische Bündnis auf, den Warschauer Pakt. Oder war Gorbatschow wirklich so naiv zu glauben, dass die Nato danach ebenfalls eine Selbstauflösung beschließen würde? (…) Warum konnte China, das an unserem Modell festhielt, im Vergleich zu uns aber stark zurückblieb, schließlich phantastische Resultate erzielen, während die Sowjetunion zusammenbrach? Wer sagt, die UdSSR hätte keine Perspektive gehabt, leugnet die Realität“, so der Kommentar.

    „Ich denke, Gorbatschow kämpfte nicht um die Aufrechterhaltung der Sowjetunion, sondern um die seines eigenen Einflusses. (…) An dieser Figur sehe ich deshalb nichts Positives. Auch das Volk wurde im Jahr 1991 von ihm völlig enttäuscht“, betonte Starikow zum Schluss.

    Lob: „Lethargisches Land bekam Pulsschlag wieder“

    Der Politik-Experte Andrej Gratschow, einst Gorbatschows Pressesprecher, weist in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift „Ogonjok“ darauf hin, dass die Sowjetunion dringend eine Umgestaltung brauchte: „Das äußerst reiche Riesenland mit seiner unvergleichlichen Kultur, mit einem fortgeschrittenen Bildungs- und Forschungswesen, schaffte es nicht, seinen Bürgern ein würdiges Leben zu sichern und lebte in einem politischen Feudalismus, der sich als Zukunft der Menschheit ausgab.“

    Der Autor weist auf die revolutionäre Bedeutung von Gorbatschows Perestroika hin: „Welchem Land außer Russland ist es noch gelungen, innerhalb von sechs Jahren die Wende von einer jahrhundertelangen Autokratie zur Freiheit zustande zu bringen? Die politischen Repressalien wurden gestoppt, es begann die Entstalinisierung. Glasnost und Freiheit des Wortes kehrten ein. Archive wurden erstmals geöffnet, Dissidenten aus psychiatrischen Kliniken entlassen. Politische Gefangene kehrten aus den Straflagern zurück. Hervorragende Exil-Künstler erlangten die ihnen zuvor aberkannte sowjetische Staatsbürgerschaft wieder. Die Perestroika gab den Gläubigen ihre Gotteshäuser zurück und sicherte real die Gewissensfreiheit.“ 

    „Die Perestroika widerlegte schließlich die Behauptung, dass Russland geschichtlich dazu verdammt sei, von einem autokratischen bzw. autoritären Regime regiert zu werden. Die Perestroika konnte nachweisen, dass die russische Gesellschaft fähig ist, sich selbst vom Totalitarismus zu befreien. All dies gab dem lethargischen Land den Pulsschlag eines lebendigen Organismus wieder“, postuliert Gratschow.

    Er weist auch auf die damals ungünstige außenwirtschaftliche Lage hin, die die Reformen zusätzlich störte: „Die politische Krise in der Sowjetunion wurde durch den wirtschaftlichen Kollaps geschürt. Nach dem von der Reagan-Regierung verursachten Preissturz kostete Erdöl höchstens zehn US-Dollar pro Barrel. Später sagte Gorbatschow: ‚Hätte ich mich wie Putin auf einen Ölpreis über 100 Dollar stützen können, wären die meisten politischen Probleme der Perestroika gelöst worden.‘ Im Gegensatz zu den bisherigen sowjetischen Herrschern einschließlich Andropow wollte Gorbatschow die Staatskasse nicht durch einen massiven Wodka-Verkauf füllen.“

    „Der Preis, den Gorbatschow wider Willen für jene Umgestaltung seines Landes und der ganzen Weltpolitik zahlen musste, war der Zerfall der Sowjetunion und sein eigener Rücktritt. Wie sich herausstellte, war es wesentlich einfacher, die Welt umzugestalten, als dies mit Russland zu tun,. Wohl aus diesem Grund war Gorbatschows Perestroika eher geopolitisch als national. Bis heute hat er mehr Zuhörer und Gleichgesinnte im Ausland als zu Hause“, so Gratschow.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Gorbatschow schlägt Gründung von Welt-Dialog-Forum über globale Probleme vor
    Gorbatschow für Wiederherstellung russisch-deutscher Beziehungen
    30 Jahre später: Wohin Gorbatschows Perestroika geführt hat
    Gorbatschow warnt: USA könnten realen Krieg mit Russland riskieren
    Tags:
    Nikolai Starikow, Michail Gorbatschow, UdSSR, Russland